1933-39![]()
|
|
Der "Tag von Potsdam"Auf den Tag genau 62 Jahre nach der ersten Reichstagssitzung im Kaiserreich wurde am 21. März 1933 der erste Reichstag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnet. Ganz bewusst wurde nach dem Reichstagsbrand Potsdam als Traditionsort preußischer Geschichte für die feierliche Konstituierung ausgewählt. Der eine Woche zuvor zum Propagandaminister ernannte Joseph Goebbels inszenierte den "Tag von Potsdam" als symbolische Verbindung "vom alten und neuen Deutschland", von konservativem Traditionsbewusstsein und nationalsozialistischem Erneuerungswillen. Die Stadt war dicht beflaggt mit kaiserlichem Schwarz-Weiß-Rot und Hakenkreuzfahnen. Das "Dritte Reich" präsentierte sich als legitimer Erbe des 1871 gegründeten und mit Ausrufung der Republik im November 1918 untergegangenen "Zweiten Reichs". Auf den Stufen der Potsdamer Garnisonkirche reichte Adolf Hitler mit tiefer Verbeugung dem 86jährigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, bekleidet mit der Uniform des kaiserlichen Generalfeldmarschalls, ehrerbietig die Hand. In der Kirche drängten sich Repräsentanten von Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie Offiziere der Reichswehr und uniformierte Angehörige der Sturmabteilung (SA). Anwesend waren die Reichstagsabgeordneten der rechten und bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokraten verzichteten demonstrativ auf eine Teilnahme. Nicht teilnehmen konnten die Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Sie waren, wie Innenminister Wilhelm Frick höhnisch bemerkte, "durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern" am Erscheinen gehindert. Die propagandistische Inszenierung erhöhte das Prestige des NS-Regimes im In- und Ausland. Vom Rundfunk wurde die "Potsdamer Rührkomödie" in voller Länge übertragen; Sonderausgaben der Presse fanden unzählige Abnehmer. Nur zwei Tage später hingegen war die Illusion der harmonischen Koexistenz vom alten und neuen Deutschland verflogen. Mit Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes durch den Reichstag entledigte sich die NSDAP bei der Verabschiedung von Gesetzen ihrer rechtlichen Bindungen an die Konservativen. (as)
|