Zu "Volks- und Reichsfeinden" gehörten im NS-Regime
alle Menschen, die keinen Platz in der nationalsozialistischen
Vorstellung der deutschen Volksgemeinschaft hatten. Dazu
zählten neben Juden vor allem "Zigeuner". Die sich
selbst Sinti und Roma nennende Bevölkerungsgruppe war Schikanen
ausgesetzt und wurde von den Nationalsozialisten ab 1933 schrittweise
ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt. Alle Maßnahmen gegen
Juden wurden auch auf Sinti und Roma angewandt. Sie sollten aus
Berufsorganisationen wie der Handwerkskammer oder den Unterabteilungen
der Reichskulturkammer ebenso ausgeschlossen werden wie
später aus der Wehrmacht.
Sinti und Roma waren schon im Kaiserreich und in der Weimarer
Republik mit diskriminierenden Auflagen verbundenen Registrierungen
und repressiven Überwachungen unterworfen. Offiziell galten
diese staatlichen Erfassungsmaßnahmen gegenüber den
mit vielfältigen Stereotypen behafteten "Landfahrern"
einer vorbeugenden Kriminalitätsbekämpfung. Nach der
nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 geschah
die Ausgrenzung und Verfolgung der ursprünglich aus Indien
stammenden und seit dem Übergang vom Spätmittelalter
zur Frühen Neuzeit in Deutschland ansässigen Bevölkerungsgruppe
vor allem auf Grundlage rasseideologischer Kriterien. Auf
die geschätzten 30.000 in Deutschland lebenden Sinti und
Roma übertrug das NS-Regime die Bestimmungen der Nürnberger
Gesetze von 1935. Damit degradierte es die als "fremdrassig"
und "undeutschen Blutes" Stigmatisierten zu Menschen
minderen Rechts. So waren ihnen etwa ab 1936 zur "Reinhaltung
des deutschen Blutes" Eheschließungen und außerehelicher
Geschlechtsverkehr mit "Ariern" unter schwerer Strafe
verboten.
Im November 1936 wurde am Reichsgesundheitsamt das "Rassehygieneinstitut"
unter Leitung von Robert Ritter eingerichtet, das vor allem Daten
von den Sinti und Roma sammelte. An deren zentraler Erfassung
arbeitete ab 1936 die "Reichszentrale zur Bekämpfung
des Zigeunerunwesens" als Abteilung des Reichskriminalpolizeiamts.
Ein Runderlass des Reichsführers der Schutzstaffel
(SS), Heinrich Himmler, vom 8. Dezember 1938, der die "Regelung
der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" ankündigte,
forcierte die vom NS-Regime gewünschte Registrierung und
rassistische Einordnung aller Sinti und Roma im Deutschen Reich
noch zusätzlich. "Rasseforscher" untersuchten deren
verwandtschaftliche Verhältnisse und stellten anthropologische
Vermessungen an. Anhand dieser Untersuchungen erstellte das "Rassenhygieneinstitut"
annähernd 24.000 "Rassegutachten" von Sinti und
Roma, die als so genannte Voll-, Halb-, Viertel- oder Achtelzigeuner
definiert wurden. Diese Klassifizierungen bildeten die Grundlage
für die späteren Deportationen von Sinti und Roma in
die Vernichtungslager im Osten.
Ausgangspunkt zahlreicher Deportationen waren Internierungslager
für Sinti und Roma, die viele deutsche Städte ab 1935
errichteten. Dorthin verschleppten Nationalsozialisten ganze Familien.
Unter der Losung "Berlin ohne Zigeuner" wurden beispielsweise
im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 rund 600 Sinti und
Roma in der Reichshauptstadt verhaftet und in das eigens eingerichtete
Internierungslager Berlin-Marzahn verbracht. Bereits im Juni 1938
waren im Zuge der von der Kriminalpolizei durchgeführten
Aktion "Arbeitsscheu Reich" gegen als "asozial"
eingestufte Personen mehrere hundert Sinti und Roma festgenommen
und in Konzentrationslager (KZ) verschleppt worden. In
den Lagern wurden sie zunächst mit dem braunen, später
mit dem schwarzen Winkel gekennzeichnet und mussten Zwangsarbeit
verrichten. Sie gehörten neben den jüdischen Häftlingen
zu denjenigen, die in der von der SS implementierten, rassistisch
begründeten Häftlingshierarchie an unterster Stelle
standen.
Nach dem "Anschluss" Österreichs im
März 1938 übertrugen die Nationalsozialisten ihre diskriminierenden
Erlasse und die Ausgrenzungspolitik auch auf die dort lebenden
Sinti und Roma, die vor allem im Burgenland beheimatetet waren.
Ab März 1939 erhielten alle Sinti und Roma im Deutschen Reich
mit einem "Z" gekennzeichnete "Rasseausweise"
statt ihrer eingezogen deutschen Pässe. Ihre nahezu vollständige
Registrierung erleichterte den Nationalsozialisten im Zweiten
Weltkrieg die Deportationen von Sinti und Roma, die nach der
jüdischen Bevölkerung die größte Opfergruppe
des geplanten Völkermords in Europa wurden.
(as)