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1850-1870Kunst und KulturDie in Deutschland ab 1850 aufkommende Industrialisierung und die damit verbundene Verstädterung veränderten die Lebensverhältnisse der Bevölkerung und führten zu einem sozialen Wandel, der auch in neuen Verhaltens- und Denkmustern seinen Ausdruck fand. Dieser Mentalitätswandel hatte Einfluss auf die Kunst und Kultur, die besonders durch das aufstrebende Bürgertum stark geprägt wurden. Die Ausstrahlungskraft der bürgerlichen Kultur reichte dabei weit über das Bürgertum hinaus: Sie wirkte auf die gesamte Gesellschaft, unter anderem auch auf die entstehende Arbeiterschaft.
In der Bildenden Kunst begann sich in Deutschland ab Mitte
des 19. Jahrhunderts der Realismus als Stilrichtung durchzusetzen.
Er wandte sich gegen die historisierenden und idealisierenden
Darstellungen des Klassizismus sowie der Romantik. Der Begriff
"Realismus" als Stilphase wurde entscheidend vom französischen
Maler Gustav Courbet (1819-1877) und seiner programmatischen Ausstellung
"Le Réalisme" 1855 in Paris geprägt: Courbet
verband die Forderung nach wirklichkeitsgetreuer Abbildung und
sozialer Aussage mit einer Ablehnung des Idealismus. Maler des
Realismus bildeten technische Entwicklungen der Zeit sowie den
Alltag der Menschen ab, wobei immer öfter auch ein sozialkritischer
Ton vermittelt wurde. Zwei der bedeutendsten Vertreter des Realismus
waren der in Wien geborene Georg Ferdinand Waldmüller (1793-1865)
und Adolph von Menzel.
Zahlreiche Landschafts- und Alltagsdarstellungen
Die Historienmalerei war in der Bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Innerhalb dieses Genres verbanden die Maler oft historische Themen und politische Ereignisse mit einer patriotischen Botschaft. Dabei stand die Nationalgeschichte bei Malern wie Karl Theodor von Piloty (1826-1886), Franz Krüger (1797-1857) oder Wilhelm von Kaulbach (1804-1878) stark im Vordergrund. Vor dem Hintergrund der erstarkenden deutschen Nationalbewegung ab Ende der 1850er Jahre waren - wie bei dem Gemälde "Rückführung des verwundeten Theodor Körner 1813" von Friedrich Wilhelm Martersteig (1814-1899) - Darstellungen aus den Freiheitskriegen gegen Napoleon und die damit verbundene Opferbereitschaft beliebte Motive der Historienmalerei.
Das musikalische Schaffen jener Zeit stand im Zeichen der Spätromantik,
die etwa ab der Jahrhundertmitte einsetzte und verschiedene Strömungen
beinhaltete. Ein starker Gefühlsausdruck sowie vergleichsweise
hohe Stilfreiheit waren Kennzeichen der musikalischen Spätromantik.
Die Theater- und Opernbühnen dienten dem aufstrebenden Bürgertum
als Orte der Unterhaltung und der Bildung. In den zunehmend städtisch
subventionierten Theatern, die nach 1848 in großem Maße
im Stil des Historismus neu gebaut oder umgestaltet wurden, fand
ab der Jahrhundertmitte verstärkt eine Professionalisierung
statt. Sie hatte eine Aufwertung der Theaterkultur zur Folge.
Das Theater wurde zum Renommierobjekt des Bürgertums, das
hier ein Mittel zur Distinktion von den unteren Volksschichten
entdeckte. Auf den städtischen Theaterbühnen fand eine
Rückwendung zur Vergangenheit statt. Klassische Schauspiele
von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) oder Friedrich Schiller
(1759-1805), die dem Bildungsanspruch des Bürgertums genügten,
standen wieder auf dem Programm.
Nicht nur in den prachtvollen Theaterbauten, sondern in der gesamten Architektur lässt sich etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit des Historismus konstatieren. Dieser Baustil griff auf ältere Stile zurück. Hierbei wurden Stilelemente der Romanik, der Gotik, der Renaissance, des Barock sowie des Rokoko imitiert. Häufig kombinierte der Historismus mehrere Stilrichtungen miteinander, so auch in der Phase des romantischen Historismus von 1850 bis 1870. (sg)
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