1918-33

[Buch: Rainer Maria Rilke "Duineser Elegien" (Buchdeckel), 1923]

[Buch: Rainer Maria Rilke "Duineser Elegien" (Titelblatt), 1923]












Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien


Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke, begonnen Anfang 1912 auf Schloß Duino bei Triest, fortgesetzt 1913 und 1915, vollendet im Februar 1922 in Muzot (Wallis); erschienen 1923. Dem Werk ist als Widmung vorangestellt: »Aus dem Besitz der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe«. Die "Duineser Elegien" gehören durch ihren eigenwilligen sprachlichen Duktus, ihre kühne Metaphorik, ihre verschlüsselte Symbolik und durch ihren oft entlegene Bezüge und Überlieferungen aufnehmenden Gedankengehalt zu den am schwersten zugänglichen Werken der neueren deutschen Lyrik. Ihre Schwierigkeiten entsprechen dem hier verwirklichten dichterischen Anspruch Rilkes, in der Form hoher Lyrik nicht nur die Daseinsproblematik des neuzeitlichen Menschen, ja des Menschen überhaupt auszusagen, sonder darüber hinaus eine mythische Sinngebung dieses Daseins - außerhalb der überlieferten religiösen Systeme - zu verkünden und damit eine Sinngebung der Existenz und Aufgabe des neuzeitlichen Dichters zu verbinden. Daher ist diesem Gedicht ein hoher Stil gemäß. Die von Rilke gewählte Form der Elegie bezeugt die entscheidende Wendung seiner Dichtung ins Mythische und zugleich die einer in Deutschland von Klopstock und Hölderlin begründeten dichterischen Tradition, in der antike Formen der Gestaltung eines eigenen prophetischen Auftrags dienen. Der Begriff »Elegie« wird dabei von seiner ursprünglichen formalen Bestimmung (Gedicht in Distichen) weitgehend gelöst; er ist hier als »Klagegesang« in weit ausgreifender rhythmischer Bewegung zu verstehen. Nachklänge des antiken Metrum sind in den meist daktylischen Langzeilen spürbar; nur in zwei der zehn Elegien, der vierten und der achten, in denen die Klage reflektierend verhält, verwendet Rilke das rhythmisch gebändigte Metrum des Blankverses. Der oft über weite Satzbögen hinwegströmende, gelegentlich durch epigramatische Kurzzeilen gleichsam »angehaltene« Rhythmus der übrigen Elegien wird durch das Pathos einer Sprache gesteigert, die durch syntaktische Umstellungen und Verkürzungen, ungewöhnliche Verbalformen, gewagte Wortneubildungen und Sinnverfremdungen ihren unverwechselbaren Ton erhält. In dieser »Sprache des Äußersten« wie auch in der intensiven, Innerstes vergegenständlichenden Metaphorik sind Verbindungen zum Expressionismus zu erkennen.

Die "Duineser Elegien" haben zahlreiche, sich oft widersprechende Deutungsversuche hervorgerufen. Obgleich sich Rilke selbst wiederholt gegen christliche Interpretation seines Werkes gewandt hat, wurde diese religiöse Botschaft doch immer wieder als Schlüssel zum Verständnis der Elegien herangezogen, sei es in bewußten Wendung gegen den Dichter selbst, sei es als Frage danach, in welcher Weise Topoi, Symbole und Denkmuster des Christentums in Rilkes Werk aufscheinen. Die metaphysische Dimension der Elegien, ihr Versuch einer Sinngebung für menschliches Leid wie für den Tod selbst hat daneben zahlreiche existenzphilosophisch geprägte, zumeist an Martin Heidegger orientierte Auslegungen provoziert. Daneben polarisierte sich die mittlerweile kaum mehr überschaubare Sekundärliteratur zu den "Duineser Elegien" schon in den fünfziger Jahren in der Frage, wieweit das Werk als allgemeinmenschliche Lebens- und Daseinsdeutung, als Entwicklung hin zum Mythos oder als symbolische Gestaltung der individuellen Dichterproblematik zu verstehen sei.

Die neuere Forschung steht diesen Versuchen, das Werk auf eine interpretatorisch immer schon vorbestimmte zentrale Fragestellung zurückzuführen zunehmend skeptisch gegenüber; Rilke selbst unterläuft diese Ansätze durch eine Bildsprache, die gerade nicht auf begriffliche Setzungen oder eine stimmige, in sich geschlossene Systematik sich verpflichtet wissen will. Das Prinzip der Offenheit (oder Komplexität), das die "Elegien" charakterisierst konstituiert einen poetischen Gegenentwurf zu einer Welt, in der - durch Technik, Wissenschaft und rationale Organisation - die Imagination des Subjekts zunehmend weniger Anhalt findet: »Mehr als je / fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn / was die verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild«, heißt es in der neunten Elegie. Das falsche Ich findet für seine Befindlichkeit, für seine »Innenwelt« kaum mehr allgemein verbindliche Entsprechungen in der Außenwelt, sondern muß diese aus sich selbst heraus schaffen; insofern zielen die "Duineser Elegien" darauf ab, »die Situation der Zeit mit einem Gefüge von Bildern und konkreten Einzelszenen auszudrücken - also poetisch die äußeren Äquivalente zu schaffen, die es in der Lebenswelt« des frühen 20. Jh.s »nicht mehr gibt«. Daß dieses »Gefüge« wesentlich ästhetisch motiviert ist, verweist auf die Entfremdungserfahrung, worauf dieses Werk reagiert und worin es den beiden anderen 1922 vollendeten Meisterwerken der Weltliteratur vergleichbar ist, T. S. Eliot "The Waste Land" und James Joyce "Ulysses"; es verweist aber auch auf die Eigentümlichkeit und zugleich die Begrenztheit des Rilkeschen Entwurfs, sein - wiederholt als »Narzißmus« kritisierter - Drang, den Menschen als »Ding« zu betrachten, das Projektionen des Subjekts keinen Widerstand entgegensetzt, oder seine Tendenz, gesellschaftliche Verhältnisse zu verklären oder als natürliche zu poetisieren.

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(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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