100. Geburtstag von Stefan Heym
Am 10. April vor 100 Jahren kam Stefan Heym in Chemnitz zur Welt. In markanter Weise vereinigen sich in der Person des Schriftstellers die unterschiedlichen Facetten von 88 Jahren deutscher Geschichte. Geboren im Deutschen Reich unter der Ägide von Kaiser Wilhelm II. ein Jahr vor Beginn des wegweisenden Ersten Weltkrieges starb Heym elf Jahre nach der Deutschen Einheit am 16. Dezember 2001 im israelischen En Borek. In allen Nachrufen betonten langjährige Weggefährte, Politiker und Journalisten vor allem eines immer wieder: Stefan Heym sei ein kritischer Kopf gewesen, der sich von niemanden habe etwas vorschreiben lassen und der über alle Widerstände hinweg unbeirrt seinen eigenen Weg gegangen sei.
Dass verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit nicht gleichbedeutend ist mit der Freiheit, konsequenzlos seine Meinung frei äußern zu dürfen, diese Erfahrung musste Heym schon in der Weimarer Republik unter seinem Geburtsnamen Helmut Flieg als 18-jähriger Gymnasiast machen: Wegen eines antimilitaristischen Gedichtes wurde er in Chemnitz der Schule verwiesen und kam im Oktober 1931 nach Berlin, um sein Abitur zu beenden. Seine Studienzeit in der Hauptstadt endete für ihn abrupt mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933. Als Jude und kommunistischer Intellektueller stellte er für die Nationalsozialisten das Feindbild par excellence dar. Um dem Terror der neuen Machthaber zu entgehen, entschloss sich der junge Student unter dem Pseudonym Stefan Heym zur Flucht nach Prag, wo er als Journalist für deutschsprachige und tschechoslowakische Zeitungen arbeitete. Berlin sollte er erst nach dem Untergang des NS-Regimes 12 Jahre später wiedersehen.
Seit 1935 in den USA lebend, erregte der als Redakteur tätige Heym in der neuen Heimat mit seinem ersten Roman "Hostages" 1942 Aufmerksamkeit. Seine weitere Karriere als Schriftsteller musste er jedoch zunächst hintenanstellen: Als Angehöriger der US-Armee beteiligte Heym sich aktiv an der Landung in der Normandie 1944 und der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus. Mit Beginn des Kalten Krieges und in dessen Folge weitreichender antikommunistischer Hetzkampagnen wurden Heym die Arbeit und der Alltag in den USA immer unerträglicher. Durch Übersiedelung nach Ost-Berlin 1952 versuchte er einen Neuanfang im sozialistischen Teil Deutschlands, das seinen Bürgern in der DDR-Verfassung von 1949 Meinungsfreiheit und andere Grundrechte garantiert hatte. Doch die Verfassungswirklichkeit sah anders aus, diese Erfahrung sollte Stefan Heym schon bald machen. Heym verstand sich stets als Kritiker der DDR-Regierung, Werke von ihm fielen der Zensur zum Opfer. Er war im Visier der Staatssicherheit, die sein Haus heimlich durchsuchte, doch verhaftet wurde der meistgelesene Schriftsteller der DDR nie. Heym verweigerte die ihm mögliche Ausbürgerung in die Bundesrepublik Deutschland und versuchte stattdessen bis zuletzt, seinen Teil zu einer Politikänderung in der DDR und zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen beizutragen. Die Wiedervereinigung 1990 lehnte er unter den gegebenen Umständen deshalb ab.
Obwohl er nach 1990 den Prozess der Deutschen Einheit immer wieder kritisierte, arrangierte Heym sich schnell mit den politischen Veränderungen und der Möglichkeit, seine Meinung nun gefahrlos frei äußern zu können. Sein Einzug als Parteiloser für die PDS in den Bundestag 1994 war begleitet von der Kritik ehemaliger DDR-Bürgerrechtler, die ihm indirekt Verrat an der eigenen Biografie vorwarfen. Nachdem er sein Bundestagsmandat 1995 niedergelegt hatte — offiziell aus Protest gegen eine geplante Diätenerhöhung —, verbrachte Heym seine letzten sechs Lebensjahre schriftstellerisch tätig und politisch engagiert in Berlin. Stefan Heym ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben.
(as)
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