1933-1939

Alltagsleben im NS-Staat



Neben Hakenkreuzfahnen verkündete im Frühjahr 1933 auch das massenhafte Auftreten von Angehörigen
der Sturmabteilung (SA) im Straßenbild unübersehbar von der nationalsozialistischen Machtübernahme.
Die Nationalsozialisten veränderten das Alltagsleben der Bevölkerung im Deutschen Reich durch Reglementierungen und neue Massenorganisationen nachhaltig. Durch Verbote von Vereinen und Verbänden vielfach aufgelöst wurden gesellschaftliche Nischen und eigenständige Milieus. Bei vielen Deutschen jedoch, sofern sie nicht aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt und ausgegrenzt wurden, herrschte durch positiv empfundene Veränderungen nach vergleichsweise kurzer Zeit Zuversicht und Aufbruchstimmung. Anstelle klassenkämpferischer Parolen trat nach 1933 auch bei den meisten Arbeitern und kleineren Angestellten das propagierte Gleichheitsideal der "Volksgemeinschaft" in den Vordergrund.

[Plakat des Winterhilfswerkes, um 1933] Ihren Machtanspruch versuchten die Nationalsozialisten auch durch Veränderungen im alltäglichen Umgang miteinander zu manifestieren.
Obwohl der sogenannte Deutsche Gruß mit ausgestrecktem rechtem Arm und den Worten "Heil Hitler!" nie durch ein Gesetz Rechtsverbindlichkeit erlangte, war diese Form der Begrüßung nicht nur im Verkehr mit Behörden üblich.
Den Gruß zu verweigern, trauten sich nur wenige, aus Sorge vor Unannehmlichkeiten und Repressalien. Angst war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme bei vielen Menschen allgegenwärtig - vor Denunziation und Terror aufgrund regimekritischer Haltung oder vor Ausgrenzung und Verfolgung, weil dem "arischen" Ideal nicht entsprochen werden konnte.

Ein großer Teil der Bevölkerung verband mit der von Adolf Hitler propagierten "nationalsozialistischen Revolution" jedoch die Hoffnung auf Überwindung von sozialer Not in Folge der Weltwirtschaftskrise. Die NS-Führung war sich durchaus bewusst, dass die Konsolidierung ihrer Macht entscheidend von der Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Stabilisierung Deutschlands abhing. Eine kontinuierliche Abnahme der Arbeitslosenzahlen durch - zum Teil schon vor 1933 ausgearbeitete - Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung sowie durch Rüstungsprogramme verschafften den neuen Machthabern innerhalb kurzer Zeit weitgehende Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Um den Arbeitsmarkt zusätzlich zu entlasten, wurden zudem sogenannte Ehestandsdarlehen von bis zu 1.000 Reichsmark eingeführt.
Mit Erhalt des Geldes verpflichteten sich Frauen, nach der Heirat ihren Beruf aufzugeben. Zugleich sollten damit Eheschließungen gefördert werden, wodurch sich die Frauen ganz auf die ihnen zugedachte Rolle als Mutter und "Erhalterin des Volkes" konzentrieren konnten. [Schild: "Volksgenosse, tritts du ein, soll Dein Gruß "Heil Hitler" sein", nach 1933] Tatsächlich stieg die Zahl der jährlichen Eheschließungen in Deutschland - bedingt auch durch materielle Verbesserungen - zwischen 1932 und 1934 von rund 510.000 auf über 732.000.

Vor allem die beliebte Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF), die u.a. bürgerliche Privilegien wie das Reisen nun auch für Arbeiter erschwinglich machte, erhöhte die Akzeptanz des NS-Regimes enorm. Steigender Lebensstandard, aber auch die mit hohem Propagandaaufwand durchgeführten sozialfürsorgerischen Initiativen des Winterhilfswerks (WHW), der NS-Volkswohlfahrt (NSV) und der NS-Frauenschaft (NSF) verankerten im öffentlichen Bewusstsein nachhaltig das Bild einer sich ausschließlich um das Wohlergehen der Bevölkerung sorgenden Staatsführung. Die eigentliche Zielsetzung des NS-Staats, alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens mit nationalsozialistischer Ideologie zu durchdringen, erkannten dagegen nur wenige. Konkurrierende gesellschaftliche Einwirkungen sollten durch Gleichschaltung und Anpassung aller staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen an die politisch-ideologischen Ziele der Nationalsozialisten eingedämmt werden. Besonders die Gliederungen und angeschlossenen Verbände der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) wie die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ermöglichten eine gezielte Einflussnahme und Kontrolle der Deutschen jeglichen Alters bis weit hinein ihr Alltagsleben.

[Propagandaplakat für den Eintritt in die Hitlerjugend, nach 1939] Dabei spielten vor allem die Jugend und deren Erziehung eine tragende Rolle. "Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille" hieß eine verbreitete Losung der Zeit. Nachdem schon im Kinderzimmer die Indoktrination durch das auf die Ideologie des NS-Regimes ausgerichtete Spielzeug begonnen hatte, sollte anschließend die Hitler-Jugend (HJ) Standesunterschiede beseitigen und die nationalsozialistische Gesinnung fördern. Die anfangs noch formell freiwillige Mitgliedschaft wurde am 1. Dezember 1936 durch
das "Gesetz über die Hitler-Jugend" zur Zwangsmitgliedschaft. Die HJ - neben Familie und Schule für die Mehrheit der Heranwachsenden die wichtigste Sozialisationsinstanz - stützte sich jedoch nicht nur auf Zwang, sondern vor allem auf attraktive Freizeitangebote. Mit Geländespielen, Zeltlagern, Radtouren oder durch das ansonsten privilegierte Segelfliegen und Reiten wurde das Interesse der jungen Menschen geweckt. Daneben gehörten Sammelaktionen für das WHW sowie mühsame Ernteeinsätze in der Landwirtschaft zu den unumgänglichen Pflichten in der Hitler-Jugend.

Der HJ schloss sich ab 1935 für männliche Jugendliche der halbjährige Reichsarbeitsdienst (RAD) an. Ursprünglich diente er der Bewältigung der Arbeitslosigkeit, ab 1936 aber vornehmlich der vormilitärischen Erziehung
und körperlichen Ertüchtigung. Das "Heranzüchten kerngesunder Körper" und die sogenannte Volksgesundheit waren Leitbilder der Nationalsozialisten sowie Bestandteile ihrer Rassentheorien. Körperliche Ausbildung und Körperkult wurden in NS-Organisationen, Schulen und den rund 43.000 ab 1934 im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL) gleichgeschalteten Sportvereinen umgesetzt.

Der nationalsozialistische Totalitätsanspruch war nicht in allen Lebensbereichen durchzusetzen. So stand der angepassten Staatsjugend ein nicht unerhebliches Potential von oppositionellen Jugendlichen gegenüber, die sich - wie alle wegen "nonkonformen Verhaltens" Auffälligen - gezielten Repressionsmaßnahmen ausgesetzt sahen. [Technik: Volksempfänger "VE 301", um 1935] Ihrer Distanz zum NS-Regime verlieh die sogenannte Swingjugend vor allem durch die Vorliebe für amerikanische, bei den Nationalsozialisten verpönte Swing-Musik Ausdruck. Eine bewusste Abgrenzung gegenüber einem normierten Alltag zeigten viele Deutsche auch durch eine individuelle Mode.
Trotz der nach der Machtübernahme unübersehbar einsetzenden Uniformierung war
die Kleidung im Deutschen Reich insgesamt vielschichtig. Der noch 1933 häufig erhobene Wunsch von Nationalsozialisten nach Herausbildung einer eigenen "deutschen Mode" blieb unerfüllt. Auch weiterhin orientierten sich deutsche Konfektionshäuser und zahlungskräftige Kunden an eleganter Mode aus Paris, London und New York.

Das Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung und Entspannung befriedigte neben Tanzlokalen, Bars und Theatern vor allem der Film. In der Saison 1934/35 gingen rund
250 Millionen Menschen in die Kinos, fünf Jahre später waren es bereits über eine Milliarde Kinobesucher jährlich. Daneben prägte besonders der Rundfunk das alltägliche Freizeitverhalten breiter Bevölkerungsschichten, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Durch Verbreitung des auf Veranlassung des Propagandaministeriums entwickelten Volksempfängers erhöhte sich die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Radiogeräten zwischen 1933 und 1941 von 25 auf 65 Prozent. Um einer aus Überdruss von der NS-Propaganda resultierenden Abwendung der Hörer entgegenzuwirken, boten die Rundfunkprogramme vor allem Unterhaltungsmusik an. Aufgrund der Zunahme der Zahl stromversorgter Haushalte auch auf den Dörfern konnten beliebte Tanzschlager nahezu überall im Deutschen Reich mitgesungen werden.

[Postkarte des Reichsnährstandes, 1939] Auf dem Land unterschied sich der Arbeitsalltag der Menschen kaum von demjenigen ihrer Elterngeneration. Die in vielen Bildern verklärte Agrarromantik spiegelte nicht annähernd
die alltäglichen Arbeitsbelastungen in der Landwirtschaft wider, in der die Mechanisierung nur langsam Einzug hielt und Hand- und Spanndienste weiter vorherrschten. Die jährlich ausgerufenen "Erzeugungsschlachten" sollten die im Reichsnährstand zusammengefasste bäuerliche Bevölkerung zwar zu Höchstleistungen animieren. Eine anhaltende und zum Teil dramatische Ausmaße annehmende Landflucht negierte allerdings das Bestreben zur Errichtung einer landwirtschaftlichen Autarkie, auch wenn der Anteil der Selbstversorgung zwischen 1928 und 1939 von 68 auf 83 Prozent erhöht werden konnte. Dennoch kam es wiederholt zu Versorgungsengpässen. Bestehen blieb vor allem die Auslandsabhängigkeit bei Fleisch, Ölen und Fetten, deren Verzehr nach Willen der NS-Führung eingeschränkt werden sollte. In zahlreichen Anzeigenkampagnen wurden Verbraucher aufgefordert, verstärkt auf einheimische Produkte sowie auf Fisch statt auf Fleisch zurückzugreifen. Tatsächlich stieg der Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch in Deutschland zwischen 1932 und 1938 von 8,5 auf rund 12 kg. Der Fleischverbrauch nahm in demselben Zeitraum ebenfalls zu, allerdings - verglichen mit den westeuropäischen Nachbarn - nur um bescheidene
5,4 kg auf 47,5 kg.

(as)


Persönliche Erinnerungen an den Alltag im "Dritten Reich":

[Kollektives Gedächtnis] Jutta Schneider: Jungmädchen im BDM
[Kollektives Gedächtnis] Werner Mork: Propaganda und Uniformierung
[Kollektives Gedächtnis] Gisela Richter: Das BDM-Mädchen Gisela
[Kollektives Gedächtnis] Günter Hätte: Kindheit im 1000-jährigen Reich



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