Vor 175 Jahren gründete der Breslauer Zimmermann und Eisengießer
Johann Friedrich August Borsig (1804-1854) am Oranienburger Tor
in Berlin eine Maschinenbauanstalt und Eisengießerei. Bis
der Eisenbahnbau in den 1840er Jahren boomte machte er
sich mit spektakulären Eisenkonstruktionen für das preußische
Königshaus einen Namen. Rund 20 Jahre später war die
1000. Lokomotive fertiggestellt und die Firma Borsig gehörte
zu den größten Lokomotivfabriken Europas. Der Triumphzug
der Borsig-Lokomotiven setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort.
Seit 1933 ist die Firma kein reines Familienunternehmen mehr,
besteht aber bis heute mit wechselnden Eigentümern als Maschinen-
und Apparatebauunternehmen fort.
Nach zehnjähriger leitender Tätigkeit in der Berliner
Maschinenbauanstalt von Egells, gründete Borsig seine eigene
Gießerei in der Chausseestraße 1 am Oranienburger
Tor, mitten im Berliner "Feuerland", dem Hauptstandort
der preußischen Maschinenbauer. Der erste größere
Auftrag, der dem jungen Unternehmer zufiel, war die Herstellung
von 117.000 Schrauben für die Berlin-Potsdamer Eisenbahn.
Der Auftragsumfang zwang Borsig, in der noch unfertigen Fabrik
die Arbeit aufzunehmen. Am 22. Juli 1837 erfolgte der erste Guss,
dieses Datum galt von nun an als eigentliches Gründungsdatum.
Durch die hohen Kosten für die Grundstücke und den Fabrikbau
musste Borsig in den ersten Jahren alle möglichen Aufträge
annehmen, darunter Schienenstühle für die Berlin-Potsdamer
Eisenbahn, gusseiserne Bilderrahmen, Federschalen und Kandelaber,
aber auch die vier Löwenskulpturen für eine Fußgängerbrücke
im Berliner Tiergarten.
Der Regierungsantritt des neuen preußischen Königs
Friedrich Wilhelm
IV. ermöglichte Borsig zu zeigen,
was er kann, denn in Breslau hatte er auch die Kunst- und Bauhandwerksschule
besucht: Er konzipierte und baute die Dampfmaschine für das
Pumpwerk zur Bewässerung des Parks von Sanssouci - vom Architekten
Ludwig Persius (1803-1845) 1842 im maurischen Stil erbaut. Es
folgten 1846/47 die Eisenkuppel für die Potsdamer Nicolaikriche
und 1847-1851 die Kuppel für das Berliner Stadtschloss -
alles nach Borsigs Entwürfen. All dies brachte ihm Renommee
und gute Kontakte - Gewinn brachten die Aufträge kaum.
Das
änderte sich, als Borsig beschloss, ins Eisenbahngeschäft
einzusteigen. Unter die in der Borsigschen Fabrik ausgeführten
Arbeiten fielen auch Reparaturen an den ersten Lokomotiven der
seit 1838 bestehenden Berlin-Potsdamer Eisenbahn, deren Konstruktionsschwächen
Borsig auf diese Weise kennenlernte. 1841 baute er einen verbesserten
Typ, der sich an einem Modell der Norris-Lokomotiven aus Philadelphia
in den USA orientierte. Diese Lokomotive wurde an die Berlin-Anhaltische
Eisenbahngesellschaft verkauft und verließ als Nr. 1 mit
dem Namen "Borsig" die Fabrik. Der Durchbruch kam 1843
nach einer von Borsig inszenierten Wettfahrt mit der englischen
Konkurrenz, die sein Modell mit einem Vorsprung von zehn Minuten
gewann. Bis 1843 hatte Borsig 24 Lokomotiven gebaut das Stück
zu durchschnittlich 12.000 Taler - das entsprach dem Preis für
eine Schlosskuppel. Nun legte er rasant zu: Auf der preußischen
Gewerbeausstellung präsentierte Borsig 1844 seine Lokomotive
"Beuth" und erhielt eine Goldene Preismedaille. Im amtlichen
Bericht zur Gewerbeausstellung hieß es: "Aus seinen
Werkstätten sind binnen weniger Jahre eine Folge von Lokomotiven
hervorgegangen, deren jede die nächstvorhergehende durch
neu angebrachte Verbesserungen übertraf und somit ein unausgesetztes
Streben kundgab, den Lokomotivbau bis zu demjenigen Grade der
Vollkommenheit zu erheben, den die von ihm zur Ausstellung gegebene
Maschine auf eine so erfreuliche Weise wahrnehmen ließ."
Bereits 1846 wurde die 100. Lokomotive fertiggestellt und feierlich
an ihren Bestimmer übergeben. Auch dies hatte Borsig eingeführt,
eine Festkultur der Industrie, mit der er Firmenjubiläen
und runde Stückzahlen pompös beging. Allein 1847 baute
Borsig am neuen Standort, dem großen Werk in Moabit, schon
76 Lokomotiven. Am 25. März 1854 feierte die Firma das Fest
der 500. Lokomotive, das mit der Rede des preußischen Handelsministers
August von der Heydt (1801-1874) begann, der dem Kommerzienrat Borsig das
Patent eines Geheimen Kommerzienraths verlieh. Borsig belieferte
mittlerweile den gesamten preußischen Markt. Gerade einmal
vier Jahre später, am 21. August 1858, war die tausendste
Lokomotive fertiggestellt, eine 29 Tonnen schwere Schnellzuglokomotive
mit dem Namen "Borussia". Aus diesem Anlass wurde auf
dem Fabrikhof der Berliner Chausseestraße 1 ein großes
Fest gefeiert; alle 2800 Borsig-Arbeiter trugen eine "Ehrenmedaille
für Mitarbeiter zur Fertigstellung der 1000. Lokomotive"
an einem Band an der Kleidung. Aber dies erlebte der Firmengründer
August Borsig schon nicht mehr: Am 6. Juli 1854 war der Patriarch
im Alter von 50 Jahren verstorben. Welches Ansehen er mit seiner
Maschinenbauanstalt erworben hatte, zeigte sich bei seinem Begräbnis,
über das die Leipziger Illustrirte Zeitung in ihrer Ausgabe
vom 22. Juli 1854 ausführlich berichtete: Danach bewegte sich
"ganz Oranienburg" im Trauerflor, dem Sarg folgten nicht
nur die Arbeiter der Borsig'schen Fabrik, nicht nur die Maschinenarbeiter
der sowohl befreundeten wie auch konkurrierenden Eisenwerke aus
dem Berliner "Feuerland" an der Chausseestraße,
sondern Arbeiter von über 21 größtenteils namentlich
genannten Fabriken und Werkstätten. Unter den Honoratioren,
die dem Sarg folgten, befand sich auch der 85-jährige Alexander
von Humboldt (1769-1859). Im Stammwerk an der Chausseestraße
wurden noch bis 1885 Lokomotiven gefertigt.
(db/dv)
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