Am 11. Februar 1919 wählte die in Weimar tagende Nationalversammlung
den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten.
Seine bewusst überparteiliche Amtsführung zielte vor
allem auf Ausgleich zwischen den sich feindlich gegenüberstehenden
politischen Blöcken im Deutschen Reich. Bis zu seinem plötzlichen
Tod 1925 war Reichspräsident Ebert aufgrund der häufigen
Personalwechsel innerhalb der Reichsregierungen einer der wenigen
kontinuierlichen Amtsinhaber des Staates und eine Symbolfigur
der Weimarer Republik.
Ebert war Sohn eines Schneidermeisters, er selbst übte den
Beruf des Sattlers aus, bevor er 1912 Reichstagsmitglied und zu
einem Berufspolitiker wurde. Von 1913 bis 1919 war Ebert Vorsitzender
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Mit
Ebert gelangte 1919 erstmals in Deutschland ein Mann in das höchste
Staatsamt, dessen Familie nicht generationenübergreifend
zu den gesellschaftlichen Eliten des Landes gehört hatte,
sondern der aus kleinbürgerlich-handwerklichem Milieu stammte.
Eberts Wahl zum Reichspräsidenten versinnbildlichte geradezu
die veränderten politischen Vorzeichen, die sich mit der
deutschen Kriegsniederlage und der Ausrufung der Republik
im November 1918 ergeben hatten.
Die aus den demokratischen Umbrüchen und den Wahlen vom 19.
Januar 1919 hervorgegangene Nationalversammlung trat am
6. Februar zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Aufgrund
der revolutionären Situation in Berlin fiel die Wahl des
Ortes auf Weimar. Ebert hoffte, Weimar als Heimstatt der freiheitsliebenden
Deutschen Klassik und des humanistischen Gedankengutes werde seine
Wirkung auf die deutsche Bevölkerung wie auf das Ausland
nicht verfehlen. Vor allem versuchte Ebert unter allen Umständen
zu vermeiden, dass die politische Situation in Deutschland ähnlich
der Revolution in Russland zu einem Bürgerkrieg ausartete.
In den drei Monaten vor Zusammentritt der Nationalversammlung
war Ebert als Mitvorsitzender des regierenden Rats der Volksbeauftragten
bemüht gewesen, die im November 1918 begonnenen revolutionären
Erschütterungen nicht eskalieren zu lassen. Auch während
des Jahres 1919 waren Ebert und die SPD-Führung um Eindämmung
der revolutionären Bestrebungen bemüht: Sie verzichteten
auf eine grundlegende Veränderung der bestehenden wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Verhältnisse, wie es von der radikalen
Linken gefordert wurde, die immer wieder mit Waffengewalt die
Macht an sich zu reißen versuchte. Gleichzeit bekämpften
gewaltbereite rechte Extremisten die Republik.
Der von Ebert propagierte "Geist von Weimar" als Grundlage
eines rechtsstaatlichen, liberalen und demokratischen Deutschlands
hatte es unter den schwierigen politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Bedingungen Anfang der 1920er Jahre schwer, sich in der
deutschen Bevölkerung den ihm gebührenden Respekt zu
verschaffen - oder sogar auf eine allgemeine Gegenliebe zu stoßen.
Ebert konnte sich als Reichspräsident zwar auf die Loyalität
der uneingeschränkt zu Republik und Demokratie stehenden
Parteien verlassen. Ein allgemein im Volk beliebtes Staatsoberhaupt
war er jedoch nicht. Seine Zusammenarbeit mit führenden Angehörigen
der alten kaiserlichen Armee zur militärischen Niederschlagung
revolutionärer Aufstände 1918/19 wurde ihm nicht nur
von Kommunisten, sondern auch von vielen Weggefährten aus
gemeinsamen sozialdemokratischen Tagen nie verziehen. Für
sie war er fortan ein zu verachtender "Klassenverräter",
der seine Herkunft vergessen und sich dem Großbürgertum
sowie "reaktionären Kräften" angebiedert hätte.
Demgegenüber sahen Vertreter der traditionellen gesellschaftlichen
Eliten aus Wirtschaft, Finanzwelt und Aristokratie den ehemaligen
Sattler Ebert nicht wirklich auf Augenhöhe an. Sie tolerierten
ihn, schätzen taten sie ihn nicht. Und für Millionen
Deutsche aus dem nationalen, rechtskonservativen Lager war Ebert
nicht mehr und nicht weniger als ein linker "Novemberverbrecher",
dem man ein Gefühl für Patriotismus und Nationalehre
kategorisch absprach.
Als Reichspräsident schlug Ebert massenhaft Verunglimpfung
und blanker Hass von rechts und links entgegen. Während seiner
Amtszeit führte er rund 200 Prozesse wegen Beleidigung oder
Verleumdung. Aufgrund eines dieser Prozesse gegen einen Journalisten
hatte Ebert eine Behandlung wegen Blinddarmentzündung verschoben
- eine Entscheidung mit tödlichen Folgen. Auch eine Notoperation
bei dem aus Waldeck stammenden, damals berühmtesten Chirurgen
Deutschlands, August Bier (1861-1949), konnte nicht verhindern,
dass Ebert am 28. Februar 1925 in Berlin starb. Mit Ebert starb
zugleich eine der großen Identifikationsfiguren der Sozialdemokratie
wie der Republik. Als ein politisches Vermächtnis wurde noch
im Jahr 1925 auf Initiative des SPD-Vorstandes die Friedrich-Ebert-Stiftung
ins Leben gerufen. Ihr Ziel war es vor allem, jungen Menschen
aus dem Arbeitermilieu bei einem Studiengang finanziell zu unterstützen
und so im Sinne Eberts zu wirken, der es als Handwerker bis zum
Reichspräsidenten geschafft hatte.
(as)
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