Die seit der Pariser Juli-Revolution 1830 wachsende politische
Unruhe machte sich in Deutschland vor allem im französisch
geprägten Südwesten bemerkbar. Nationale, liberale und
demokratische Forderungen wurden nicht mehr nur von der akademischen
Jugend erhoben, sondern auch von breiten Kreisen des Kleinbürgertums
und der Handwerkerschaft. Ein beeindruckender Ausdruck dieser
wachsenden Volksbewegung war das Hambacher Fest vom 27. bis 30.
Mai 1832. Menschen aus den deutschen Bundesstaaten, aus Polen,
Frankreich und Großbritannien kamen auf dem Hambacher Schloss
im pfälzischen Neustadt an der Haardt zusammen. Mit 20.000
bis 30.000 Teilnehmern war es die größte politische
Massenveranstaltung in Deutschland vor der Revolution von 1848.
Die Journalisten Johann August Wirth (1789-1848) aus München
und Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845) aus der Pfalz hatten
zum Hambacher Fest eingeladen. Mit dieser Kundgebung wollten beide
die Stärke und Geschlossenheit des "Vaterlandsvereins
zur Unterstützung der freien Presse" unterstreichen,
den sie Ende Januar 1832 in Zweibrücken gegründet hatten.
Dass dieser "Deutsche Press- und Vaterlandsverein" und
das Hambacher Fest in der Pfalz stattfanden, war kein Zufall.
Der Rheinkreis, in dem das Hambacher Schloss lag, war im Zuge
der territorialen Neuordnung Deutschlands auf dem Wiener Kongress
1815 dem Königreich Bayern zugeschlagen worden, hatte aber
das französische Rechtssystem, den Code Napoléon,
aus der Zeit der französischen Besatzung beibehalten. Die
bayerische Verfassung von 1818 stellte zudem eine der ersten Repräsentativverfassungen
Deutschlands dar, in der die Abgeordneten der zweiten Kammer die
Bevölkerung vertraten und die nach dem Vorbild der französischen
Charte Constitutionelle von 1814 Grundrechte wie Gleichheit vor
dem Gesetz, Meinungs- und Gewissensfreiheit garantierte.
Als in mehreren pfälzischen Zeitungen eine Einladung zur
Feier des bayerischen Verfassungstages am 26. Mai 1832 auf dem
Hambacher Schloss erschien, nutzten Wirth und Siebenpfeiffer die
Gelegenheit und luden kurzerhand zu einem "Nationalfest der
Deutschen" einen Tag später ein. Die bayerische Verfassung
ging ihnen nicht weit genug, lieber sollte die noch zu Erringende
Freiheit und Einheit gefeiert werden, wie Siebenpfeiffer in seiner
Einladung schrieb: "Völker bereiten Feste des Dankes
und der Freude beim Eintritte heilvoller großer Ereignisse.
Darauf musste das deutsche Volk seit Jahrhunderten verzichten.
In solcher Feier ist auch jetzt kein Anlass vorhanden, für
den Deutschen liegen die großen Ereignisse noch im Keim;
will er ein Fest begehen, so ist es ein Fest der Hoffnung; nicht
gilt es dem Errungenen, sondern dem Erringenden, nicht dem ruhmvollen
Sieg, sondern dem mannhaften Kampf, dem Kampfe für Abschüttelung
innerer und äußerer Gewalt, für Erstrebung gesetzlicher
Freiheit und deutscher Nationalwürde." Mit der Verschiebung
der Feier auf Sonntag, den 27. Mai 1832, ermöglichten Wirth
und Siebenpfeiffer auch der arbeitenden Bevölkerung, mitzufeiern.
Die Veranstalter hatten ursprünglich mit rund 1.000 Besuchern
gerechnet und Kokarden in den Farben schwarz, rot und golden produzieren
lassen, die an alle jene ausgegeben wurden, die Geld für
das Nationalfest gespendet hatten. Dass die Teilnehmerzahl sich
so enorm vervielfachte, hatten die Organisatoren dem drohenden
Festverbot durch den pfälzischen Regierungspräsidenten
zu verdanken, das sich durch den massiven Protest seitens der
großen Zeitungen und der pfälzischen Regierung jedoch
abwenden ließ.
Am Morgen des 27. Mai in Hambach erlebten die Veranstalter einen
Massenauflauf, an dem nicht nur Professoren und Studenten wie
auf dem Wartburgfest 1817 teilnahmen, sondern auch Kaufleute,
Handwerker, Winzer, Kleinbauern, Tagelöhner und eine Vielzahl
von Frauen, die - ein Novum in der damaligen Zeit - zur politischen
Feier auf dem Hambacher Schloss ausdrücklich eingeladen waren.
Der Festzug zum Schloss wurde angeführt von der Kapelle der
Bürgergarde, gefolgt von Frauen mit der polnischen Fahne
und einer Abordnung mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne auf der
die Inschrift "Deutschlands Wiedergeburt" prangte. Es
folgten Abordnungen aus ganz Deutschland und Gäste aus England,
Frankreich und vor allem aus Polen, deren Versuch, sich von der
russischen Vorherrschaft zu befreien, im Vorjahr gescheitert war.
So wurde das Hambacher Fest ein europäisches Freiheitsfest.
In den ca. 20 gehaltenen Reden wurde dem Gedanken der nationalen
Einheit neben der Forderung nach Freiheit, freier Meinungsäußerung
und der Beseitigung der Fürstenherrschaft in besonderem Maße
Raum gegeben. Fast alle Redner beschworen dabei den Geist republikanischer
Brüderlichkeit und nachbarschaftlicher Freundschaft. Der
Mitinitiator Wirth forderte gar eine föderale Republik in
einem konföderierten Europa: "Hoch! Dreimal hoch leben
die vereinigten Freistaaten Deutschlands! Hoch! Dreimal hoch das
conföderirte republikanische Europa!" Da sich die Teilnehmer
nicht auf gemeinsame revolutionäre Aktionen einigen konnten,
blieb es bei vereinzelten lokalen Aufständen in der Pfalz
und den angrenzenden Ländern, auf die Bayern und der Deutsche
Bund mit drastischen Unterdrückungsmaßnahmen reagierten:
Ein Armeekorps von 8.500 Mann wurde in die Pfalz verlegt, politische
Vereine und Versammlungen wurden verboten und dreizehn "Hambacher"
kamen vor Gericht, darunter die Initiatoren Wirth und Siebenpfeiffer,
denen "versuchte Aufreizung zum Umsturz der Staatsregierung"
vorgeworfen wurde. Der Prozess endete zwar mit Freisprüchen,
Wirth und Siebenpfeiffer wurden dennoch später wegen Beamtenbeleidigung
zu Haftstrafen verurteilt und emigrierten.
Auch wenn sich die Reaktion am Ende durchsetzte: Das Hambacher
Fest hatte gezeigt, dass auch in Deutschland die Ideen von Freiheit
und nationaler Einheit die Massen zu bewegen vermochten. 16 Jahre
später ließ sich der Unmut nicht mehr unterdrücken;
nicht wenige Teilnehmer des Hambacher Festes von 1832 konnten
ihre Ideale in der Frankfurter Nationalversammlung, aber auch
den Landesparlamenten verwirklichen. Die 50-Jahrfeier des Hambacher
Festes 1872 stand ganz im Zeichen der deutschen Einheit, die im
Jahr zuvor erreicht worden war. Die 100-Jahr-Feier in der Weimarer
Republik stellte angesichts des rechten und linken Extremismus
neben der Einheit die Freiheit in den Mittelpunkt. Seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs gilt das Hambacher Fest als die "Wiege
der deutschen Demokratie" - der Verlust der Einheit durch
die Gründung zweier deutscher Staaten und die Aussöhnung
der Völker Europas verliehen der Erinnerung an das Fest neue
Bedeutung. Die 175-Jahr-Feier im Mai 2007 konnte im Zeichen des
wiedervereinigten Deutschland stattfinden. Altbundespräsident
Richard von Weizsäcker griff als Festredner die Forderungen
des Hambacher Festes "Freiheit - Einheit - Europa" wieder
auf und zeichnete den Weg zu einem in Freiheit konföderierten
Europa, ganz im Sinne der Festrede des Johann Georg Wirth 180
Jahre zuvor.
(db)
Übersicht aller bisherigen Rückblicke