1918-33

[Buch: Gerhart Hauptmann "Dorothea Angermann" (Buchdeckel), 1926]

[Buch: Gerhart Hauptmann "Dorothea Angermann" (Titelblatt), 1926]










Gerhart Hauptmann: Dorothea Angermann


Schauspiel in fünf Akten von Gerhart Hauptmann, vollendet 1925; Uraufführung: München (Kammerspiele), Wien (Theater in der Josefstadt), Leipzig (Schauspielhaus) sowie an 14 weiteren Bühnen, 20. 11. 1926. - In "Dorothea Angermann", einem seiner seltener gespielten Stücke, setzt sich der Dichter mit der Tragödie des verführten und an seinem Geschick zerbrechenden Mädchens auseinander, doch steht dieses Schauspiel trotz dieses Themas und trotz seines bürgerlichen Milieus nicht ausschließlich in der literarischen Tradition des bürgerlichen Trauerspiels. Während dessen Mittelpunkt ein Bürgermädchen ist, das in Konflikt mit seinem Elternhaus, seiner bürgerlichen Umgebung - meist vertreten durch den bis zur Verständnislosigkeit gradlinigen und gottesfürchtigen Vater - gerät, tritt mit den ersten Worten Dorotheas (»Was aus mir wird? - Das weiß ich nicht«) - eine schon Gezeichnete auf die Bühne; und ihr Vater, der seine Gemeinde verachtende Zuchthausgeistliche Angermann, ist sowenig von echter Gottesfurcht erfüllt, wie seine engstirnige Borniertheit für Geradlinigkeit, seine betriebsame Bonhomie für aufrechten Biedersinn genommen werden können. Nicht die verführte Unschuld zerbricht an der herrschenden Moral, dargestellt in der Unnachgiebigkeit verhärteten Redlichkeit des Vaters, sondern die in der dumpfen Apathie unbewältigter Triebe Gestrauchelte wird von dem selbstgerechten Vater kalt in eine Existenz gezwungen, aus der sie sich in fast süchtiger Hörigkeit nicht befreien kann noch eigentlich will und an der sie schließlich zugrunde geht.

Dorothea Angermann lernt als Kochschülerin im Hotel »Zum schwarzen Adler« den Privatdozenten und Bibliothekar Herbert Pfannschmidt, Sohn des verstorbenen Besitzers, kennen und lieben. Sie gesteht ihm später: »Ich liebte dich, Herbert, mit Leidenschaft. Am liebsten hätte ich mich dir an den Hals geworfen.« Doch der korrekte, idealistisch denkende Gelehrte sieht in Dorothea, die er gleichfalls liebt, »das schlicht-bescheidene, ländlich-unschuldsvolle Pastorenkind«, um das er in ritterlicher Zurückhaltung wirbt. »Nun, und so kam es. Mein Zustand wurde in einem einzigen unbewachten Augenblick von einem Menschen, den ich verachte, ausgebeutet. In der lastenden Schwüle der Hundstage bemächtigt sich der skrupellose Koch des Hotels, Mario Malloneck, der vor Übermüdung »fast völlig Wehrlosen.« Als Dorothea ins Elternhaus zurückkehrt, weiß sie, daß sie ein Kind erwartet. Sie weist Herbert Pfannschmidt ab, der, inzwischen zum Professor ernannt, bei Pastor Angermann um die Hand der Tochter anhält, und wird, als ihr Vater den Grund erfährt, von diesem gezwungen, Mario zu heiraten und mit ihm nach Amerika auszuwandern. Dort wird sie nach einem Jahr »entmenschter, bestialischer Entehrung und Entwürdigung« von Hubert Pfannschmidt, dem vor Jahren nach Amerika emigrierten Bruder Herberts, und Herbert selbst, der herübergekommen ist, den Bruder heimzuholen, aufgegriffen. Das Kind hatte sie kurz nach der Überfahrt durch eine Fehlgeburt verloren. Herbert, der Dorothea immer noch liebt, wirbt erneut um sie, und Dorothea, die fürchtet, »den Dunst der Gosse, den Gestank der Abwässer« nie mehr loszuwerden, klammert sich in leidenschaftlicher Verzweiflung an ihn, der sie »festhalten, läutern, reinigen« will, denn »die Liebe hoffet, glaubet und duldet alles, wie man sagt«. Doch Mario ist Dorothea in das Haus Huberts gefolgt, und Dorothea kann sich der Macht, die er über sie hat, nicht entziehen, dieser Macht, die Mario in die lakonischen Worte faßt: »Mit Weibern muß man ganz einfach Bescheid wissen!« Sie reist mit ihrem Mann nach New York zurück. Acht Monate später ist Dorothea nach dem im Dunkeln bleibenden Tod Marios nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hat, seelisch und körperlich gebrochen, Aufnahme bei Hubert Pfannschmidt gefunden, der ebenfalls heimgekehrt ist. Hier trifft den Vater wieder, der in gefühlskalter Indifferenz die Qual Dorotheas »mit einem Satz, und zwar erschöpfend abtut«: »Was man sich einbrockt, muß man auslöffeln.« Dorothea, für die »alles verbraucht ist bis zum letzten Rest«, nimmt sich das Leben.

Das Stück fand bei seiner Uraufführung und in der folgenden Zeit unterschiedliche Aufnahme bei Kritik und Publikum. Während Alfred Kerr die Lebenssnähe und Gegenwärtigkeit der Gestalten, »die künftig für uns dem Bewußtsein verkittet bleiben«, feierte, tadelte Herbert Ihring, daß »die ganze Menschenschicht, aus der das Schauspiel gewachsen ist, ... dramatisch verbraucht, die Konflikte abgenutzt, die Handlung kahl gefressen« sei. Befremdend mag damals auch gewirkt haben, daß Hauptmann das dem naturalistischen Theater in einer streckenweise überhöhten Sprache gestaltete, die, so angemessen sie diesem Werk »voll wirrer und wunder, voll blutiger und kotiger, in dem Radikalismus ihres Elends seelisch kaum noch zugänglicher Menschlichkeit« (Thomas Mann) erscheint, dennoch den Eindruck dramatischer Überbelastung wecken kann.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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