1918-33

[Plakat: Käthe Kollwitz "Nieder mit dem Abtreibungsparagraphen!", 1924]





Der Abtreibungsparagraph 218


"Wenn das zweite und dritte Kind kommt, beginnt das Elend. Der Lohn reicht nicht mehr ... Bereits im Mutterleib hungert der kleine Proletarier", heißt es in "Die Kämpferin", der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) nahestehenden "Zeitung für die werktätige Frau".

"Kindersegen" bedeutete in vielen Arbeiterfamilien "Kinderlast". Jedes Neugeborene war ein Esser mehr am Tisch, welches die Sorgen und die ohnehin schon starke Arbeitsbelastung der Mütter vergrößerte. Dieses Dilemma hatten auch Wissenschaftler, Ärzte und Künstler erkannt und sich vehement für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218 engagiert. Käthe Kollwitz brachte 1924 in ihrem Plakat "Nieder mit den Abtreibungsparagraphen" den Zusammenhang von Mutterschaft und wirtschaftlichem Elend bildlich zum Ausdruck. In der Weimarer Republik wurde die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218 oder wenigstens Straffreiheit bei einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten gefordert. Die Motivation für den Kampf gegen den Paragraphen 218 entstand aus der Notlage des Proletariats und hatte mit dem Wunsch von Frauen nach Eigenständigkeit und Selbstverantwortung noch wenig zu tun. Dennoch engagierten sich vor allem Frauenverbände für eine Geburtenregelung und gegen das Verbot von Verhütungsmitteln im öffentlichen Handel.

Das Strafgesetzbuch von 1871 wurde jedoch 1926 nur dahingehend verändert, daß eine Abtreibung nicht mehr mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus, sondern "nur" noch mit Gefängnisstrafe geahndet wurde. Eine Reform des Paragraphen 218 erfolgte 1927, indem der Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen legalisiert wurde.
Die verzweifelte Lage der Arbeiterfrauen in den zwanziger Jahren führte dazu, daß trotz Strafandrohungen die Zahl der Abtreibungen zum Ende des Jahrzehnts auf rund eine Million jährlich anstieg. Die Angst vor noch mehr wirtschaftlicher Not war größer als die Angst vor Strafe.

(mb)

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