1918-33

[Buch: Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz" (Schutzumschlag), 1929]

[Buch: Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz" (Buchdeckel), 1929]

[Buch: Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz" (Titelblatt), 1929]













Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Geschichte vom Franz Biberkopf


Der Roman von Alfred Döblin erschien 1929. Das Werk ist der bisher bedeutendste deutsche Großstadtroman. Erzählt wird die Geschichte eines gutwilligen, aber schwachen "kleinen Mannes", den dunkle, ungreifbare Mächte und Kräfte in ständiger Abhängigkeit halten, bis er am Ende seines Lebens endlich zur Besinnung kommt, seinen "alten Menschen" wegwirft und von nun an seine "Vernunft" zu gebrauchen beschließt. Die als ein Pandämonium geschilderte Großstadt der Weimarer Republik aus Häusergewirr und Menschentrubel, Zeitungs und Reklamegeschrei, unterirdisch brodelndes Verbrechertum, Schlachthausdunst und Jazzrhythmen, Hurenwinkel und Kaschemmenphilosophie, Zuhälterpack, Flittermoral und strahlender Lichterglanz ist der eigentliche Gegenspieler des ehemaligen Transportarbeiters Biberkopf, der aus dem Zuchthaus kommt und nun beschließt, "anständig zu sein". Ehrlich will er bleiben, wenn er als Straßenhändler und Zeitungsverkäufer am Berliner Alexanderplatz steht, in Bierschwemmen, Tanzlokalen und Zuhälterkaschemmen seine Abende verbringt, und ist doch, ohne es selbst zu wissen, schon verloren. Denn "verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verläßt«, das ist das Leitmotiv des Romans. Biberkopf, immer auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit, verläßt sich auf den Ungeeignetsten, einen skrupellosen Verbrecher, dessen dämonischer Macht er hörig wird. Er läßt sich von seinem neuen "Freund" Reinhold im Tauschhandel mit Frauen versorgen, wird in Verbrechen hineingezogen, verliert dabei einen Arm, weil der "Freund" den gefährlichen Mitwisser unter ein Auto stößt, und gelangt schließlich zu der Überzeugung, daß das Anständigbleiben in dieser Welt nicht lohne. Er sucht und findet eine "Braut" und wird ihr Zuhälter; jetzt arbeitet er nicht mehr und macht wieder dunkle Geschäfte. Doch Freund Reinhold, der Dämon der Unterwelt und immer auf Biberkopfs Spuren, raubt ihm die Geliebte, vergewaltigt und erwürgt sie. "Ganz aus ist es mit dem Mann Franz Biberkopf", der als vermeintlicher Täter verhaftet wird: Er bricht zusammen und kommt in die Irrenanstalt. Nach dem Prozeß der die Wahrheit zutage fördert, kann er vor Erschöpfung kaum noch nach Hause gehen, doch ist ihm nun endlich der "Star gestochen": "Man fängt nicht sein Leben mit guten Worten und Vorsätzen an, mit Erkennen und Verstehen fängt man es an und mit dem richtigen Nebenmann."

Mit "Berlin Alexanderplatz" erreichte der Berliner Armenarzt Döblin, der das Milieu und seine Sprache genau kannte, einen Höhepunkt expressiver Sprachgestaltung, einen neuen Naturalismus. Die Technik der pausenlosen Monologe, der ununterbrochenen assoziierten Bilder und Vorstellungen scheint auf James Joyces "Ulysses" (1922), der dauernde Wechsel der Szenerie auf John Dos Passos' (1896-1970) Großstadtroman "Manhattan Transfer" (1925) hinzudeuten, und tatsächlich "schneidet" Döblin wie Dos Passos nach Art der Filmtechnik Bilder und Szenen bis zu scheinbarer Zusammenhanglosigkeit. Aber Walter Benjamin wies schon bald nach Erscheinen des Romans darauf hin, daß der "innere Monolog" bei Joyce eine "ganz andere Zielsetzung" und daß das Stilprinzip der Montage bei Dos Passos seine eigentlichen Wurzeln im Dadaismus habe, zu dessen ältesten und echtesten Vätern eben der Frühexpressionist Döblin gehöre. Die verschiedenen Handlungsstränge und ihre Funktion innerhalb des Romanganzen werden durch dauernden Wechsel der sprachlichen Mittel Berliner Jargon, Bibelsprache, Schlager und Moritatenton, Werbeslogans, Zeitungsdeutsch, Statistiken, schnoddrige Einwürfe des Autors deutlich gemacht. Döblin will Gegensatz zu Dos Passos die Großstadtatmosphäre nicht nur realistisch beschreiben: Biblische Leitmotive überhöhen die Turbulenz der Massenwelt ins Apokalyptische; Berlin wird zu Sodom in der Hektik vor dem Untergang; die Hure Babylon reitet durch die Stadt (Verkündigungen aus den Büchern "Jeremia" und "Hiob" sind in den Text eingefügt), die schrecklichen Engel schreiten unsichtbar durch die Straßen, auf denen sich Menschenmassen im Totentanz wiegen. Urteilende, belehrende, erklärende, warnende, skeptische Kapitelüberschriften kommentieren das Geschehen. Diese ganze expressionistischnaturalistischmystische Vielstimmigkeit ist, nach Döblins eigenen Worten, nicht Dos Passos' "USA"Trilogie polyphon, sondern homophon komponiert, bezogen auf den kleinen Mann Biberkopf, die aus der Masse zum Leiden und zur Erlösung auserwählte Kreatur. Er, der typische "Mitläufer", in dem Döblin ahnungslos den Menschentypus der wenig später beginnenden Schreckenszeit schilderte, muß sich von der Faszination einer Stärke freimachen, die ihn zum willenlosen Werkzeug eines Verbrechers erniedrigt hatte. Wie ein Spruchband hängt der Bänkelsängervers über dem demütigen "neuen Menschen" Biberkopf: "Wach sein. Dem Menschen ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden statt dessen eine Zunft."

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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