1933-39


[Wahlplakat: "Ein Volk-ein Reich-ein Führer", 1938]

[Postkarte zum "Anschluss" Österreichs, 1938]

[Postkarte: "Mander s'ischt Zeit!", 1938]

[Stimmzettel zur Volksabstimmung über den "Anschluss" Österreichs, 1938]



Der "Anschluss" Österreichs


Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Habsburgermonarchie erwarteten große Teile der Bevölkerung sowohl im Deutschen Reich als auch in der ebenfalls neu gegründeten Republik Österreich die Vereinigung dieser beiden Staaten. Da die alliierten Siegermächte dadurch eine Stärkung Deutschlands und Österreichs erwarteten, untersagten sie den Zusammenschluss in den Verträgen von Versailles und Saint Germain. Die Fraktion der Befürworter blieb in der Zwischenkriegszeit in beiden Staaten stark.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Deutschen Reich am 30. Januar 1933 strebte auch ihre terroristisch agierende österreichische Schwesterpartei eine ähnliche "Machtergreifung" an, wurde im Juni 1933 aber verboten. Am 25. Juli 1934 unternahmen die österreichischen Nationalsozialisten einen Putschversuch, dem der Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zum Opfer fiel. Adolf Hitler entzog den Putschisten seine Unterstützung erst, als Benito Mussolini am Brenner italienische Truppen aufmarschieren ließ, um die österreichische Unabhängigkeit zu sichern. Nachdem Italien sich durch seine Expansionspolitik jedoch ins internationale Abseits gebracht hatte, erklärte Mussolini dem deutschen Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, im Januar 1936, er habe nichts mehr dagegen einzuwenden, dass Österreich ein deutscher Satellitenstaat werde. Als Konsequenz der deutsch-italienischen Annäherung sah das auf seine staatliche Unabhängigkeit bedachte Österreich sich gezwungen, sich in Innen- und Außenpolitik stärker am Deutschen Reich zu orientieren.

Der Vierjahresplan, personelle Umbesetzungen im Auswärtigen Amt und die Schaffung der Wehrmacht waren Teile der längerfristigen Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes, die auch ein wirkungsvolles Drohpotential gegen Österreich darstellten. Als diese Vorbedingungen für die gewaltsame Verwirklichung der Expansionspläne in Ostmitteleuropa geschaffen waren, richtete sich der erste große Schlag von Hitlers Außenpolitik gegen Österreich. Am 12. Februar 1938 traf er den österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg und diktierte ihm eine Vereinbarung, die das Verbot der österreichischen Nationalsozialisten aufhob, sie an der Regierung beteiligte, ihnen mit dem Innenministerium die Polizeigewalt übergab und somit die Voraussetzungen für eine nationalsozialistische Machtübernahme in Österreich schuf. Um diese zu verhindern, beraumte Schuschnigg am 9. März 1938 eine Volksabstimmung "Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich!" an; das Wahlalter wurde auf 24 Jahre heraufgesetzt, um die meist pro-nationalsozialistische Jugend von der Abstimmung auszuschließen. Gravierende Mängel in der Wahlvorbereitung gaben Hitler einen Vorwand, Schuschnigg zur Rücknahme der Abstimmung zu zwingen. Ein Ultimatum, das mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich drohte und die Übergabe der Regierungsgewalt an den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart forderte, zwang Schuschnigg am 11. März 1938 zum Rücktritt, nachdem ein verzweifelter Hilfeappell an die europäischen Mächte ungehört blieb. Als der österreichische Bundespräsident Wilhelm Miklas (1872-1956) sich am selben Tag weigerte, Seyß-Inquart zum Nachfolger Schuschniggs zu ernennen, gab Hitler den Befehl zum Einmarsch, der am 12. März 1938 erfolgte.

Die Wehrmachtstruppen stießen auf keinen Widerstand. War Hitlers Vorhaben zu Beginn noch, Österreich mit Deutschland nur in einer Union zu verbinden, so veranlasste ihn der Jubel der österreichischen Bevölkerung, sich für den völligen "Anschluss" Österreichs zu entscheiden. Entsprechende Gesetze wurden am 13. März 1938 erlassen. Zwei Tage später bejubelten über 100.000 Menschen den gebürtigen Österreicher Hitler in Wien. In einer keinesfalls nach freien und demokratischen Grundsätzen vollzogenen Volksabstimmung am 10. April 1938 votierten offiziell 99,73 Prozent der Österreicher und 99,01 Prozent der Deutschen für den "Anschluss".

Reichsstatthalter der Ostmark, wie Österreich nun hieß, wurde Seyß-Inquart. Innerhalb kürzester Zeit wurden die 1933 bis 1938 in Deutschland umgesetzten Maßnahmen zur Umgestaltung und Erfassung von Staat und Gesellschaft auf Österreich übertragen. Der Terror der Nationalsozialisten übertraf anfangs noch das im bisherigen Deutschen Reich erlangte Ausmaß. Allein zwischen dem 12. und dem 22. März gab es in der Ostmark offiziell 1.742 Festnahmen, in Wien 96 Suizide. Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden, beispielsweise Sigmund Freud, blieb zur Rettung oft nur die Flucht.

Hitler setzte seinen Expansionskurs fort. Noch im März 1938 beschloss er, die Zerschlagung der Tschechoslowakei in Angriff zu nehmen und die Sudetenkrise zu initiieren.

(cp)


[Kollektives Gedächtnis] Claus Günther: Extrablatt und Hiebe - der 13. März 1938
[Kollektives Gedächtnis] Josepha von Koskull: Der Anschluss Österreichs

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