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1850-1870AlltagslebenSeit Mitte des 19. Jahrhunderts bewirkten die dynamisch wachsende Industrie und Wirtschaft einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Deutschland. Während in der Landwirtschaft erst allmählich Maschinen eingesetzt wurden, veränderte die industrielle Entwicklung vor allem in Großstädten das Leben gravierend: Die Arbeits- und Wohnbedingungen des neu entstehenden Fabrikproletariats waren miserabel, Unternehmer hingegen wohnten deutlich besser in repräsentativen Prachtbauten. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft suchten viele Deutsche ihr Glück in der Auswanderung nach Übersee. Harte körperliche Arbeit von oft zwölf bis vierzehn Stunden dominierte gleichermaßen in ländlichen wie städtischen Regionen den Tagesablauf. Freie Zeit, Vergnügungen und Geselligkeit spielten im Alltag eine nur untergeordnete Rolle. Für große Teile der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung waren die regelmäßig stattfindenden Schützenfeste, Jahrmärkte, Kirchweihen oder andere lokale Volksfeste zentrale Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens. Der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes war für die meisten Menschen eine Woche für Woche wiederkehrende Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus boten Kegeln, Kartenspiel und Tanzvergnügen oder der Besuch von Wirtshäusern, Weinstuben und Gartenlokalen eine willkommene Abwechselung. Im Adel und im höheren Bürgertum dominierten der öffentliche oder häusliche Ball sowie Besuche von Restaurants, Kaffeehäusern, Theatern und Konzerten. Im Bürgertum entwickelte sich ein neues Familienleben, das die innerfamiliäre Privatheit stärker betonte und sich stärker vom Dienstpersonal abtrennte. Ab 1850 ging der Einrichtungsstil des großbürgerlichen Wohnens allmählich vom Biedermeier- in den Gründerzeitstil über. Zunehmende Fülle, meist in schweren und dunklen Farben, bestimmte nun die Raumausstattung. Verstärkt trennten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Wohn- und Arbeitsbereiche. Die bis dahin vor allem im Textilgewerbe weit verbreitete Heimarbeit wurde zunehmend von der Fabrikarbeit abgelöst. Mit der Entstehung erster Industriezentren wuchsen die Städte deutlich über ihre bisherigen Grenzen hinaus. Zudem bildeten sich separate großbürgerliche, bürgerliche und proletarische Wohnviertel. Raumnot charakterisierte besonders das Leben der städtischen Unterschichten in Mietskasernen mit bis zu sechs Vollgeschossen, sechs Hinterhöfen und 100 Kleinwohnungen. Die Löhne des Fabrikproletariats waren zumeist so gering, dass selbst Familien auf kleinstem Wohnraum noch Untermieter einquartieren mussten.
Während die Ärmsten häufig auf öffentliche
Fürsorgeeinrichtungen angewiesen waren und die soziale Not
oft zum Betteln zwang, stieg mit den Reallöhnen der mittleren
Einkommensschichten der Fleischverbrauch. Das "gutbürgerliche
Essen" wurde - wenn auch in einfacherer Form - von weniger
begüterten Bevölkerungskreisen übernommen: Kotelett,
Schnitzel und Gulasch standen öfter als zuvor auf dem Tisch.
Zu den Kolonialwaren, die nicht mehr nur einer Oberschicht zur
Verfügung standen, gehörten Zucker, Kaffee und Kakao,
Industrielle Neuerungen begannen das alltägliche Leben zu rationalisieren. Die Erfindung des Briketts vereinfachte das Heizen, der 1863 in England entwickelte Bodenbelag Linoleum das Putzen und die Nähmaschine mühsame Näharbeiten. Ab 1860 ersetzten Petroleumlampen Kerzen und Talglichter. Die Verbreitung technischer Neuerungen begünstigte vor allem der Eisenbahnbau sowie die Ausbreitung der Dampfschifffahrt. Die gestiegene Mobilität brachte ein neues Element in der bürgerlichen Freizeitkultur hervor: Das Reisen. Für die Oberschicht zählten besonders die Bäderreisen in die großen Kur- und Badeorte zur beliebten Urlaubgestaltung. Bereits um die Jahrhundertmitte konnte auch die Mittelschicht zunehmend zur kurzen "Sommerfrische" aufbrechen. Die für die katholische Bevölkerung so bedeutenden Wallfahrten vereinfachten sich durch die Eisenbahn ebenfalls erheblich.
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