Aktuelles

[Flugblatt: Friedrich der Grosse, 2011]

[Totenmaske Friedrichs des Großen, 1786]

[Gemälde: Friedrich der Große als Fahnenträger auf dem Schlachtfeld, um 1900]

[Plakat: Es wird das Jahr stark u. scharf hergehn, 1918]

[Plakat: Rettet mir mein Preußen, 1932]

[Zeitschrift: Der Choral von Leuthen, 1933]

[Flugblatt: Seid Sozialisten der Tat, 1936]



Zur Zeit

LeMO-Rückblick Januar 2012:

Friedrich der Große –
der inszenierte Preußenkönig


Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag von Friedrich II. Wegen seiner Erfolge gegen die Österreicher auf den Schlachtfeldern Schlesiens trug er seit 1745 den Beinamen "der Große". Im 19. Jahrhundert regelrecht zu einem "Mythos" stilisiert und im Kaiserreich zu einer nationalen Ikone erkoren, war er im Ersten Weltkrieg das Symbol des Durchhaltewillens und im Zweiten Weltkrieg die Personifizierung des bis zuletzt beschworenen "Endsieges". Bis heute reizen Friedrichs Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit: intellektueller Schöngeist und ruhmsüchtiger Kriegstreiber, Musiker und Hasardeur - Querflöte und Pulverdampf. Das facettenreiche Nachleben des Preußenkönigs in Geschichtsschreibung, Politik, Kunst und Film in den über 200 Jahren seit seinem Tod 1786 zeigt das Deutsche Historische Museum ab dem 21. März 2012 in der Sonderausstellung "Friedrich der Große - verehrt, verklärt, verdammt…".

Dreispitz, Uniformrock, Gehstock: Schon zu Lebzeiten entstand eine Ikonografie, die Friedrich II. bis ins 21. Jahrhundert unverwechselbar symbolisiert. Maler, Illustratoren und Karikaturisten haben davon reichlich Gebrauch gemacht. Gleichzeitig vermittelten Historiker, Publizisten und Politiker viel Wissenswertes über den preußischen König, und sie tun dies bis heute. Jede Generation zeichnete "ihr" Bild von Friedrich dem Großen - oft genug war es ein Idealbild, das der politischen Vereinnahmung diente, den "wahren" Eigenschaften Friedrichs und seinem Charakter aber nur wenig entsprach. Das breitenwirksame Friedrichbild in den letzten zwei Jahrhunderten sagt meist wenig über die Person des Königs aus, dafür umso mehr über den in den jeweiligen Epochen herrschenden Zeitgeist.

Friedrichs 46-jährige Regierungszeit war die längste eines Hohenzollernmonarchen, entsprechend viel Interessantes gab es nach dem Ableben des Königs zu berichten. Ab 1786 erschienen Anekdotensammlungen, die vor allem vom Alltag Friedrichs des Großen erzählten. Wie so oft, verdrängten auch in diesen Publikationen fantasievolle Ausschmückungen die wahren Begebenheiten. Friedrich II. war König einer europäischen Großmacht - und wie ein solcher lebte er. Doch in zahlreichen mündlich überlieferten und schriftlich festgehaltenen Anekdoten nahm vielmehr seine angeblich genügsame Lebensweise einen festen Platz ein. Friedrichs demonstrative Abneigung gegenüber allem kostspieligen Hofzeremoniell und nicht zuletzt sein äußeres Erscheinungsbild im schlichten, abgenutzten Uniformrock wurden schon in zeitgenössischen Schilderungen als die Sparsamkeit eines anspruchslosen Monarchen gedeutet. Erzählungen rühmten darüber hinaus seinen "kameradschaftlichen" Umgang auch mit den einfachen Soldaten, mit denen der König während seiner Feldzüge die Strapazen und Entbehrungen des Krieges täglich geteilt habe.

Friedrichs Erfolge in diesen Kriegen waren ebenfalls schon zu Lebzeiten der Stoff für Legenden. Er führte die preußischen Truppen persönlich in die Schlacht, was sein Renommee enorm steigerte. Sein Sieg über ein doppelt so starkes Heer der Österreicher bei Leuthen 1757 begründete eine weit über die Grenzen der deutschen Staatenwelt hinausreichende Verehrung für den Preußenkönig und seinen "Mythos" als quasi unbesiegbaren Heerführer. Generationenübergreifend galt Friedrich der Große als Inbegriff für machtpolitische Weitsicht und zielgerichtete Führung, für taktische Intelligenz und soldatische Tapferkeit, für unnachgiebige Standhaftigkeit und unbeugsamen Durchhaltewillen. Die von Friedrich gedrillte preußische Armee war auch nach 1786 europaweit geachtet und gefürchtet - umso ernüchternder war nach Jena und Auerstedt 1806 die Erkenntnis, gegen das anstürmende Volksheer der Franzosen chancenlos gewesen zu sein. Nur vor diesem alle Preußen schockierenden Hintergrund ist der Satz zu verstehen, der Königin Luise (1776-1810) zugeschrieben worden ist: "Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf."

Während der napoleonischen Herrschaft, der Befreiungskriege und der beginnenden Restaurationszeit ab 1815 erlahmte das Interesse an Friedrich II. Dies änderte sich angesichts des bevorstehenden 100. Jubiläums seiner Thronbesteigung. Im April 1839 erteilte König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) dem aus dem Fürstentum Waldeck stammenden Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777-1857) den Auftrag für ein monumentales Reiterstandbild Friedrichs des Großen in Berlin, das am 31. Mai 1851 Unter den Linden feierlich enthüllt wurde. Zeitgleich gewann die 1840 von Franz Kugler (1808-1858) veröffentlichte und von Adolph Menzel illustrierte "Geschichte Friedrichs des Großen" neue Leserschichten hinzu. Dem Zeitgeist des Biedermeier entsprechend, hatte Kugler den König als fürsorglichen Landesvater beschrieben. Sein Buch zementierte für Generationen die Vorstellung von einem volksnahen Regenten, der sein Tagwerk unermüdlich zum Wohl der Untertanen verrichtete. Friedrich der Große symbolisierte die im 19. Jahrhundert und weit darüber hinaus vielgepriesenen preußischen Tugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Ordnung und Sparsamkeit, die als bürgerliche Ideale auch außerhalb Preußens auf einen weitgehend fruchtbaren Boden fielen.

Friedrichs militärischer Vorbildcharakter kam besonders deutlich ab 1871 zum Ausdruck. Aufgrund der drei siegreichen "Reichseinigungskriege" genoss im Kaiserreich alles Militärische höchste Wertschätzung, und dies schloss längst vergangene preußische Siege und ihre Protagonisten mit ein. Der Siebenjährige Krieg wurde rückblickend zu einer Art gesamtdeutschen Kampf verklärt. Friedrich könne - so die borussisch dominierte Geschichtsschreibung und das verbreitete Geschichtsbild in Deutschland - durch seine siegreichen Schlachten, die Zurückdrängung der Habsburger Dominanz im Heiligen Römischen Reich und die Machterweiterung Preußens als Vorkämpfer und direkter Wegbereiter der kleindeutschen Reichsgründung gelten.

Mit Friedrich II. als Inkarnation deutschen Schlachtenruhms zog die Propaganda während des Ersten Weltkrieges unablässig Parallelen zum Siebenjährigen Krieg und dessen glücklichem Ende trotz militärischer Rückschläge. Als der Krieg im Westen in verlustreichen Stellungskämpfen verharrte und die Kriegsmüdigkeit im Reich spürbar zunahm, avancierte Friedrich der Große zur Leitfigur des deutschen Durchhaltewillens. Eines der verbreitetsten, in staatlichem Auftrag gefertigten Plakate zur Mobilisierung der Bevölkerung zeigt die Figur des Preußenkönigs, der die Deutschen 1918 zu Standhaftigkeit und Siegeszuversicht aufruft. Nur wenige Monate nach Erscheinen des Plakates war die Niederlage der deutschen Armee besiegelt und die Monarchie zu Grabe getragen. Das Bild Friedrichs des Großen als Feldherrngenie und herausragendem Staatslenker stand damit aber nicht zur Debatte, seiner Popularität tat die politische Zeitenwende keinen Abbruch - im Gegenteil: Vor dem Hintergrund verbreiteter Desorientierung und Zukunftsangst während und nach der Revolution von 1918/19 wurde Friedrich II. als wirkmächtigstes Symbol des alten Preußens für viele Deutsche ein wertebestimmender Orientierungspunkt. Der Monarch repräsentierte eine vermeintlich glanzvolle Vergangenheit als Gegenbild zu den als trostlos empfundenen aktuellen Verhältnissen. Nach 1918 war er für Millionen Deutsche Symbol des starken Staates und Projektionsfläche für die verbreitete Sehnsucht nach einem richtungsweisenden Führer, der politisch sinnstiftenden Halt gab. Die "Lobpreisung" Friedrichs II. als Inbegriff einer idealen Führergestalt gehörte während der gesamten Weimarer Republik zum Standardrepertoire der nationalen Rechten.

In der sich 1933 etablierenden NS-Diktatur wurde die Verehrung von Hohenzollernmonarchie und Preußentum wie beim "Tag von Potsdam" am 21. März 1933 zunächst staatlich verordnet inszeniert, um das fest in der Gesellschaft verankerte deutschnationale Milieu für das neue Regime zu vereinnahmen. Zu Propagandazwecken nutzten die Nationalsozialisten breitenwirksam den Glanz der preußischen Geschichte, um ihren Machtanspruch historisch zu legitimieren. Ab 1939 beschwor die von Joseph Goebbels angeworfene Kriegspropagandamaschinerie Standhaftigkeit und Beharrungskraft Friedrichs II. Anhand der "glorreichen" Epoche der preußischen Geschichte zwischen 1756 und 1763 sollten der deutschen Bevölkerung Pflichterfüllung, bedingungsloses Führertum und Gefolgschaftstreue bis in den Tod vor Augen geführt werden. Für das NS-Regime waren die Schicksalsergebenheit der Deutschen und deren Glaube an den Sieg innenpolitisch geradezu existenziell, nachdem die Front im Osten - und ab Juni 1944 auch im Westen - der Reichsgrenze unaufhaltsam näher rückte. Trotz der aussichtslosen Lage gab die deutsche Führung 1944/45 unentwegt Durchhalteparolen aus. Friedrichs Porträt besaß dabei auch ohne Worte eine klar umrissene Botschaft: Opferbereitschaft für das Vaterland und Kampf bis zur sprichwörtlich letzten Patrone.

Mit der deutschen Niederlage 1945 und angesichts der im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen in Europa begann die Verdammung des von Adolf Hitler so sehr verehrten Friedrich als kriegslüsterner Despot. Parteitreue Historiker in der SBZ bzw. DDR beschrieben ihn zumindest bis in die 1970er Jahre als einen Aggressor, dessen Eroberungslust von Otto von Bismarck, Wilhelm II. und schließlich Hitler fortgesetzt worden sei. Eine nachhaltige Verurteilung des Königs in der Bundesrepublik Deutschland erfolgte erst durch die sich pazifistisch gebende 68er-Bewegung. Sie sah den "preußischen Militarismus" und als dessen Hauptvertreter den autoritären Herrscher Friedrich II. in direkter Verantwortung für den folgenschweren Weg ins "Dritte Reich". Während der absolut regierende König und Feldherr von Medien und kritischer Öffentlichkeit zusehends zu einer "persona non grata" erhoben wurde, erwachte zeitgleich die intensivere, weil "unverfänglichere" Beschäftigung mit dem aufgeklärten Monarchen, dem Philosophen und Musiker, dem Poeten und Komponisten.

In den letzten 20 Jahren hat sich das Verhältnis "der Deutschen" zu Friedrich II. deutlich entspannt. Niemand muss sich heute mehr beschämt verantworten, ihn "den Großen" zu nennen, oder sich deshalb gar revisionistischen Anschuldigungen ausgesetzt sehen. Als historische Persönlichkeit und als wirkmächtige Werbefigur für Potsdam nimmt der "alte Fritz" in der Erinnerungskultur einen festen Platz ein - in Berlin und Brandenburg weit mehr als im Rest der Republik.

Arnulf Scriba



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