Nach der gewaltsamen "Entfernung" jüdischer, kommunistischer
und "unerwünschter" Künstler aus öffentlichen
Ämtern und der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
auf dem Berliner Opernplatz wurde bereits in den ersten Monaten
nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten
deutlich, dass die Vielfalt der Kunst und Kultur der Weimarer Republik unwiderruflich zu Ende war. Abgelehnt und verfolgt wurde die avantgardistische, großstädtische Kunst- und Kulturszene, die als "undeutsch" und "artfremd" galt. Die am 22. September 1933 gegründete Reichskulturkammer hatte unter dem Vorsitz von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels für die Neuordnung des künstlerischen Schaffens zu sorgen. Nur wer arischer Abstammung und nicht durch "kulturbolschewistische" Arbeiten stigmatisiert war, durfte seinen Beruf weiter ausüben.
Kunst und Kultur waren nicht mehr autonom, sondern in den Dienst des NS-Regimes und seiner Rassenideologie zu stellen. Die neue, nationalsozialistische deutsche Kunst sollte eine Kunst des nordisch-arischen Volks sein. Alles
in allem hat die NS-Zeit jedoch kaum originäre Werke hervorgebracht.
Die von den Nationalsozialisten propagierte neue Kunst knüpfte
in allen Bereichen der Bildenden Kunst im wesentlichen an die Heimatkunst des Deutschen Kaiserreichs an.
Zu den von der NS-Kunstpolitik bevorzugten
Motiven gehörten Landschaften, Stilleben, mythologische Szenen und vor allem das harte Leben von Arbeitern und Bauern. Viele Maler mystifizierten in ihren Gemälden eine auf unvergängliche Werte, Tradition und vorindustrielles Kleinbauerntum gründende Blut- und Bodenideologie. Idealisierte weibliche Aktbilder wie Ivo Saligers (1894-1987) "Das Urteil des Paris" standen ebenfalls im Mittelpunkt der NS-Malerei. Wohlgeformte Körper
dienten den Nationalsozialisten als Propaganda für die Ästhetik des nordischen Menschen, die Schönheit, Reinheit und Anmut symbolisieren sollte. Auch die Plastiken und Monumentalfiguren der beiden prominentesten NS-Bildhauer Arno Breker und Josef Thorak (1889-1952) sollten mit heroisierendem Pathos die Überlegenheit des "arischen Herrenvolks" demonstrieren. Ganz im Sinne des nationalsozialistischen Kunstideals formten sie muskulöse Männergestalten nach Vorbild der klassischen Antike, die auf Stolz und Stärke des NS-Regimes verwiesen.
"Kunst ist immer die
Schöpfung eines bestimmten Blutes, und das formgebundene
Wesen einer Kunst wird nur von Geschöpfen des gleichen Blutes
verstanden", schrieb Alfred Rosenberg in seinem 1930
erschienenen Buch "Der Mythus des 20. Jahrhunderts". Eine in der ganzen Welt beheimatete "Kunst an sich"
lehnte er strikt ab. Als Führer des 1929 gegründeten "Kampfbund für deutsche Kultur" hetzte er gegen die abstrakte, experimentierfreudige Moderne und amerikanische Kultureinflüsse wie den "Niggerjazz". Rosenberg propagierte die von Adolf Hitler 1924 in seinem Buch "Mein Kampf" beschworene "sittliche Staats- und Kulturidee", die sich auf die "rassische Substanz" des Volks und auf ein die Bildhauerei, Malerei, Architektur, Literatur, Musik und den Film umfassendes, ästhetisch gestaltendes Schaffen gründen sollte.
1936 erging ein totales Verbot jeglicher Kunst der Moderne. Hunderte
Kunstwerke, vor allem aus dem Bereich der Malerei, wurden aus
den Museen entfernt und entweder für die am 19. Juli 1937 in München eröffnete Ausstellung "Entartete
Kunst" konfisziert, ins Ausland verkauft oder zerstört.
Maler, Schriftsteller und Komponisten erhielten - soweit sie nicht emigriert waren - Arbeits- und Ausstellungsverbot.
Das bereits seit 1933 bestehende Ankaufsverbot für nicht-arische
und moderne Kunstwerke wurde verschärft. 1937 öffnete
die "Große Deutsche Kunstausstellung" im neugebauten
Haus der Kunst in München.
Die abstrakten und gegenstandslosen Produkte der Avantgardekunst hatten in der Weimarer Republik stets nur das Interesse weniger, zumeist intellektueller Menschen geweckt. In weiten Bevölkerungskreisen herrschten Unverständnis und Ablehnung gegenüber modernen Kunstrichtungen vor. Das Ziel der "Großen Deutschen Kunstausstellung" lag daher nicht
nur in der Präsentation deutscher Kunst, sondern auch im
Versuch, dem einfachen Volk "seine" Kunst näherzubringen.
Ein offizieller Wettbewerb lud alle deutschen Künstler im
In- und Ausland ein, daran teilzunehmen. Von den 16.000 eingesandten
Werken wurden gut 600 ausgestellt und zum Verkauf angeboten. Auffallend
war jedoch das Fehlen junger Talente. Die meisten der ausgestellten
Künstler, wie Fritz Erler (1868-1940) oder Ferdinand Spiegel (1879-1950), hatten ihre Werke bereits vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten an anderen Orten ausgestellt. Zu den wertvollsten Stücken in den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" der folgenden Jahre gehörten die Skulpturen von Fritz Koelle, ein zuvor von den Nationalsozialisten verfemter Bildhauer, der sich mit dem NS-Regime arrangierte und sich dessen Kunsterwartung wie mit dem 1937 entstandenen "Bergmann" anpasste. Demgegenüber blieb Käthe Kollwitz bei ihrer regimekritischen Haltung. Sie drückte mit ihrer Plastik "Turm der Mütter" 1938 die Bedrohung aus, die vom NS-Regime für die Bürger ausging.
Die "offizielle" Photographie beschwor hingegen die Ideale der Stärke, der Schönheit und der "Volksgemeinschaft". Technisch perfekte Photos installierten ästhetische "Leitbilder" des "arischen Menschen" oder der Heimat, die mythisch verklärt Faszination und Verführungskraft ausüben sollten. Durch zahlreiche Ausstellungen und durch Zeitschriften wie "Volk und Welt" erreichten die Bilder ein Massenpublikum. Photographen und offizielle NS-Bildberichterstatter hielten mit ihren Kameras heroisierte "deutsche Volksgesichter", eine vorindustrielle bäuerliche Kultur oder ab 1939 die Feldzüge der Wehrmacht fest.
Der in der Weimarer Republik begonnene Trend zur Massenkultur und Massenunterhaltung setzte sich nach 1933 unvermindert fort und umfasste alle Formen kulturellen oder sportlichen Lebens. Durch den Rundfunk oder die Wochenschau erfuhr der Sport eine Popularisierung. Der berühmteste deutsche Sportler Max Schmeling genoss weltweite Popularität und in Deutschland den Status einer nationalen Identifikationsfigur. Millionen Menschen verfolgten an den Radiogeräten seine Kämpfe oder jede Woche die Fußballspiele in den verschiedenen Gauligen. Der Fußball mobilisierte Massen, vor allem im Ruhrgebiet. Populärste Mannschaft in Deutschland war die traditionsreiche "Arbeiterelf" von FC Schalke 04, sechs ihrer sieben Deutschen Meisterschaften fielen in die Zeit des NS-Regimes. Die intellektuellenfeindlichen Nationalsozialisten feierten die Erfolge von Schalke mit seinen Idolen Ernst Kuzorra (1905-1990) und Fritz Szepan (1907-1974) stets propagandistisch als "Sieg der Arbeiterklasse".
Der "Verschönerung" des Alltagslebens sollten im NS-Regime vor allem der Rundfunk und der Film dienen. Gleichzeitig setzte Goebbels beide Medien gezielt zur Verbreitung von Massenpropaganda ein. Zwischen 1932 und 1939 verdreifachte sich die Zahl der Rundfunkteilnehmer - besonders durch den massenhaften Verkauf des kostengünstigen Volksempfängers - von vier auf zwölf Millionen. Vor allem der Film war nach Ansicht von Goebbels "eines der modernsten und weitreichendsten Mittel zur Beeinflussung der Masse". In der Saison 1934/35 gingen rund 250 Millionen Menschen in die Kinos,
fünf Jahre später waren es eine Milliarde Kinobesucher jährlich.
Waren die unmittelbar nach der Machtübernahme gedrehten Propagandafilme "Hitlerjunge Quex" und "SA Mann Brand" (1933) nicht unbedingt Publikumsmagnete, so waren die Massen fasziniert von den Parteitagsfilmen "Sieg des Glaubens" (1933) und "Triumph des Willens" (1934) von der jungen Regisseurin Leni Riefenstahl. Wie auch mit ihren international gefeierten Olympia-Filmen "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit" von 1938 verstand es Riefenstahl, ästhetische Maßstäbe im Sinne der Nationalsozialisten zu setzen und ein Millionenpublikum zu beeinflussen.
Politische Propagandafilme oder propagandistische Rundfunksendungen waren jedoch eindeutig in der Minderheit. Dem verbreiteten Unterhaltungsbedürfnis wurde von den Nationalsozialisten in beiden Medien bereitwillig Rechnung getragen. Um einer aus Überdruss von der Propaganda resultierenden Abwendung der Hörer entgegenzuwirken, boten die Rundfunkprogramme überwiegend Unterhaltungsmusik und Tanzschlager. Auch Swing und Jazz wurden geduldet, wenn die Herkunft als "artfremde Niggermusik" verleugnet wurde und sie "deutsch verpackt" als "stark rhythmische Musik" liefen.
Für die Radiosendungen und besonders für das ab 1935 gesendete "Wunschkonzert für das Winterhilfswerk" wurden berühmte Solisten wie Heinz Rühmann oder Marika Rökk aus Unterhaltungsfilmen verpflichtet. Das filmbegeisterte Publikum konnte im Jahr zwischen rund hundert Unterhaltungs-, Liebes- oder Abenteuerfilmen auswählen und neben Rühmann und Rökk weitere beliebte Stars der 30er Jahre wie Heinrich George, Hans Albers, Zarah Leander, Emil Jannings, Lil Dagover, Lilian Harvey, Kristina Söderbaum, Otto Gebühr, Willy Birgel, Willy Fritsch, Hans Moser, Hans Söhnker (1903-1981) oder Erich Ponto (1884-1957) erleben.
Andere berühmte Schauspieler und Regisseure wie Marlene Dietrich oder Fritz Lang hatten es vorgezogen, aus Deutschland zu emigrieren. Zahlreiche deutsche Intellektuelle, Künstler oder Literaten wie Thomas Mann, sein Bruder Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Arnold Zweig gingen in die Emigration. Ihre für die Nationalsozialisten "staatsgefährdenden" oder mit der nationalsozialistischen Weltanschauung unvereinbaren Werke wurden von der Zensur verboten. Andere Autoren wie Hans Fallada oder Ricarda Huch blieben in Deutschland und durften weiter veröffentlichen, obwohl sie dem NS-Regime distanziert gegenüberstanden. Sie suchten wie andere daheimgebliebene Schriftsteller wie Werner Bergengruen, Elisabeth Langgässer (1899-1950), Marie Luise Kaschnitz (1901-1974), Reinhold Schneider (1903-1958) oder Frank Thieß (1896-1977) einen Rückzug ins Private und - wie es Thieß 1933 für die in Deutschland verbliebenen Literaten und Künstler ausdrückte - die "innere Emigration". Nach 1945 führte dieser Begriff zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Exilierten, die für sich in Anspruch nahmen, das "wahre Deutschland" repräsentiert zu haben.
(as)
Rede von Joseph Goebbels anlässlich der Übergabe der Medaillen im Internationalen Kunstwettbewerb während der Olympischen Spiele, 31. Juli 1936
Ausstellung des DHM: Kunst und Macht: Europa unter den Diktatoren (1930-1945)
Ausstellung des DHM: Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930-1945