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Wissenschaft und Forschung
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren auch Wissenschaft
und Forschung von der Gleichschaltung betroffen. Allerdings
verfügten die neuen Machthaber über keine wissenschaftspolitischen
Konzepte. Das Parteiprogramm der NSDAP und Adolf Hitlers
Schrift "Mein Kampf" schwiegen zu den Vorstellungen
einer nationalsozialistischen Wissenschaft, die an Stelle der
von der NS-Bewegung verspotteten "liberalistischen",
"jüdischen" und "internationalistischen"
Gelehrsamkeit treten sollte. Versuche regimenaher Forscher, richtungsweisende
Kriterien einer der nationalsozialistischen Ideologie verpflichteten
Wissenschaft zu entwickeln, wurden von offizieller Seite nie sanktioniert.
Während zahlreiche Geistes- und Naturwissenschaftler emigrierten,
arrangierten sich andere auf unterschiedlichste Art und Weise
mit dem NS-Regime, viele mit großem wissenschaftlichen
Erfolg. Vor allem in der Elektrotechnik, dem Kommunikationswesen
und in der Automobilindustrie erzielten Ingeneure nach 1933 bahnbrechende
technische Neuerungen.
Durch das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"
vom April 1933, das die Entlassung von regimekritischen Beamten
vorsah, setzte in den wissenschaftlichen Institutionen eine Entlassungswelle
ein, von der etwa 20 Prozent der Universitätsangestellten
betroffen waren. Der Ausschluß jüdischer und politisch
andersdenkender Hochschullehrer aus nahezu allen Forschungsbereichen
bedeutete einen herben Verlust für die deutsche Wissenschaft.
Obwohl Max Planck in einem persönlichen Gespräch
im Mai 1933 mit Hitler die weitreichenden negativen Auswirkungen
des Gesetzes für die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen darlegte,
konnte er nicht verhindern, daß international renommierte
Forscher wie die Physiker Albert Einstein und Max Born,
die Chemiker Fritz Haber, Richard Martin
Willstätter (1872-1942) und Otto Fritz Meyerhof
(1884-1951) sowie zahlreiche bedeutende Philosophen, unter ihnen
Theodor W. Adorno, Martin Buber, Ernst Bloch,
Max Horkheimer, Hannah Arendt, Ernst Cassirer,
Walter Benjamin und Herbert Marcuse, entlassen wurden
und in die Emigration gingen. Ein großer Teil der verbliebenen
Natur- und Geisteswissenschaftler schloß sich dagegen im
März 1933 dem "Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler"
an und sprach sich für eine "volksverbundene Wissenschaftspflege"
aus. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 veranschaulichte
diese Entwicklung zwischen vorbehaltloser Entfernung unerwünschter
Gelehrter und Bereitschaft zur Unterstützung nationalsozialistischer
Ziele. Gegen Ende ihrer Herrschaft 1945 verzeichnete die NSDAP mehr
als zwei Drittel aller Hochschullehrer als Parteimitglieder.
Durch die neue Hochschulverfassung vom April 1935 wurden die akademische
Selbstverwaltung der Universitäten stark beschränkt
und der Rektor als "Führer der Hochschule" bestimmt.
Er war direkt dem im Mai 1934 gegründeten Reichsministerium
für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unterstellt.
Zugleich ernannte Reichswissenschaftsminister Bernhard Rust (1883-1945)
die Leiter vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)
und Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB). Beide
Organisationen forcierten die ideologische Beeinflussung der Lehranstalten
und waren institutionell nicht der Hochschulverwaltung, sondern
der NSDAP angegliedert. Damit wurde die akademische Freiheit von
Wissenschaft und Forschung den politisch-ideologischen Vorgaben
der Partei unterstellt.
Der strukturellen Gleichschaltung traditioneller
Forschungseinrichtungen ging die Errichtung neuer nationalsozialistischer
Institutionen mit entsprechendem ideologischem Schwerpunkt einher.
Die von Heinrich Himmler und Richard Walther Darré
1935 gegründete Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe e.V."
stellte den Versuch dar, die gestiegene Bedeutung der Schutzstaffel
(SS) innerhalb des NS-Regimes auch auf das geistige Leben auszuweiten.
Nach Himmlers Vorstellungen sollte das "Ahnenerbe" als
gelehrte Gesellschaft mit Vereinsstatus die nationalsozialistisch-weltanschaulichen
Grundsätze durch neue Untersuchungen wissenschaftlich fundieren.
Dabei widmeten sich die Mitglieder des Vereins zunächst dem
Studium der germanischen Vor- und Frühgeschichte und später
auch wehrmedizinischen Forschungen. Allerdings erreichte das "Ahnenerbe"
über die Kreise der SS hinaus keine größere Bedeutung
für die deutsche Wissenschaftslandschaft. Ähnliche Ziele
verfolgte das ebenfalls 1935 gegründete "Reichsinstitut
für Geschichte des neuen Deutschlands". Unter der Leitung
von Walter Frank (1905-1945) sollte es eine rassistische und antisemitische
Geschichtsinterpretation etablieren. Ohne größere Geltung
erlangt zu haben, verlor Frank wegen parteiinterner Rivalitäten
1941 die Leitung des Instituts an Alfred Rosenberg, der
allerdings die von ihm gegründete "Hohe Schule der NSDAP"
als oberste Einrichtung für nationalsozialistische Forschung,
Lehre und Erziehung aufbauen wollte. Das Konzept der "Hohen
Schule" wurde von Hitler erst 1940 genehmigt, die Umsetzung
auf nach dem Krieg vertagt. Da die neugegründeten NS-Institutionen
nicht den gewünschten Einfluß erlangten, blieben die
bereits vorhandenen wissenschaftlichen Hochschulen, Akademien
und Institute auch nach 1933 die Zentren des wissenschaftlichen
Lebens.
Vor allem die geisteswissenschaftlichen und traditionell politiknahen
Fachrichtungen wie Rechtswissenschaft und Geschichte, die bereits
in der Weimarer Republik von nationalkonservativen und
antiliberalen Anschauungen geprägt waren, erlangten nach
1933 zunehmend an Bedeutung. Carl Schmitt bekannte sich
als einer der führenden Rechtstheoretiker in seiner Staatsrechtslehre
zu antidemokratischen Positionen und rechtfertigte den totalitären
Staat.
Während für zahlreiche Rechtsgelehrten hauptsächlich
die juristische Implementierung der NS-Ideologie im Vordergrund
stand, suchten hauptsächlich jüngere Historiker nach
einer geschichtlichen Begründung nationalsozialistischer
Herrschaftsideen. Von den renommierten deutschen Historikern war
vor 1933 kaum einer Mitglied der NSDAP. Etablierte Geschichtsprofessoren
wie Ludwig Quidde, Golo Mann, Otto Hoetzsch (1876-1946),
Friedrich Meinecke (1862-1954) und Hermann Oncken (1869-1945)
wurden nach der nationalsozialistischen Machtübernahme aus
ihren Ämtern entlassen oder emigrierten. Indessen standen
besonders junge Nachwuchshistoriker der Partei durch konservative,
antiparlamentarische und völkische Ansichten ideologisch
nahe. Vor dem Hintergrund der Kriegsniederlage und der Revolution
von 1918/19 verstanden Historiker wie Werner Conze (1910-1986)
oder Theodor Schieder (1908-1984) ihr Arbeitsfeld als "kämpfende
Wissenschaft" gegen Kriegsschuldvorwurf und territoriale
Bestimmungen des Versailler Vertrags, wobei sie die Nation
als "Volksgruppe" definierten und revisionistische Gebietsansprüche
im Sinne des Lebensraum-Konzepts durch "Volks- und
Kulturbodenforschung" zu legitimieren suchten. An den preußischen
Universitäten Königsberg (heute: Kaliningrad/Rußland)
und Breslau (heute: Wroclaw/Polen) standen bevölkerungsgeschichtliche
Untersuchungen im Mittelpunkt des proklamierten "Volkstumskampfs
im Osten". Für die Erforschung der "deutschen Volksgruppen"
wurde das großangelegte "Handwörterbuch des Grenz-
und Auslandsdeutschtums" ab 1933 mit etwa 700 Mitarbeitern
in die Wege geleitet. Neben Conze und Schieder gehörten auch
der Mediävist Hermann Aubin (1885-1969), Theodor Oberländer
(1905-1998) und Hans Rothfels (1891-1976) zu den Autoren des germanozentrischen,
revisionistischen und expansionistischen Nachschlagewerks. Das
Ziel der bereits während des Ersten Weltkriegs entstandenen
historischen Ostforschung war dabei die Entwicklung geistiger
Grundlagen für die neue Ordnung im Osten und die dauerhafte
Sicherung des Siedlungsraumes. Neuentstandene Organisationen wie
der "Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) oder
der "Bund Deutscher Osten" (BDO) leisteten ideologische Unterstützung,
damit der Dienst am "Volksganzen" nicht nur theoretische
Erkenntnisse, sondern auch praktische Vorschläge erbrachte.
So forderte Theodor Schieder 1939 die Deportation von Juden aus
polnischen Städten und den Aufbau einer "gesunden Volksordnung"
im Osten.
Obwohl nach 1933 zahlreiche international führende Philosophen
emigrierten, mißlang der Versuch von anderen Philosophen
wie Martin Heidegger, Erich Rothacker (1888-1965) und Hans
Freyer (1887-1969), durch einen Neubeginn philosophischer Interpretation
eine zweckdienliche Philosophie im NS-Regime
aufzubauen.
Die Systematisierung der NS-Ideologie zu einem "deutschen
Weg der Erkenntnis" scheiterte am Einfluß von Joseph
Goebbels und Alfred Rosenberg, die maßgeblich die nationalsozialistische
Weltanschauung mitgeprägt hatten. Diese alleinige Deutungshoheit
seitens der NSDAP galt auch für Pädagogik und Erziehung.
Einer der richtungsweisenden Vertreter war der Pädagoge Ernst
Krieck (1882-1947), der die "nationalpolitische Erziehung"
der Kinder zu "rassebewußten Volksgenossen" als
unabdingbar für die neue Volksgemeinschaft
proklamierte. Für Krieck diente der NS-Staat als "Zuchtmeister"
für das gesamte Volk, damit jeder Einzelne in den nationalsozialistischen
Zielen die Sinnerfüllung seines persönlichen Lebens
fände. Neben den herkömmlichen Schulen sollten
als Eliteeinrichtungen die ab 1933 entstandenen Nationalpolitischen
Erziehungsanstalten (Napola) ausgewählte Jungendliche auf
führende Positionen im NS-Staat vorbereiten. Die wichtigsten
Aufnahmekriterien waren "arische Abstammung", volle
körperliche Leistungsfähigkeit und mindestens "durchschnittliche
geistige Begabung". Neben Wehrsport und Leibesübung
lag der pädagogische Schwerpunkt vor allem bei den ideologisierten
Fächern Deutsch, Geschichte und Biologie. Die Nachfrage für
Plätze in einer dieser Schulen war enorm: von 2.000 Bewerbern
wurden 1934 nur 70 zugelassen. Die Akzeptanz neuer erziehungspolitischer
Paradigmen wurde auch im bereits 1929 gegründeten Nationalsozialistischen
Lehrerbund (NSLB) ersichtlich, dem bis 1936 rund 97 Prozent der
Lehrerschaft beitraten.
Neben den Geisteswissenschaften setzen Gleichschaltung und Nazifizierung
auch in den naturwissenschaftlichen Disziplinen ein. Die Nobelpreisträger
für Physik Johannes Stark (1874-1957) und Philipp Lenard
waren führende Vertreter der bereits vor 1933 aufkommenden
"deutschen" oder "arischen" Physik. Ihre Anhänger
lehnten die Forschungsergebnisse jüdischer Kollegen wie die
Relativitätstheorie von Albert Einstein als falsch ab und
diffamierten diese als "jüdische Physik". Der "arischen
Physik" ging es dabei nicht um eine wissenschaftliche Widerlegung
ihrer Theorien, sondern um die Betrachtung der Physik unter dem
Primat der nationalsozialistischen Rassenideologie. Im Gegensatz
zur theoretischen Physik erklärten sie die experimentelle
Physik als dem deutschen Wesen entsprechend, da diese mit den
Sinnen zugänglich sei. Prominentestes Opfer der Ablehnung
war Werner Heisenberg, dem 1936 seine Berufung auf den
Münchener Lehrstuhl für Physik verweigert wurde. Doch
spätestens die Entdeckung der Kernspaltung durch Niels
Bohr, Otto Hahn und Lise Meitner machte die
Anwendung der theoretischen - "jüdischen" - Physik
und die Unterstützung Heisenbergs unerläßlich.
Er wurde einer der wichtigsten Mitarbeiter am deutschen Uranprojekt,
dessen Ziel die technische Nutzbarmachung der Kernspaltung war.
Die Planungen für einem Reaktorbau, in dem eine selbsterhaltende
Kernreaktion stattfinden sollte, wurden bis 1945, wenn auch erfolglos,
fortgesetzt.
Anders als in der Physik sahen die Biologen nach der Machtübernahme
die Möglichkeit, die bereits seit dem 19. Jahrhundert vorgenommene
Integration rassistischer und sozialdarwinistischer Ideen wissenschaftlich
und politisch weiterentwickeln zu können. Gerade die Deckungsgleichheit
zwischen Biologie und NS-Ideologie der Erbgesundheits- und Rassenpolitik
eröffnete Biologen und Medizinern bei der Suche nach definitiven
Merkmalen zur Rassenbestimmung nach 1933 weitreichende Möglichkeiten.
Forschungsrichtungen wie Erbbiologie, Eugenik und Rassenhygiene,
aber auch anthropologische Untersuchungen zu Schädelformen,
Muskelaufbau, Duftstoffen, Fingerlinienmuster und nicht zuletzt
die Blutgruppenforschung erreichten hohe Popularität. Der
Eugeniker Fritz Lenz (1887-1976), auf dem Forschungsgebiet der
Vererbung menschlicher Krankheiten und Gesunderhaltung des menschlichen
Erbgutes tätig, veröffentlichte zusammen mit dem Anthropologen
Eugen Fischer (1874-1967), ab 1927 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institut
für Anthropologie, und dem Botaniker Erwin Baur (1875-1933)
das damals weit verbreitete Standartwerk "Grundriss der menschlichen
Erblichkeitslehre und Rassenhygiene". Die NS-Rassenpolitik
griff diese Ideen auf und konnte mit der Unterstützung zahlreicher
Mediziner rechnen. Im Mittelpunkt stand nicht mehr die körperliche
Gesundheit des Einzelnen, sondern die "Erbgesundheit des
Volksganzen". Mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses" vom 14. Juli 1933, an dessen Ausarbeitung maßgeblich
der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Psychiatrie
Ernst Rüdin (1874-1952) beteiligt war, wurde die Zwangssterilisation
ermöglicht. Rüdin war zugleich Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht
in München und verfaßte mehrere hundert Sterilisierungsgutachten.
Das 1935 an der Frankfurter Universität gegründete "Institut
für Erbbiologie und Rassenhygiene" entfaltete ebenfalls
eine rege gutachterliche Tätigkeit für die Praxis der
nationalsozialistischen "Rassenpflege". Der Leiter des
Instituts, Otmar Freiherr von Verschuer (1896-1969), zugleich
Ordinarius an der medizinischen Fakultät der Universität
Frankfurt, forderte offen die Lösung der "Judenfrage".
Bei ihm promovierte 1938 auch Josef Mengele, der als Assistent
am Institut im Bereich der Vererbungslehre tätig war. Seit
1939 war Rassenhygiene für Medizinstudenten ein obligatorisches
Prüfungsfach. Im "Euthanasie"-Programm zur
Ermordung "lebensunwerten Lebens" fand die Zwangssterilisation
ihre Fortsetzung.
Nicht alle Naturwissenschaftler unterstützten die rassistischen
Ziele des Nationalsozialismus in solcher Radikalität, obwohl
sie sich gleichwohl mit dem Regime arrangierten. Konrad Lorenz
(1903-1989), der mit seiner Arbeit "Über den Begriff
der Instinkthandlung" von 1937 den Grundstein der vergleichenden
Verhaltensforschung als eigenständiger Disziplin legte, trat
1938 der NSDAP bei und war darüber hinaus Mitarbeiter des
Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. Anderen Gelehrten blieb trotz
international bahnbrechenden Forschungsergebnissen die Auszeichnungen
versagt. Richard Kuhn (1900-1967) durfte 1938 seinen Chemienobelpreis
ebenso wenig in Empfang nehmen wie Adolf Friedrich Johann Butenandt
(1903-1995) ein Jahr später, da Hitler nach der Verleihung
des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky 1935 eine
Annahme der Ehrung für deutsche Wissenschaftler ablehnte.
Kuhn erforschte Vitamine und Carotinoide und deren Bedeutung für
das menschliche Auge. Butenandt war entscheidend an der Bestimmung
und Isolierung der menschlichen Geschlechtshormone beteiligt.
Auch Gerhard Domagk (1895-1964) durfte den 1939 erhaltenen Medizinnobelpreis
für die Entdeckung der antibakteriellen Wirkung des Prontosil
gegen Streptokokkeninfektionen nicht annehmen. Hans Spemann (1969-1941)
hingegen war die Entgegennahme des Medizinnobelpreis für
seine Leistungen auf dem Gebiet der experimentellen Entwicklungsphysiologie
1935 erlaubt worden.
Vom sogenannten Arierparagraphen waren auch jüdische Ingenieure
betroffen, wenn auch ihre Entlassung aus ökonomischen und
technischen Motiven nicht im gleichen Ausmaß vonstatten
ging als bei den Geistes- und Naturwissenschaftlern. Aufgrund
der nachhaltigen Deflationspolitik von Heinrich Brüning
während der Weltwirtschaftskrise und verschiedenen
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nach 1933 erholte sich langsam
die Konjunktur in Deutschland und schaffte Raum für technische
Innovationen. Neben dem Autobahnbau forcierte die NSDAP
die Herstellung eines Volkswagens, der für weniger als 1.000
Reichsmark verkauft werden sollte.
Erste Prototypen des von Ferdinand
Porsche (1875-1951) entwickelten Autos wurden 1935 vorgestellt.
Die etablierten Automobilhersteller brachten ebenfalls mehrere
Neuheiten auf den Markt. Der 1933 vorgestellte BMW 303 verfügte
bereits über einen 1,2-Liter-Sechszylindermotor und zeigte
erstmals die charakteristische Doppelniere als Kühlgrill.
Im selben Jahr entwickelte BMW die Benzin-Direkteinspritzung,
die 1937 im Neunzylinder-Sternmotor des BMW 132 F in Serie produziert
wurde. Daimler-Benz stellte 1934 das Heckmotorfahrzeug Typ 130
vor und präsentierte zwei Jahre später auf der Berliner
Automobil-Ausstellung den ersten in Serie gefertigten PKW-Diesel
der Welt. Ebenfalls 1936 lief der erste Opel Kadett vom Band.
Er war mit nur 2.100 Reichsmark für weite Teile der Bevölkerung
erschwinglich, so daß bis zur Produktionseinstellung 1940
über 100.000 Exemplare einen Käufer fanden. Ab 1937
experimentierten die großen Autohersteller in Windkanälen
mit der Stromlinienform und maßen den Luftwiderstand der
Karosserien. Sie entwickelten windschnittig verkleidete Prototypen
mit niedriger Front und bis zum Heck laufendem Dach, die allerdings
nicht für den Normalgebrauch vorgesehen waren. Der W 125
von Daimler-Benz erreichte mit seinem 736 PS starken 12-Zylinder
Motor bis dahin unvorstellbare 433 km/h Spitzengeschwindigkeit.
Auch im Bereich der Elektrotechnik kam es zu zahlreichen Neuerungen,
insbesondere bei den modernern Kommunikationsmöglichkeiten.
Im August 1933 wurde der Volksempfänger vorgestellt,
ein Kurzenwellenradio für jedermann, das schnelle Verbreitung
gefunden hat. Im selben Jahr führte das Reichspostministerium
das Telex-Netz als weltweit zweites nach den USA ein.
Mit einem
Fernschreiber war nun die Übermittlung von Textnachrichten
über ein mit dem Telefonnetz vergleichbares Telekommunikationsnetz
möglich. Manfred von Ardenne gelang am Heiligabend
1933 in Berlin die erste Übertragung von Fernsehbildern.
Nachdem die Reichsrundfunkgesellschaft 1934 mit der Ausstrahlung
von Versuchsprogrammen begonnen hatte, nahm am 22. März 1935
in Berlin der erste vollelektronisch arbeitende Fernsehsender
der Welt seine Tätigkeit auf und sendete zunächst dreimal
wöchentlich für je 90 Minuten. Zur Bewältigung
des rasant ansteigenden Funkübertragungsbedarfs wurde 1935
erstmals das Koaxialkabel verwendet, welches zweihundert Ferngespräche
und einen Fernsehkanal parallel übertragen konnte. Während
der Olympischen Spiele 1936 gebrauchte das Reichspropagandaministerium
die Forschritte in der Kommunikationstechnologie zur medialen
Inszenierung des nationalsozialistischen Deutschlands. Dabei wurde
unter Regie von Leni Riefenstahl die elektronische Fernsehkamera
von Telefunken erstmals auch für Außenaufnahmen benutzt.
In Berlin arbeitete Mitte der 1930er Jahre der Erfinder Konrad
Zuse an einer Rechenmaschine, die mit Hilfe eines Rechenplans
auf Lochstreifen Rechenoperationen automatisch ausführen
konnte. Der 1938 fertiggestellte Z1 war bereits eine frei programmierbare
Rechnenmaschine. Das auf dem binären Zahlensystem basierende
Folgemodell Z3 war der erste funktionsfähiger Computer der
Welt. Er nahm ungefähr den Platz von drei Kühlschränken
ein.
Auch in der Luftfahrt wurden technische Neuerungen entwickelt.
Nach dem erfolgreichen Weltflug 1929 und dem Arktisflug 1931 wurde
der regelmäßige Post- und Passagierverkehr nach Nord-
und Südamerika von den Zeppelinen aufgenommen. Am
22. März 1935 gründete sich in Frankfurt am Main die
Deutsche Zeppelin Reederei GmbH. Das Ende der legendären
Zeppeline wurde erst mit dem tragischen Unfall des LZ 129 "Hindenburg"
am 6. Mai 1937 in Lakehurst/USA eingeläutet. Unterdessen
übernahm die 1926 gegründete Deutsche Lufthansa AG immer
mehr die Aufgaben der Zeppeline. Neben der bekannten Junkers Ju
52 sorgten vor allem die Junkers Ju 90 und die von der Firma Focke-Wulf Flugzeugbau konstruierte Fw 200 für größere Reichweiten.
Ab 1936 wurde über den Nordatlantik ein planmäßiger
Probeluftverkehr eingerichtet. 1937 zählte die Lufthansa
insgesamt über 320.000 Passagiere, das entsprach drei Mal
soviel wie 1933. Im Juni 1936 gelang Focke in Bremen der erste
freie Flug mit einem Hubschrauber. Der Fw 61 erreichte Geschwindigkeiten
bis 140 km/h und eine Höhe von 3.900 Metern. 1940 baute Focke
den größeren FA-223, der bis zu sechs Passagiere befördern
konnte und als erster Hubschrauber der Welt in Serie hergestellt
wurde.
Neben der zivilen Luftfahrt wurde ab 1933 vor dem Hintergrund
der Wiederaufrüstung auch die militärische Flugtechnik
massiv gefördert. 1935 ordnete Hitler den systematischen
Aufbau der Luftwaffe an. Die Flugzeughersteller Arado,
Dornier, Focke-Wulf, Junkers, Heinkel und Messerschmitt konnten
aufgrund zahlreicher Aufträge ihre Produktionsanlagen großzügig
ausbauen. Die Heinkel He 111 wurde ab 1937 als Bombenflugzeug
in Serie hergestellt, nachdem sie sich schon als schnelles Verkehrsflugzeug
bewährt hatte. Aber auch die Dornier Do 17, ursprünglich
als Post- und Reiseflugzeug gebaut, und die Junkers Ju 88 wurden
zu Jagdflugzeugen und Schnellbombern umgebaut. Die neuen Flugzeugtypen
hatten ihre ersten Bewährungsproben im Spanischen Bürgerkrieg,
als die Legion Condor zur Unterstützung von Francisco
Franco auf der iberischen Halbinsel kämpfte. Parallel
zur Flugzeugaufrüstung entwickelte der Ingenieur Hans Plendl
(1901-1991) 1934 ein neuartiges System zur zielgenauen Navigation
von Flugzeugen bei Nacht. Das sogenannte System Knickebein fand
bei der Luftwaffe verstärkt Anwendung. Am 20. Juni 1939 gelang
in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde der erste erfolgreiche
Raketenflug der Welt. Die in Zusammenarbeit von Heinrich Heinkel
(1888-1958) und Wernher von Braun gebaute He 176 erreichte
eine Spitzengeschwindigkeit von 750 km/h. Im August 1939 startete
mit der He 178 das erste Düsenflugzeug der Welt.
(jl)
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