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1918-1933Industrie und Wirtschaft
Anders als die politische Ordnung waren die Wirtschaftsverhältnisse
nach dem Sturz der Monarchie von keiner wesentlichen Veränderung
betroffen. In dem noch während der Revolution von 1918/19
abgeschlossenen Stinnes-Legien-Abkommen verzichteten die Gewerkschaften auf die sofortige Durchführung der
Sozialisierung. Im Gegenzug erkannten die Arbeitgeber die Gewerkschaften
als Interessenvertretung der Arbeitnehmer und als Tarifpartner
an. Schließlich beendete die Weimarer Verfassung
die Sozialisierungsbestrebungen, die vor allem von der USPD und der KPD
gefordert wurden. In den Artikeln 152 und 153 der Verfassung wurde
den Unternehmern die Wirtschafts- und Eigentumsfreiheit garantiert.
Erheblich dezimiert wurde die deutsche Wirtschaftskraft nach Kriegsende
durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags. 26 Prozent
der Steinkohleförderung sowie 44 Prozent der Roheisen- und
38 Prozent der Stahlproduktion des Deutschen Reichs stammten aus
den abzutretenden Gebieten. Allein die Abtretung Elsaß-Lothringens
bedeutete den Verlust von 70 Prozent der gesamten deutschen Erzförderung.
Die Landwirtschaft verlor insgesamt einen Flächenanteil von
14 Prozent. Außerdem wurden der durch politische Kämpfe
und Streiks ohnehin geschwächten Wirtschaft im Rahmen der
Reparationen wichtige Verkehrsmittel entzogen: Neben 5.000
Lokomotiven, 150.000 Eisenbahnwaggons und 5.000 Lastkraftwagen
mußten 90 Prozent der Hochsee-Handelsflotte, die 1914 die
zweitgrößte der Welt gewesen war, an die Siegermächte
abgeliefert werden. Der Verlust der Kolonien war ökonomisch
hingegen von keiner nennenswerten Bedeutung.
Allerdings war die Konjunktur nur eine Scheinblüte. Kurzfristig
erleichterte die zunehmende Geldentwertung der exportorientierten
Industrie zwar den Wiedereinstieg in den Welthandel. Für
die Volkswirtschaft hatte sie hingegen verheerende Folgen. Der
völlige Zusammenbruch der Währung 1923 und der Rückgang
der Produktion stürzten Deutschland in eine schwere wirtschaftliche
Krise. Gleichzeitig war durch die Besetzung des Ruhrgebiets,
des bedeutendsten deutschen Industriezentrums, die Wirtschaft
im übrigen Deutschland von ihren wichtigsten Energie- und
Rohstoffquellen abgeschnitten.
Der Wirtschaftskrise folgte nach der Währungsreform
und der Verabschiedung des Dawes-Plans 1924 eine Phase
des Aufschwungs. Ausländische Kredite und Investitionen ermöglichten
die Einführung modernster Technologien. Technischer Fortschritt
und Rationalisierung des Arbeitsprozesses waren die Schlüsselbegriffe
für internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Elektrifizierung
und industrielle Massenproduktion schritten in großem Maße
voran. Siemens und die AEG
in Berlin konnten Weltmarktpositionen zurückgewinnen,
die sie bereits vor 1914 eingenommen hatten. Als erstes deutsches
Werk setzte die Firma NSU im Motorradbau das Fließband
ein. In Stuttgart entstand 1926 die Daimler-Benz AG. Mit der Zunahme
der Motorisierung und des Straßentransports in den zwanziger
Jahren gewann die Kraftfahrzeugindustrie erheblich an Bedeutung.
Zwischen 1922 und 1928 erhöhte sich der Bestand von
PKW und LKW von 125.000 auf rund 470.000. Gleichzeitig sollten Arbeitsfähigkeit und -kraft in Deutschland durch gezielte Unfallverhütung gesteigert werden.
(as)
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