1918-33

[Zeitschrift: "Der Dolchstoss" Süddeutsche Monatshefte, 1924]







Die Dolchstoßlegende


Das Waffenstillstandsersuchen der Obersten Heeresleitung (OHL) von Anfang Oktober 1918 traf die deutsche Bevölkerung wie ein Schock. Die Kriegspropaganda hatte bis zum Schluss keinen Zweifel an einem deutschen Sieg zugelassen, und die deutschen Truppen standen noch immer tief in Frankreich und Russland. Eine militärische Niederlage schien unfassbar.

Auch der Sozialdemokrat Friedrich Ebert empfing am 10. Dezember 1918 die nach Berlin zurückkehrenden Feldtruppen mit den Worten "kein Feind hat euch überwunden". Eine politische Stoßrichtung erhielt diese Aussage, als der ehemalige Feldmarschall Paul von Hindenburg am 18. November 1919 vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung über die Ursachen des militärischen Zusammenbruchs von einer heimlichen und planmäßigen "Zersetzung von Flotte und Heer" sprach. Sich auf einen englischen Offizier berufend, gab Hindenburg zu Protokoll, die deutsche Armee sei "von hinten erdolcht worden". Damit verlagerte er die Verantwortung für die militärische Niederlage von der Obersten Heeresleitung auf die politische Ebene. Er machte die Friedensresolution von 1917 für den militärischen und politischen Zusammenbruch ebenso verantwortlich wie etwa den Munitionsarbeiterstreik von 1918.

Vor allem die Parteien der extremen Rechten, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), nutzten die auf Hindenburgs Autorität gestützte "Dolchstoß-Legende" zur hasserfüllten Agitation gegen die politischen Vertreter und Anhänger der Weimarer Republik.

Verantwortlich für die deutsche Niederlage war aber nicht die innenpolitische Opposition, sondern entscheidend dafür war die militärische Überlegenheit der Gegner - wie auch Hindenburg und Erich Ludendorff am 14. August 1918 gegenüber Kaiser Wilhelm II. eingeräumt hatten.

(rm)

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