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blickeLeMO-Rückblick: Die ersten drei Fußball-WeltmeisterschaftenAlle vier Jahre findet die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft statt. Kein wiederkehrendes Ereignis zieht die Menschen rund um den Globus heutzutage so sehr in den kollektiven Bann wie die Ermittlung eines neuen Titelträgers. Grund genug für einen Rückblick auf die Anfänge des WM-Gedankens und die ersten drei Turniere vor dem Zweiten Weltkrieg. Der erste Fußball-Weltmeister sollte eigentlich 1916 in Berlin ermittelt werden: Der Weltfußballverband FIFA hatte vorgesehen, das Fußballturnier der Olympischen Spiele offiziell als Weltmeisterschaft anzuerkennen. Der Kampf auf den Schlachtfeldern Europas ab 1914 verhinderte jedoch den sportlichen Wettkampf der Nationen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918 dauerte es aufgrund politischer und sportpolitischer Querelen mehr als ein Jahrzehnt, bis die FIFA ein eigenes Weltturnier des Fußballs ausrichten konnte. Nicht zuletzt sollte die ab 1930 alle vier Jahre stattfindende Weltmeisterschaft auch Ausdruck des neuen gesellschaftlichen Stellenwertes sein, den der Fußball in den 1920er Jahren schon in Europa und Südamerika eingenommen hatte: Volkssport sowie klassen- und schichtenübergreifende Massenbewegung. Als Austragungsland für die erste WM war ursprünglich auch das Deutsche Reich vorgesehen, das aufgrund öffentlicher Sportförderung über entsprechende Großstadien verfügte. Die Bitte der FIFA um Austragung der WM lehnte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) allerdings ab. Neben wirtschaftlichen Erwägungen waren ideologische Gründe für die Absage ausschlaggebend: Noch Ende der 1920er Jahre bekämpfte der DFB aus selbstauferlegten "ethischen Gründen" das Berufsspielertum. Spiele gegen Profimannschaften waren verboten, um dem "Kampf für die Reinhaltung des deutschen Fußballs sichtbaren Ausdruck zu geben", wie der DFB 1925 verlautbaren ließ. Da alle europäischen Staaten sich hinsichtlich der Ausrichtung des Turniers zurückhaltend verhielten, vergab die FIFA 1929 die erste WM nach Uruguay, dessen Fußballer sich als Olympiasieger von 1924 und 1928 das Prädikat "Weltklasse" verdient hatten. Aufgrund der beharrlichen Ablehnung des Profifußballs war es von Anfang an ausgeschlossen, dass der DFB 1930 eine Auswahlmannschaft in das südamerikanische Land entsenden würde, wo auch Berufsfußballer auflaufen sollten. Bis auf Frankreich, Belgien, Jugoslawien und Rumänien lehnten die einzelnen europäischen Landesverbände eine Teilnahme vor allem aufgrund der mit einer zweiwöchigen Seereise verbundenen Strapazen sowie der Kosten vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise ab. Das Teilnehmerfeld bestand neben den vier europäischen Mannschaften aus sieben Teams aus Südamerika sowie aus den USA und Mexiko. Im Finale vor mehr als 80.000 Zuschauern konnte der Gastgeber den Heimvorteil nutzen und seinen großen Rivalen Argentinien mit 4:2 bezwingen. Vier Jahre später verzichtete Uruguay auf die Verteidigung des Weltpokals in Italien. Damit wollte sich das südamerikanische Land beim Gastgeber revanchieren, der seinerseits 1930 kein Interesse gezeigt hatte, an der WM in Uruguay teilzunehmen. Italien hatte sich intensiv um die Ausrichtung der WM 1934 bemüht. Die faschistischen Machthaber erkannten früh die propagandistische Wirkung und die enorme Schubkraft von sportlichen Erfolgen für die Identifikation der Bevölkerung mit dem Regime. Eine glanzvolle Ausrichtung der WM in prächtigen Stadien sowie der anvisierte Titel der italienischen Mannschaft sollten auch außerhalb Italiens von nationaler Größe und Stärke des Faschismus zeugen. Die Absicht verfehlte nicht die gewünschte Wirkung. Die Endrunde mit 16 Mannschaften (12 aus Europa sowie Argentinien, Brasilien, die USA und Ägypten als Vertreter Afrikas) war ein internationales Medienereignis, das auch in der seit 1933 gleichgeschalteten deutschen Presse ausführliche Würdigung fand - nicht nur wegen der ideologischen Nähe des NS-Staates zum faschistischen Italien. Die deutsche Elf, für die sich erst nach 1933 die Bezeichnung "Nationalmannschaft" an Stelle von "Auswahlmannschaft" etablierte, spielte ein hervorragendes Turnier. Am Ende des Turniers stand das Halbfinale und schließlich der dritte Platz nach einem Sieg über Österreich. Weltmeister wurde Italien. Der Gastgeber bezwang mit 2:1 die Tschechoslowakei, wo das Profitum wie in Österreich und Ungarn bereits Mitte der Zwanziger Jahren eingeführt worden war. Bei der WM 1938 in Frankreich verteidigten die taktisch hervorragend geschulten Italiener ihren vier Jahre zuvor errungenen Titel durch einen 4:2 Sieg über die Ungarn. Große Fußballnationen fehlten bei dieser Endrunde. Weil das Turnier nach 1934 erneut in Europa ausgetragen werden sollte, boykottierten südamerikanische Länder wie Argentinien und Uruguay die Weltmeisterschaft. Als "Mutterland des Fußballs" wollte England sich - wie schon bei den beiden vorangegangenen Turnieren - aus Überheblichkeit und aus Angst vor einer Blamage nicht bei einer WM messen lassen. Zudem fehlte 1938 der Name einer weiteren bedeutenden Fußballnation der 1930er Jahre: Österreich. Die Alpenrepublik war wenige Wochen vor Beginn der WM dem Deutschen Reich "angeschlossen" worden. Zu seinem Unwillen musste Reichstrainer Sepp Herberger eine unmissverständliche Vorgabe der Politik umsetzen: In der neuen "großdeutschen" Nationalmannschaft sollten während der WM mindestens fünf Österreicher mitspielen. Der kurzfristige Versuch, aus zwei starken Mannschaften mit unterschiedlicher Spielphilosophie eine Elf zu formen, misslang: Das für die WM mitfavorisierte Deutsche Reich verabschiedete sich schon nach dem ersten Kräftemessen mit der Schweiz aus dem Turnier. Über den nächsten Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft wollte die FIFA 1940 entscheiden. Der Zweite Weltkrieg zwang jedoch zu einer zwölfjährigen WM-Unterbrechung. Erst 1950 fand die vierte Weltmeisterschaft in Brasilien statt, wo Uruguay seinen zweiten Titel feierte. Einer deutschen Mannschaft war die Teilnahme aufgrund der Kriegsschuld Deutschlands nicht gestattet. Vier Jahre später qualifizierte sich die Bundesrepublik Deutschland nach Siegen über Norwegen und das Saarland für die WM in der Schweiz, wo sie nach einem 3:2 Sieg über das favorisierte Ungarn erstmals den Titel errang. Mit dem vollkommen unerwarteten Triumph erhielt das Selbstwertgefühl der Bundesbürger deutlichen Auftrieb. (as)
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