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LeMO-Rückblick Mai 2013

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Ferdinand Lassalle -
Der Kämpfer gegen die Kapitalmacht

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Fahne des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins

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Ferdinand Lassalle

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150 Jahre Sozialdemokratie in Deutschland

Am 23. Mai vor 150 Jahren gründete Ferdinand Lassalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). Diese erste gesamtdeutsch orientierte Arbeiterpartei ist eine der direkten Vorläuferorganisationen der 1890 gegründeten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Ihre Ziele waren im Wesentlichen das Erkämpfen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts und die Bildung von staatlich unterstützten Produktionsgenossenschaften. Im Gegensatz zur marxistischen Bewegung stand der ADAV nicht in fundamentaler Opposition zur bestehenden staatlichen Ordnung und propagierte nicht den gewaltsamen Sturz der Machtverhältnisse. Allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit sollten die Arbeiter in freien Wahlen die Mehrheit der Mandate erreichen und so ihre Forderungen umsetzen.

Mit der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in vielen deutschen Städten eine Industriearbeiterschaft. Besitzlose Landarbeiter, arbeitslose Handwerker und verarmte Kleinbauern strömten zu Zehntausenden in die darauf weitgehend unvorbereiteten Industriemetropolen. Dort prägten katastrophale Lebensbedingungen in feuchtkalten Kellerwohnungen oder kasernenartigen Arbeiterunterkünften, niedrige Löhne, miserable betriebliche Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten den Alltag des sogenannten Fabrikproletariats. Armut und soziale Not zwangen viele Menschen zum Betteln. Kündigung, Verletzung oder gar Tod des Ernährers waren existenzbedrohend für die ganze Familie. Möglichkeiten auf Änderung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen waren für die einzelnen Fabrikarbeiter gering. Mit Hilfe der sich in den 1860er Jahren entwickelnden Arbeiterbewegung versuchten die Menschen ihre Situation zu verbessern.

Am Anfang der organisierten Arbeiterbewegung standen zumeist Arbeiterbildungsvereine, die Bildungsarbeit mit kulturellen Angeboten und politischen Zielen verbanden. In Deutschland war es maßgeblich Ferdinand Lassalle, der immer wieder demokratische und sozialökonomische Reformen zum Wohl der Arbeiterklasse forderte, die sich mehrheitlich aus lohnabhängigen und zumeist ungelernten Arbeitern, Tagelöhnern und verarmten Handwerkern zusammensetzte. Am 20. April 1862 hielt Lassalle vor Berliner Arbeitern seine Rede "Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes", die in der Folgezeit als "Arbeiterprogramm" vielfach verlegt und unter Arbeitern weit verbreitet wurde. In ihr sprach er sich für die Schaffung einer demokratischen Arbeiterpartei aus, um so eine neue, die sozialistische Gesellschaft zu erreichen. Beeindruckt vom "Arbeiterprogramm" luden Leipziger Arbeiter Lassalle im Dezember 1862 zu einer Konferenz ein und unterbreiteten ihm das Angebot, die Leitung eines zukünftigen gesamtdeutschen Arbeiterverbandes zu übernehmen.

Nach der Gründung des ADAV unter der Präsidentschaft Lassalles in Leipzig entstanden schnell weitere lokale Sektionen in Hamburg, Düsseldorf, Solingen, Köln, Barmen und Elberfeld. Lassalle ging vom Grundsatz aus, dass die Durchsetzung des gleichen und allgemeinen Wahlrechts eine parlamentarische Vertretung der sozialen Interessen der Arbeiter und die Beseitigung der Klassengegensätze ermöglichen würde. Der ADAV strebte ein vereintes Deutschland unter der Führung Preußens und unter Ausschluss Österreich an. Diese pro-preußische, auf den existierenden Staat bauende Position war einer der heftigen Kritikpunkte von Karl Marx und Friedrich Engels an Lassalle. Beide forderten stattdessen den offenen, gewerkschaftlich organisierten Kampf zum Sturz der staatlichen Machtverhältnisse. Die 1869 unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) vertrat im Gegensatz zum ADAV diese strenger an Marx und Engels orientierten revolutionären Grundsätze.

Nach der Reichsgründung 1871 mehrten sich unter dem Eindruck gemeinsamer politischer Verfolgung durch Reichskanzler Otto von Bismarck die Stimmen nach einer Vereinigung der in ADAV und SDAP gespaltenen Arbeiterbewegung. Innerhalb des ADAV entstanden Konflikte zwischen Vertretern der ursprünglichen Lehre Lassalles und Vereinigungs-Befürwortern, die Letztere schließlich für sich entscheiden konnten. ADAV und SDAP schlossen sich 1875 in Gotha trotz programmatischer Differenzen zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammen. Aufgrund des Sozialistengesetzes wurde die SAP 1878 verboten, gründete sich aber nach dessen Aufhebung 1890 als Sozialdemokratische Partei Deutschlands neu.

(as)