1933-39


[Postkarte: Münchner Abkommen, 1938]

[Postkarte: "Zur historischen Begegnung...", 1938]



Das Münchner Abkommen



Seit dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 grenzte fast die gesamte Tschechoslowakei an das Deutsche Reich. Für Adolf Hitlers Absichten der territorialen Expansion und der deutschen Vorherrschaft in Ostmitteleuropa war es von zentraler Bedeutung, die Tschechoslowakei unter deutsche Kontrolle zu bringen. Noch im März 1938 begann Hitler mit den Vorbereitungen zur "Lösung" der tschechoslowakischen Frage. Die ständigen Nationalitätenkonflikte, die sich innerhalb der Tschechoslowakei aus der Benachteiligung der rund drei Millionen Sudetendeutschen seit der Staatsgründung am 28. Oktober 1918 ergaben, nutzte er für seine Pläne geschickt aus. Am 28. März 1938 traf Hitler Konrad Henlein, den Führer der Sudetendeutschen Partei (SdP), und wies ihn an, der tschechoslowakischen Regierung stets Forderungen zu stellen, die diese unmöglich annehmen könne. Auf Geheiß Hitlers verabschiedete die SdP am 24. April 1938 das Karlsbader Programm. Die Erfüllung der in ihm geforderten weitgehenden Autonomierechte für die deutsche Minderheit, so zum Beispiel ein eigener Verwaltungsapparat, hätte das faktische Ende des tschechoslowakischen Staats bedeutet.

Die wunschgemäße Zuspitzung der Krise nahm Hitler zum Anlass, die Abtretung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich zu fordern. Am 20. Mai machte die Tschechoslowakei in der - fälschlichen - Erwartung eines deutschen Angriffs mobil; nur das energische Auftreten Großbritanniens und Frankreichs wendete einen Krieg ab. Am 30. Mai ließ Hitler die Wehrmacht für den 1. Oktober 1938 in Bereitschaft setzen. Gleichzeitig lief ein enormer Propagandafeldzug an. Der Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker sollte den deutschen Plänen einen legalen Anstrich geben; zudem wurde permanent betont, das Sudetengebiet sei die letzte deutsche territoriale Forderung.

Entscheidend für den weiteren Verlauf der Krise war das Verhalten Großbritanniens, das sich erhoffte, durch Zugeständnisse den Frieden in Europa erhalten zu können. Hierfür war es bereit, mit Deutschland über Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa zu verhandeln, zumal es die restriktive Minderheitenpolitik der Tschechoslowakei missbilligte. Nachdem Hitler Anfang September 1938 öffentlich einen deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei androhte, traf der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain als Vermittler am 15. September zu persönlichen Gesprächen auf dem Obersalzberg ein. Am 22. September akzeptierte er auf der Godesberger Konferenz Hitlers Forderung nach Abtretung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich. Als Hitler daraufhin den sofortigen Einmarsch der Wehrmacht und eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit in einem nicht genau umrissenen Territorium verlangte und diese ultimativ mit dem 28. September 1938 verknüpfte, schien ein Krieg unvermeidbar. Die britische Regierung bat daraufhin den italienischen Diktator Benito Mussolini um Vermittlung. Hitler, Mussolini, Chamberlain und der französische Premierminister Edouard Daladier trafen sich am 29. September in München; weder die Tschechoslowakei noch deren Bündnispartner Sowjetunion waren eingeladen.

Im Münchner Abkommen wurde die Abtretung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich festgelegt. Die deutsche Besetzung sollte vom 1. bis zum 10. Oktober stattfinden, die Grenzen waren noch nicht genau festgelegt. Im Gegenzug garantierten England und Frankreich den Bestand des tschechoslowakischen Reststaats. Die Tschechoslowakei, die nur als Gegenstand, nicht aber als Subjekt des Völkerrechts behandelt wurde, musste sich dem Abkommen fügen.

Die Sudetenkrise war der erste Höhepunkt der Vorkriegskrisen. Während Chamberlain glaubte, den Frieden dauerhaft gesichert zu haben, stand Hitler dem Abkommen zwiespältig gegenüber. Einerseits bedauerte er, dass der von ihm gewollte Krieg verhindert worden war. Andererseits stand die deutsche Bevölkerung einem Krieg ablehnend gegenüber; seine Verhinderung, die in der deutschen Presse Hitler zugeschrieben wurde, verschaffte diesem einen erneuten Popularitätszuwachs im Deutschen Reich und vereitelte daher Putschpläne von Teilen der deutschen militärischen Führung um Ludwig Beck und Hans Oster, die nach dem Münchner Abkommen nicht mehr auf Unterstützung aus der Bevölkerung hoffen konnten.

(cp)

[Kollektives Gedächtnis] Josepha von Koskull: Die Sudetenkrise

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