|
|
1918-1933Alltagsleben
Die Folgen des Ersten Weltkriegs waren im Alltagsleben der Deutschen
nach Kriegsende stets präsent. Kriegsversehrte prägten
ebenso das Straßenbild wie unterernährte Kinder und
Erwachsene, die nach den entbehrungsreichen Jahren der staatlichen Nahrungsmittelrationierung sehnsüchtig auf ausreichende
Mahlzeiten und einen vollen Speiseplan hofften. Der chronische
Mangel an Grundnahrungsmitteln förderte Hamsterfahrten und
einen regen Schleichhandel, bei dem sämtliche Arten von Wertgegenständen
gegen Kartoffeln, Eier, Mehl oder Zucker getauscht wurden. Arbeitslosigkeit sowie Hunger
und soziales Elend führten zu einer Kriminalisierung des Alltags,
bei dem im Kampf ums nackte Überleben Diebstähle von
Lebensmitteln und Plünderungen von Geschäften mancherorts
gravierende Ausmaße annahmen. Die galoppierende Inflation
verschärfte 1923 die Situation und machte über Nacht
Millionen vormals kaufkräftiger Bürger und von Vermögenszinsen
lebender "Rentiers" zu Bettlern, während Spekulanten
und Kriegsgewinnler ihren neuen Reichtum in Amüsierbetrieben
schamlos zur Schau stellten.
Die psychologischen Folgen der Geldentwertung waren für einen
Großteil der Deutschen ebenso tiefgreifend wie 1918 die
unerwartete Kriegsniederlage, die das nationale Selbstwertgefühl
verletzte. Massenvernichtung und Selbstbehauptung in den Materialschlachten
prägten die Frontsoldaten ihr Leben lang. Das Kriegserlebnis
kompensierten Millionen von ihnen in einem nachgemachten Soldatentum,
zunächst in Freikorps, später in Kriegervereinen
oder paramilitärischen Verbänden wie dem Stahlhelm.
Andere schworen sich, nie wieder zu den Waffen zu greifen, und
ereiferten sich für den Pazifismus. Unter dem Motto
"Nie wieder Krieg" versammelten sie sich alljährlich
zu Massenkundgebungen.
Wichtigste Informationsquelle für die Bevölkerung waren
die ca. 3.400 im Deutschen Reich erscheinenden Tageszeitungen.
Auflagenstärkste war mit 400.000 Exemplaren die "Berliner
Morgenpost". In den publizistischen Vordergrund traten neuartige
Zeitschriften und Illustrierte mit zahlreichen Bildreportagen.
Das Bedürfnis nach visueller Erfahrung wurde auch von der
Werbung befriedigt, die mit Leuchtreklamen, Werbefilmen oder mit
großformatigen Plakaten und Anzeigen eine neue Form der
Kommerzialisierung etablierte.
Der Alltag für weite Bevölkerungskreise wurde in den
Zwanziger Jahren zunehmend von einer konsum- und freizeitorientierten
Massenkultur bestimmt, die mit neuen Medien das Bedürfnis
der Menschen nach Unterhaltung und Entspannung befriedigte. Mitte
der Zwanziger gingen täglich etwa zwei Millionen Menschen
in die Kinos. Ein finanzkräftiges Bürgertum besuchte
die Opernhäuser und die Theater oder amüsierte
sich in den zahlreichen Revuen der Großstädte. Ihren
Vormarsch traten ab 1923 die Rundfunkgeräte an. Sportgroßveranstaltungen
und Konzerte konnten durch Übertragungen einem Massenpublikum
übermittelt werden. Zusammen mit Schallplatten förderte
der Rundfunk die Verbreitung sich schnell abwechselnder Schlager
und Tänze wie des Charleston oder des beliebten Shimmy.
Mit der Revolution von 1918/19 fielen die letzten noch
bestehenden halbfeudalen Gesindeordnungen auf dem Lande. Dennoch
hielt die im Kaiserreich einsetzende Landflucht und Urbanisierung
in der Weimarer Republik an. Während der Bevölkerungsanteil
der Großstädte bis 1933 auf ca. 30 Prozent anstieg,
ging jener der Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern auf
rund ein Drittel zurück.
Parallel dazu reduzierte sich der
Anteil der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft gegenüber
dem Kaiserreich um 4 auf knapp 30 Prozent.
Das harte Alltagsleben der Landbevölkerung mit im Sommer
bis zu 18stündiger Arbeitszeit auf dem Felde spiegelte in
keiner Weise die verbreitete "Agrarromantik" in der
Weimarer Republik wider. Modernisierung und Fortschrittsglaube
riefen als Gegenreaktion eine Rückbesinnung auf die Natur
hervor. Dem Ruf "Zurück zur Natur" folgte die "auf Fahrt"
gehende sozialdemokratische ebenso wie die Bündische Jugend,
die als Pfadfinder oder Wandervögel singend und Gitarre
spielend durch die Lande zog, um der städtischen Massenkultur
und der "Amerikanisierung" des Alltagslebens zu entfliehen.
Dennoch verwischte die Massenkultur vielfach die Milieugrenzen zwischen
arm und reich, Stadt und Land, Arbeiterschaft und Bürgertum.
Ins Kino gingen Menschen aller Klassen und Schichten, und sie
alle sangen denselben Schlager oder lasen dieselben Boulevardblätter.
Trotz des oft propagierten eigenständigen Milieus nahmen viele Arbeiter bürgerliche Riten an und an der Mode der Zeit teil. Der Mitte der Zwanziger Jahre im Bürgertum beliebte Strohhut ersetzte auch in Arbeiterkreisen vor allem an Sonntagen immer öfter die "Klassenbewusstsein demonstrierende" Schlägermütze.
Trotz angehobener Stundenlöhne erreichte der Reallohn der
unteren Einkommensschichten aufgrund stetig steigender Lebenshaltungskosten
erst 1928 den Stand von 1914. Für die Arbeiter und kleinen
Handwerker gab es kaum Möglichkeiten, ihren engen Wohnungen
in den dunklen Mietskasernen der Großstädte zu entfliehen.
In den städtischen Ballungszentren herrschte seit Kriegsende
zudem eine verheerende Wohnungsnot. Die sprunghafte Steigerung
der Eheschließungen in Deutschland zwischen 1918 und 1920
von 350.000 auf 900.000 hatte die prekäre Wohnungssituation
ebenso verstärkt wie die Notwendigkeit der Unterbringung
von annähernd 200.000 Flüchtlingsfamilien.
Die Rationalisierung des Alltags sollte in der Weimarer
Republik einen modernen und technisierten Haushalt erfassen, den
sich allerdings normal verdienende Schichten kaum erlauben konnten.
Dennoch lernte eine zunehmende Anzahl von Hausfrauen die Vorteile
von Einbauküchen und von zeit- und kraftsparenden elektrischen
Geräten wie Staubsauger oder Bügeleisen mit einer annähernd
automatischen Temperaturregelung schätzen.
Während körperbräunende
Höhensonnen mit UV-Strahlen rare Luxusartikel blieben,
war der 1928 von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft
(AEG) angebotene "Volksherd" für den Massenkauf
konstruiert worden. Doch ließ die Versorgung mit Strom den
flächendeckenden Großeinsatz von elektrischen Geräten
- wie ihn die AEG auf zahlreichen Werbekarten propagierte - noch
nicht zu, obwohl die Zahl stromversorgter Haushalte in Berlin
z. B. zwischen 1925 und 1930 von 27,4 auf 76 Prozent anstieg.
Zugleich hatte die 4,3-Millionen-Stadt Berlin mit fast 500.000
Anschlüssen Ende der Zwanziger die höchste Telefondichte
der Welt.
Viele Jugendlichen gehörten der sogenannten verlorenen Generation
an, die einschneidende Erfahrungen in den Schützengräben
des Ersten Weltkrieges sammelte oder ohne Väter aufwachsen
musste. Die ihr nachfolgende "überflüssige
Generation" musste ab 1929 zumeist die bittere Erfahrung
machen, während der Weltwirtschaftskrise auf einem
überfüllten Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen zu können.
Arbeitslosigkeit und Massenverelendung kennzeichneten in
der Wirtschaftskrise die Alltagssituation breiter Bevölkerungsschichten.
Resignation und Verzweifelung waren Begleiterscheinungen der Krise,
in der Tausende ihr als nutzlos empfundenes Leben freiwillig beendeten.
Andere erkannten in Adolf Hitler "die letzte Hoffnung"
auf Arbeit und Auskommen. Unter den Bedingungen der Angst und
Hoffnungslosigkeit von Millionen Menschen entfalteten die Nationalsozialisten ab 1930 eine hasserfüllte Propaganda gegen Republik und Demokratie
bisher unbekannten Ausmaßes, deren Erfolg ihnen den Weg zur
Machtübernahme 1933 ebnete.
(as)
Video: Hunger und Unterernährung / Arbeitslosigkeit und Spekulantentum
|
|