1933-39

[Photo: Helmuth James Graf von Moltke]

[Photo: Peter Graf Yorck von Wartenburg]

[Photo: Adam von Trott zu Solz, 1944]

[Photo: Carlo Mierendorff]

[Photo: Adolf Reichwein]



Der "Kreisauer Kreis"


Ab 1940 fanden auf dem niederschlesischen Gut Kreisau von Helmuth James Graf von Moltke, aber auch in Berlin und München regelmäßige Treffen des später von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) so benannten "Kreisauer Kreises" statt. Auf ihnen wurden Konzepte für eine grundlegende staatliche, wirtschaftliche und soziale Neugestaltung Deutschlands nach dem Sturz der NS-Diktatur erörtert. Der "Kreisauer Kreis", der sich zum Zentrum des bürgerlich zivilen Widerstands entwickelte und zu dessen führenden Köpfen neben Moltke vor allem Peter Yorck Graf von Wartenburg und Adam von Trott zu Solz gehörten, war keine festgefügte politische Vereinigung. Er bestand aus ungefähr 20 Aktiven und ebenso vielen Sympathisanten und vereinte Sozialdemokraten wie Carlo Mierendorff, Julius Leber und Adolf Reichwein, Jesuitenpater wie Alfred Delp und von christlichem Reformwillen beeinflußte Angehörige beider großen Konfessionen wie Theodor Steltzer (1885-1967), Eugen Gerstenmaier und Hans Lukaschek (1885-1960). Gemeinsam war ihnen die ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und der Wille, eine Neuordnung für Deutschland nach dem Ende des NS-Regimes zu entwickeln

Die theoretischen Grundlagen wurden von häufig zusammentreffenden Arbeitsgruppen in langen Gesprächen entworfen. Auf den drei Haupttagungen auf dem Gut Kreisau in den Jahren 1942 und 1943 wurden Entwürfe diskutiert und Ergebnisse festgehalten. Sie waren oft allgemein gefaßte Leitlinien, denen ein christlich geprägtes Menschenbild zugrunde lag, wie es in der im Mai 1942 formulierten "Grundsätzlichen Erklärung" zum Ausdruck kam.

Wichtiges Element der Pläne war die enge Verbindung von Kirche und Staat. Grundprinzip des Staatsaufbaus sollten die weitgehend selbstverwalteten "kleinen Gemeinschaften" wie Familien, Betriebsgemeinschaften oder Kirchengemeinden sein. Mit ihnen sollten zukünftig eine manipulierbare Massengesellschaft verhindert und die Grundlage für ein verantwortungsbewußtes Handeln des Einzelnen geschaffen werden. Der angestrebte föderalistische Staatsaufbau sah allgemein und direkt gewählte Gemeinde- und Kreistage mit weitreichenden Kompetenzen vor, deren Mitglieder die Landtage und den Reichstag wählen sollten. Durch ein an Persönlichkeiten statt an zentral geleiteten Parteien orientiertes Wahlsystem hoffte der Kreis, die Stärkung der Demokratie von der Basis aus zu erreichen.

Neben Fragen der neuen, auf kleine und mittlere Betriebe zugeschnitten Wirtschaftsverfassung und der Bestrafung der NS-Verbrechen vor einem internationalen Gerichtshof wurden auf der dritten Kreisauer Haupttagung im Juni 1943die Grundlagen künftiger deutscher Außenpolitik unter der Leitung von Trott diskutiert. Zur Sicherung des Friedens wurde eine gesamteuropäische Ordnung und eine europäische Föderation von den meisten Mitgliedern befürwortet.

Parallel zu den Gesprächen und Tagungen suchte der Kreisauer Kreis Kontakt zu anderen Widerstandsgruppen, so zum militärischen Widerstand um Ludwig Beck und zu Carl Friedrich Goerdeler, Ulrich von Hassell und Wilhelm Leuschner. Vor allem Moltke und Trott suchten darüber hinaus auch Kontakte zum Widerstand in den besetzten Ländern Norwegen, Dänemark und in den Niederlanden sowie zu den Alliierten. Ab 1943 wuchs bei vielen Mitgliedern des "Kreisauer Kreises" die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme an einem Staatsstreich. Als der Kreis nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 weitgehend zerfiel, schlossen sich einige der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an und waren an den Vorbereitungen zum Attentat am 20. Juli 1944 beteiligt. Nach dessen Scheitern zahlten unter anderem Yorck, Trott, Leber, Moltke und Delp dafür mit ihrem Leben.

(cp)

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