Vor 175 Jahren protestierten sieben Göttinger Professoren gegen die Aufhebung der liberalen hannoverschen Verfassung durch König Ernst August I. (1771-1851). Unter ihnen waren die Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm und der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860). Die Professoren sahen sich durch ihren Diensteid an das Staatsgrundgesetz von 1833 gebunden und warfen dem Monarchen Rechtsbruch vor. Drei Wochen später wurden die "Göttinger Sieben" fristlos entlassen und einige von Ihnen des Landes verwiesen. Von vielen Zeitgenossen als Vorkämpfer der Freiheitsrechte verehrt, stehen die "Göttinger Sieben" bis heute für Zivilcourage gegen staatliche Willkür.
Nach dem Ende der napoleonischen Ära war mit dem Wiener Kongress im Jahre 1815 die europäische und damit auch die deutsche Staatenwelt neu geordnet worden. Die in der Zeit der "Befreiungskriege" von 1813 bis 1815 entwickelten Hoffnungen Vieler auf einen deutschen Nationalstaat mit einer repräsentativen Verfassung wurden allerdings enttäuscht. Auch enthielt die am 8. Juni 1815 in Wien durch die Bevollmächtigten der deutschen Könige, Fürsten und Städte unterzeichnete Deutsche Bundesakte keine zentralen Grund- und Freiheitsrechte, wie sie unter anderem der preußische Gesandte Wilhelm von Humboldt eingefordert hatte. Der einzige Hinweis konstitutioneller Art fand sich in Artikel 13 der Bundesakte in dem lapidaren Satz: "In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden." Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt und auch keine zeitlichen Vorgaben gemacht. So gaben die süddeutschen Monarchen Bayerns, Badens, Württembergs, Nassaus und Hessen-Darmstadts bereits in den Jahren 1814 bis 1820 vergleichsweise moderne Repräsentativverfassungen und ließen auch Freiheitsrechte darin verankern. Österreich und Preußen hingegen blieben bis 1848 ohne Verfassung. Ein zweiter Verfassungsschub erfolgte im Zuge der von Frankreich ausgehenden revolutionären Unruhen des Jahres 1830. Nun folgten auch Sachsen, Kurhessen und Hannover mit liberalen Verfassungen.
Das Königreich Hannover wurde 1830 in Personalunion mit Großbritannien regiert. Hier richteten sich die nach der Julirevolution in Frankreich aufwallenden Proteste weniger gegen den in London residierenden König Wilhelm IV. (1765-1837), sondern gegen das altständisch-feudale System seines Repräsentanten in Hannover, des leitenden Ministers Ernst Graf Münster (1766-1839). Treibende Kraft der Proteste war die liberale bürgerliche Intelligenz der Universitätsstadt Göttingen: 1831 putschte eine bewaffnete Menge von Bürgern, Studenten und Dozenten gegen die örtliche Regierung und die Polizeibehörde. Zwar wurde dieser Göttinger Aufstand militärisch niedergeschlagen, doch ließ sich der Systemwechsel nicht mehr aufhalten: Wilhelm IV. entließ seinen leitenden Minister und berief eine neue Ständeversammlung ein, in der die liberalen Stimmen dominierten. Im September 1833 verabschiedete die Ständeversammlung nach langwierigen Verhandlungen das "Staatsgrundgesetz", das die konstitutionelle Monarchie in Hannover einführte, Bauern und Bürgertum die Zweite Kammer öffnete, den Landständen das Gesetzgebungs- und Budgetrecht übertrug und eine beschränkte Ministerverantwortlichkeit einführte. Der in Göttingen lehrende Historiker und Staatswissenschaftler Dahlmann war maßgeblich an der Abfassung dieser Verfassung beteiligt.
Nach dem Tod Wilhelms IV. gelangte in Hannover sein Bruder Ernst August von Cumberland (1771-1851) auf den Thron. Der 66-jährige ausgesprochen konservative Monarch lehnte den in einer konstitutionellen Monarchie vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung ab. Er vertagte den Landtag und erklärte die Verfassung am 1. November 1837 für ungültig, gleichzeitig erklärte er den Eid der Beamten auf die Verfassung für erloschen. Das kam einem monarchischen Staatsstreich gleich, gegen den sich Dahlmann als Mitverfasser des Staatsgrundgesetzes auflehnte. Gemeinsam mit den ebenfalls an der Göttinger Universität lehrenden Professoren Jacob- und Wilhelm Grimm, Wilhelm Eduard Albrecht (1800-1876), Georg Gottfried Gervinus (1805-1871), Heinrich Georg August Ewald (1803-1875) sowie Wilhelm Eduard Weber (1804-1891) erklärte er am 18. November 1837 öffentlich, sich auch weiter an die Verfassung gebunden zu fühlen und an keinen Aktionen gegen diese teilnehmen zu wollen. Drei Wochen später wurden die "Göttinger Sieben" fristlos entlassen, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm mussten binnen drei Tagen das Land verlassen. Der Rechtsbruch des Königs und sein drastisches Vorgehen gegen die sieben Professoren sowie die Tatsache, dass der Deutsche Bundestag auf Betreiben Metternichs nichts gegen den Rechtsbruch des Königs von Hannover unternahm, lösten in Deutschland ein politisches Echo wie das Hambacher Fest 1832 aus. Die für die politischen Rechte der Bürger eingetretenen Professoren wurden als Helden und Märtyrer der Freiheit verehrt. Dies reichte von spontanen öffentlichen Sympathiebekundungen bis zur Bildung von Hilfskomitees, die Geld sammelten, um die Entlassenen finanziell zu unterstützen. Auch eines der bedeutendsten Werke der deutschen Sprachwissenschaft hat hier seinen Ursprung, denn die Gebrüder Grimm erhielten von einem Leipziger Verleger den existenzsichernden Auftrag, ein Deutsches Wörterbuch abzufassen.
Die revidierte Verfassung, die das Königreich Hannover 1840 erhielt, fiel vor diesem Hintergrund weitaus weniger reaktionär aus, als ursprünglich erwartet.
Vier der "Göttinger Sieben" blieben ihrem Verfassungseid weiter treu: Albrecht, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm waren 1848 als Mitglieder der Nationalversammlung in der Paulskirche maßgeblich an der Abfassung der Grundrechte des Deutschen Volkes sowie an der Ausarbeitung der Verfassung des Deutschen Reiches beteiligt. Für Jahrzehnte prägten sie das Bild der "politisch Professoren" (Nipperdey) — auch in der Paulskirche, in der 49 der 830 Abgeordneten Professoren waren. Bewusst stellten sich die 18 Physiker, die sich 1957 offen gegen eine Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen aussprachen, mit ihrem "Göttinger Manifest" in diese Tradition.
Ein Zivilcourage-Denkmal des italienischen Künstlers Floriano Bodini (1933-2005) vor dem Hannoverschen Landtag und eine von Günter Grass gestaltete Skulptur auf dem Campus der Georg-August-Universität Göttingen erinnern bis heute an die mutige Tat der "Göttinger Sieben".
(db)
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