Am 30. Januar vor 80 Jahren ernannte Reichspräsident Paul
von Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei (NSDAP) und "Führer" der stärksten
Reichstagsfraktion Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler. Hitler
war der sechste Politiker, den Hindenburg seit Beginn seiner Amtszeit
1925 mit der Regierung beauftragte - und seit 1930 war er schon
der vierte Reichskanzler in Folge, der ein Präsidialkabinett
ohne parlamentarische Mehrheit führen sollte. Was vor diesem
Hintergrund wie eine Routineangelegenheit im politischen Tagesgeschäft
der von wirtschaftlichen und sozialen Krisen gebeutelten Weimarer
Republik aussah, entpuppte sich jedoch schon bald als die wohl
folgenschwerste Entscheidung Hindenburgs und die dramatischste
politische Wendemarke in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 hatte die NSDAP mit 37,4
Prozent die meisten Stimmen erhalten. Gestärkt durch diesen
Wahlerfolg verlangte Hitler kompromisslos die ganze politische
Macht, die ihm Hindenburg im Sommer 1932 noch verweigerte. Gestützt
auf das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten blieb Franz
von Papen im Amt, dessen Kabinett aber über keinen politischen
Rückhalt verfügte. Noch am Tag der Parlamentseröffnung
sprach die Majorität der Abgeordneten der Reichsregierung
das Misstrauen aus: Für Papen ein erwartetes Urteil, mit
Order Hindenburgs löste er den eben gewählten Reichstag
wieder auf. In der daraus resultierenden Reichstagswahl am 6.
November 1932 wurde die NSDAP mit 33,1 Prozent zwar stärkste
parlamentarische Kraft, nun war aber auch sie von der Wahlmüdigkeit
großer Teile der Bevölkerung betroffen und verlor zwei
Millionen Stimmen.
Dennoch hielt Hitler unbeirrt an seiner "Alles-oder-nichts-Strategie"
fest und verlangte mit Unterstützung einflussreicher Bankiers
und Industrieller im November 1932 erneut die Kanzlerschaft. Demgegenüber
verfügte der glücklose Papen über keinen nennenswerten
Rückhalt in der Wirtschaft, im Reichstag oder in der Bevölkerung.
Für Hindenburg war dies Grund genug, am 3. Dezember 1932
Reichswehrminister Kurt von Schleicher als neuen Reichskanzler
einzusetzen. Schleicher beabsichtigte in seinem sogenannten Querfront-Konzept,
durch ein Bündnis von Reichswehr, berufsständischen
Organisationen und der Arbeiterschaft quer zum Parteiensystem
eine breite Basis in der Bevölkerung zu gewinnen. Doch durch
die Weigerung der Gewerkschaften an einer Zusammenarbeit mit Reichswehrgeneral
Schleicher war dessen ambitioniertes, aber weitgehend realitätsfernes
Konzept bereits Anfang Januar 1933 gescheitert.
Währenddessen führte Papen mit Zustimmung Hindenburgs
mehrere Sondierungsverhandlungen mit Hitler, um in die Regierung
zurückzukehren. Sein Vorhaben, selbst das Amt des Reichskanzlers
zu übernehmen, musste dabei durch den Führungsanspruch
Hitlers zurückgestellt werden. Der 85-jährige Reichspräsident
gab schließlich dem Drängen seiner Ratgeber aus Politik
und Wirtschaft nach und stellte seine politischen und persönlichen
Vorbehalte gegenüber Hitler hinten an. Insbesondere Papen
überzeugte Hindenburg davon, dass ein von einer konservativen
Kabinettsmehrheit "eingerahmter" und neutralisierter
NSDAP-Führer als Träger der Regierungsgewalt eine nur
geringe Gefahr bedeute. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
und die Vereidigung seines Kabinetts am 30. Januar 1933 erfolgten
aufgrund eines Gerüchts über einen unmittelbar bevorstehenden
Militärputsch in einer hektischen Atmosphäre. Angeblich
plante Schleicher mit der Verhaftung Hindenburgs, die Ernennung
Hitlers zum Reichskanzler zu verhindern. Damit zerstreuten sich beim Reichspräsidenten
auch die letzten noch möglichen Bedenken gegenüber Hitlers
Kanzlerschaft.
"Es ist fast ein Traum. Die Wilhelmstraße gehört
uns", notierte Joseph Goebbels am 30. Januar 1933 in sein
Tagebuch. Was die Nationalsozialisten anstrebten, war nicht weniger
als die komplette politisch-gesellschaftliche Umgestaltung Deutschlands.
Zu viele Deutsche folgten der NSDAP und träumten ebenfalls
von einer stabilen volksgemeinschaftlich verklärten Gegenwelt
zu Wirtschaftskrise, Parteienstreit und "demokratischem Chaos"
der Weimarer Republik. Als Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag
der NSDAP im September 1934 den Abschluss der "nationalsozialistischen
Revolution" verkündete, hatte sich das politische, gesellschaftliche
und kulturelle Leben in Deutschland in nur 20 Monaten tatsächlich
nahezu revolutionär verändert. Und für viele Deutsche
erschien es in der Tat ein Traum zu sein, nach Jahren der Krise,
Zukunftsangst und Arbeitslosigkeit wieder in Lohn und Brot zu
stehen und so soziales Ansehen und Selbstvertrauen gewonnen zu
haben.
Sozialpolitische Maßnahmen und Einrichtungen brachten dem
NS-Regime in den folgenden Jahren ebenso nachhaltig Sympathien
ein wie außenpolitische Erfolge, mit denen Hitler die als
Schmach empfundenen "Ketten von Versailles" sprengte
und Deutschland sukzessive auf Augenhöhe mit anderen Großmächten
hievte. Und selbst in angstvollen Bombennächten in Luftschutzkellern
oder in den kalten Weiten Russlands während des Krieges hielt
bei erstaunlich vielen Deutschen die Loyalität zum NS-Regime
und der Traum von einer besseren Zukunft im nationalsozialistischen
Deutschland an, der am 30. Januar 1933 seinen Anfang genommen
hatte. Für Hunderttausende war das Datum jedoch der Beginn
eines unmittelbar einsetzenden Alptraumes: Ein großangelegter
"Maßnahmekatalog" schaltete sukzessive die Grundrechte
und mit Gewerkschaften und Parteien auch die gesamte Opposition
aus. Politisch Andersdenkende sowie Menschen, die dem NS-Rassenideal
nicht entsprachen, wurden verfolgt und entrechtet und in neu errichtete
Konzentrationslager gepfercht. Sofern sie überlebten, endete
ihr Martyrium oft erst im Frühjahr 1945.
In Massen flohen Menschen ab 1933 aus dem nationalsozialistischen
Deutschland, um ihr Leben zu retten oder um auch weiterhin künstlerisch
oder politisch tätig sein zu können. Sie hinterließen
oft große Lücken in einem immer gleichgeschalteteren
Land, in dem die gesellschaftliche Vielfalt planmäßig
zerstört wurde. "Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933-1938"
ist daher auch der Titel einer Ausstellung im Deutschen Historischen
Museum, die ab dem 31. Januar 2013 über 40 stadtweite Projekte
von Museen, Gedenkstätten, Vereinen und Initiativen vorstellt,
die sich an dem gleichnamigen Themenjahr des Landes Berlin zur
Erinnerung an die Machtübernahme und den Nationalsozialismus
in Berlin beteiligen.
(as)
Übersicht aller bisherigen Rückblicke