Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag von
Friedrich II. Wegen seiner Erfolge gegen die Österreicher
auf den Schlachtfeldern Schlesiens trug er seit 1745 den Beinamen
"der Große". Im 19. Jahrhundert regelrecht zu
einem "Mythos" stilisiert und im Kaiserreich
zu einer nationalen Ikone erkoren, war er im Ersten Weltkrieg
das Symbol des Durchhaltewillens und im Zweiten Weltkrieg
die Personifizierung des bis zuletzt beschworenen "Endsieges".
Bis heute reizen Friedrichs Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit:
intellektueller Schöngeist und ruhmsüchtiger Kriegstreiber,
Musiker und Hasardeur - Querflöte und Pulverdampf. Das facettenreiche
Nachleben des Preußenkönigs in Geschichtsschreibung,
Politik, Kunst und Film in den über 200 Jahren seit seinem
Tod 1786 zeigt das Deutsche Historische Museum ab dem 21. März
2012 in der Sonderausstellung "Friedrich der Große
- verehrt, verklärt, verdammt
".
Dreispitz, Uniformrock, Gehstock: Schon zu Lebzeiten entstand
eine Ikonografie, die Friedrich II. bis ins 21. Jahrhundert unverwechselbar
symbolisiert. Maler, Illustratoren und Karikaturisten haben davon
reichlich Gebrauch gemacht. Gleichzeitig vermittelten Historiker,
Publizisten und Politiker viel Wissenswertes über den preußischen
König, und sie tun dies bis heute. Jede Generation zeichnete
"ihr" Bild von Friedrich dem Großen - oft genug
war es ein Idealbild, das der politischen Vereinnahmung diente,
den "wahren" Eigenschaften Friedrichs und seinem Charakter
aber nur wenig entsprach. Das breitenwirksame Friedrichbild in
den letzten zwei Jahrhunderten sagt meist wenig über die
Person des Königs aus, dafür umso mehr über den
in den jeweiligen Epochen herrschenden Zeitgeist.
Friedrichs 46-jährige Regierungszeit war die längste
eines Hohenzollernmonarchen, entsprechend viel Interessantes gab
es nach dem Ableben des Königs zu berichten. Ab 1786 erschienen
Anekdotensammlungen, die vor allem vom Alltag Friedrichs des Großen
erzählten. Wie so oft, verdrängten auch in diesen Publikationen
fantasievolle Ausschmückungen die wahren Begebenheiten. Friedrich
II. war König einer europäischen Großmacht - und
wie ein solcher lebte er. Doch in zahlreichen mündlich überlieferten
und schriftlich festgehaltenen Anekdoten nahm vielmehr seine angeblich
genügsame Lebensweise einen festen Platz ein. Friedrichs
demonstrative Abneigung gegenüber allem kostspieligen Hofzeremoniell
und nicht zuletzt sein äußeres Erscheinungsbild im
schlichten, abgenutzten Uniformrock wurden schon in zeitgenössischen
Schilderungen als die Sparsamkeit eines anspruchslosen Monarchen
gedeutet. Erzählungen rühmten darüber hinaus seinen
"kameradschaftlichen" Umgang auch mit den einfachen
Soldaten, mit denen der König während seiner Feldzüge
die Strapazen und Entbehrungen des Krieges täglich geteilt
habe.
Friedrichs Erfolge in diesen Kriegen waren ebenfalls schon zu
Lebzeiten der Stoff für Legenden. Er führte die preußischen
Truppen persönlich in die Schlacht, was sein Renommee enorm
steigerte. Sein Sieg über ein doppelt so starkes Heer der
Österreicher bei Leuthen 1757 begründete eine weit
über die Grenzen der deutschen Staatenwelt hinausreichende
Verehrung für den Preußenkönig und seinen "Mythos"
als quasi unbesiegbaren Heerführer. Generationenübergreifend
galt Friedrich der Große als Inbegriff für machtpolitische
Weitsicht und zielgerichtete Führung, für taktische
Intelligenz und soldatische Tapferkeit, für unnachgiebige
Standhaftigkeit und unbeugsamen Durchhaltewillen. Die von Friedrich
gedrillte preußische Armee war auch nach 1786 europaweit
geachtet und gefürchtet - umso ernüchternder war nach
Jena und Auerstedt 1806 die Erkenntnis, gegen das anstürmende
Volksheer der Franzosen chancenlos gewesen zu sein. Nur vor diesem
alle Preußen schockierenden Hintergrund ist der Satz zu
verstehen, der Königin Luise (1776-1810) zugeschrieben worden
ist: "Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs
des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine
neue Zeit schuf."
Während der napoleonischen Herrschaft, der Befreiungskriege
und der beginnenden Restaurationszeit ab 1815 erlahmte das Interesse
an Friedrich II. Dies änderte sich angesichts des bevorstehenden
100. Jubiläums seiner Thronbesteigung. Im April 1839 erteilte
König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) dem aus dem Fürstentum
Waldeck stammenden Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777-1857)
den Auftrag für ein monumentales Reiterstandbild Friedrichs
des Großen in Berlin, das am 31. Mai 1851 Unter den Linden
feierlich enthüllt wurde. Zeitgleich gewann die 1840 von
Franz Kugler (1808-1858) veröffentlichte und von Adolph
Menzel illustrierte "Geschichte Friedrichs des Großen"
neue Leserschichten hinzu. Dem Zeitgeist des Biedermeier entsprechend,
hatte Kugler den König als fürsorglichen Landesvater
beschrieben. Sein Buch zementierte für Generationen die Vorstellung
von einem volksnahen Regenten, der sein Tagwerk unermüdlich
zum Wohl der Untertanen verrichtete. Friedrich der Große
symbolisierte die im 19. Jahrhundert und weit darüber hinaus
vielgepriesenen preußischen Tugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein,
Disziplin, Ordnung und Sparsamkeit, die als bürgerliche Ideale
auch außerhalb Preußens auf einen weitgehend fruchtbaren
Boden fielen.
Friedrichs militärischer Vorbildcharakter kam besonders deutlich
ab 1871 zum Ausdruck. Aufgrund der drei siegreichen "Reichseinigungskriege"
genoss im Kaiserreich alles Militärische höchste Wertschätzung,
und dies schloss längst vergangene preußische Siege
und ihre Protagonisten mit ein. Der Siebenjährige Krieg wurde
rückblickend zu einer Art gesamtdeutschen Kampf verklärt.
Friedrich könne - so die borussisch dominierte Geschichtsschreibung
und das verbreitete Geschichtsbild in Deutschland - durch seine
siegreichen Schlachten, die Zurückdrängung der Habsburger
Dominanz im Heiligen Römischen Reich und die Machterweiterung
Preußens als Vorkämpfer und direkter Wegbereiter der
kleindeutschen Reichsgründung gelten.
Mit Friedrich II. als Inkarnation deutschen Schlachtenruhms zog
die Propaganda während des Ersten Weltkrieges unablässig
Parallelen zum Siebenjährigen Krieg und dessen glücklichem
Ende trotz militärischer Rückschläge. Als der Krieg
im Westen in verlustreichen Stellungskämpfen verharrte und
die Kriegsmüdigkeit im Reich spürbar zunahm, avancierte
Friedrich der Große zur Leitfigur des deutschen Durchhaltewillens.
Eines der verbreitetsten, in staatlichem Auftrag gefertigten Plakate
zur Mobilisierung der Bevölkerung zeigt die Figur des Preußenkönigs,
der die Deutschen 1918 zu Standhaftigkeit und Siegeszuversicht
aufruft. Nur wenige Monate nach Erscheinen des Plakates war die
Niederlage der deutschen Armee besiegelt und die Monarchie zu
Grabe getragen. Das Bild Friedrichs des Großen als Feldherrngenie
und herausragendem Staatslenker stand damit aber nicht zur Debatte,
seiner Popularität tat die politische Zeitenwende keinen
Abbruch - im Gegenteil: Vor dem Hintergrund verbreiteter Desorientierung
und Zukunftsangst während und nach der Revolution von
1918/19 wurde Friedrich II. als wirkmächtigstes Symbol
des alten Preußens für viele Deutsche ein wertebestimmender
Orientierungspunkt. Der Monarch repräsentierte eine vermeintlich
glanzvolle Vergangenheit als Gegenbild zu den als trostlos empfundenen
aktuellen Verhältnissen. Nach 1918 war er für Millionen
Deutsche Symbol des starken Staates und Projektionsfläche
für die verbreitete Sehnsucht nach einem richtungsweisenden
Führer, der politisch sinnstiftenden Halt gab. Die "Lobpreisung"
Friedrichs II. als Inbegriff einer idealen Führergestalt
gehörte während der gesamten Weimarer Republik
zum Standardrepertoire der nationalen Rechten.
In der sich 1933 etablierenden NS-Diktatur wurde die Verehrung
von Hohenzollernmonarchie und Preußentum wie beim "Tag
von Potsdam" am 21. März 1933 zunächst staatlich
verordnet inszeniert, um das fest in der Gesellschaft verankerte
deutschnationale Milieu für das neue Regime zu vereinnahmen.
Zu Propagandazwecken nutzten die Nationalsozialisten breitenwirksam
den Glanz der preußischen Geschichte, um ihren Machtanspruch
historisch zu legitimieren. Ab 1939 beschwor die von Joseph Goebbels
angeworfene Kriegspropagandamaschinerie Standhaftigkeit und Beharrungskraft
Friedrichs II. Anhand der "glorreichen" Epoche der preußischen
Geschichte zwischen 1756 und 1763 sollten der deutschen Bevölkerung
Pflichterfüllung, bedingungsloses Führertum und Gefolgschaftstreue
bis in den Tod vor Augen geführt werden. Für das NS-Regime
waren die Schicksalsergebenheit der Deutschen und deren Glaube
an den Sieg innenpolitisch geradezu existenziell, nachdem die
Front im Osten - und ab Juni 1944 auch im Westen - der Reichsgrenze
unaufhaltsam näher rückte. Trotz der aussichtslosen
Lage gab die deutsche Führung 1944/45 unentwegt Durchhalteparolen
aus. Friedrichs Porträt besaß dabei auch ohne Worte
eine klar umrissene Botschaft: Opferbereitschaft für das
Vaterland und Kampf bis zur sprichwörtlich letzten Patrone.
Mit der deutschen Niederlage 1945 und angesichts der im
Namen Deutschlands begangenen Verbrechen in Europa begann die
Verdammung des von Adolf Hitler so sehr verehrten Friedrich
als kriegslüsterner Despot. Parteitreue Historiker in der
SBZ bzw. DDR beschrieben ihn zumindest bis in die 1970er Jahre
als einen Aggressor, dessen Eroberungslust von Otto von Bismarck,
Wilhelm II. und schließlich Hitler fortgesetzt worden
sei. Eine nachhaltige Verurteilung des Königs in der Bundesrepublik
Deutschland erfolgte erst durch die sich pazifistisch gebende
68er-Bewegung. Sie sah den "preußischen Militarismus"
und als dessen Hauptvertreter den autoritären Herrscher Friedrich
II. in direkter Verantwortung für den folgenschweren Weg
ins "Dritte Reich". Während der absolut regierende
König und Feldherr von Medien und kritischer Öffentlichkeit
zusehends zu einer "persona non grata" erhoben wurde,
erwachte zeitgleich die intensivere, weil "unverfänglichere"
Beschäftigung mit dem aufgeklärten Monarchen, dem Philosophen
und Musiker, dem Poeten und Komponisten.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Verhältnis "der
Deutschen" zu Friedrich II. deutlich entspannt. Niemand muss
sich heute mehr beschämt verantworten, ihn "den Großen"
zu nennen, oder sich deshalb gar revisionistischen Anschuldigungen
ausgesetzt sehen. Als historische Persönlichkeit und als
wirkmächtige Werbefigur für Potsdam nimmt der "alte
Fritz" in der Erinnerungskultur einen festen Platz ein -
in Berlin und Brandenburg weit mehr als im Rest der Republik.
Arnulf Scriba
Übersicht aller bisherigen Rückblicke