1918-33

[Buch: Erich Kästner "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" (Buchdeckel), 1931]

[Buch: Erich Kästner "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" (Titelblatt), 1931]











Erich Kästner: Fabian - Die Geschichte eines Moralisten


Der satirischer Roman von Erich Kästner, erschien 1931. Das Werk gilt als eine der brillantesten Satiren auf deutsche, insbesondere Berliner Zustände in der Weimarer Republik am Ende der zwanziger Jahre und während der großen Weltwirtschaftskrise um 1930.

Titelheld ist der zweiunddreißigjährige Germanist Dr. Jakob Fabian, bisher Adressenschreiber, nun Reklametexter für eine Zigarettenfirma, ein »zarter Ironiker«, der »auf den Sieg der Anständigkeit wartet«, nicht gerade lebenstüchtig ist und von den Menschen immer wieder übervorteilt wird. Als Moralist ist Fabian ein scharfer Beobachter des Lebens, und da er selbst es mit der bürgerlichen Moral nicht allzu genau nimmt, lernt er Menschen aus allen sozialen Schichten kennen. Ein erotisches Abenteuer löst das andere ab, er erkennt die Verlogenheit scheinbar reputierlicher bürgerlicher Familienverhältnisse, besucht Etablissements für sexuell Abartige, säuft mit Journalisten und bekommt Einblick in die gewissenlose Manipulation von Nachrichten und Meinungen. - Parallel zu dieser Handlung läuft die Geschichte seines Freundes Labude, eines Literaturwissenschaftlers, der sich mit einer Arbeit über Lessing habilitieren will. Mit ihm teilt Fabian die Neigung zu pessimistischem, sozialkritischem Philosophieren, aber während Labude anfangs noch politisch zu handeln versucht, ist Fabian passiver Beobachter aus »Angst, das Glas zwischen ihm und den anderen könnte zerbrechen«. Bei einem Besuch im Atelier einer lesbischen Bildhauerin trifft Fabian die junge Juristin Cornelia Battenberg. Die beiden verlieben sich ineinander und erleben einige Tage gemeinsamen Glücks. Als Fabian plötzlich arbeitslos wird, läßt Cornelia sich, teils um ihm zu helfen, teils um Karriere zu machen, mit einem Filmmagnaten ein und wird dessen Geliebte. Schließlich trennt sie sich von Fabian. Dieser nimmt nach vergeblichem Bemühen um eine Stellung und todunglücklich über den Verlust Cornelias sein Lotterleben wieder auf Labude, der inzwischen die Nachricht erhalten hat, daß seine Habilitationsschrift nicht angenommen worden sei, schreibt Fabian einen Abschiedsbrief und erschießt sich. Sein Selbstmord erweist sich als »tragischer Witz«, denn ein mißgünstiger Assistent hatte ihm die Ablehnung der Habilitationsschrift nur vorgelogen.

Fabian geht nun in seine Heimatstadt in der Provinz zurück und führt dort bei seinen Eltern ein Leben verzweifelter Langeweile. Schließlich wird ihm ein Posten bei einer rechtsgerichteten Zeitung angeboten, den er, da ihm Gesinnungslumperei zuwider ist, ablehnt. Seinen Plan, für einige Wochen ins Gebirge zu fahren, kann er nicht mehr ausführen: Auf einem Gang durch die Stadt sieht er, wie ein kleiner Junge in den Fluß fällt. Ohne sich zu besinnen, springt Fabian ihm nach, um ihn zu retten. Aber: »Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.« Dieses gleichnishafte Ende ist zugleich die letzte und treffendste Kennzeichnung Fabians: ihm als Moralisten war es unmöglich, im trüben Strom der zeitgenössischen Moral und Inhumanität mitzuschwimmen. Der ursprüngliche Titel dieser Moralsatire, den der Verleger jedoch nicht akzeptierte, lautete: "Der Gang vor die Hunde". Nach Kästners eigener Aussage sollte damit »schon auf dem Buchumschlag deutlich werden, daß der Roman an bestimmtes Ziel verfolgte: Er wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherten! Er wollte mit angemessen, und das konnte in diesem Falle nur bedeuten, mit allen Mitteln in letzter Minute Gehör und Besinnung erzwingen.« - Fabian spricht aus, wie der Autor selbst damals Berlin sah: »Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.« Für Fabians kleine Heimatstadt gilt dasselbe, nur mit umgekehrten Vorzeichen: »Hier hatte Deutschland kein Fieber. Hier hatte es Untertemperatur.«

Ähnlich wie Kästners erste Versbände ist der "Fabian" der Spätphase der sogenannten »Neuen Sachlichkeit« zuzurechnen. Szenen und Figuren des Romans sind zur Erhöhung der satirischen Wirkung überdehnt, Laster wie Tugenden erscheinen verzerrt oder komisch. Fabians eigene moralische Schwächen fallen nicht ins Gewicht gegenüber den allgemein zerrütteten Zuständen. Dem zügigen Tempo der Erzählung, das durch den Szenenwechsel noch gesteigert wird, entspricht die einfache, parataktisch reihende Syntax. Schlagfertigkeit und Witz, Ironie und Schnodderigkeit zeichnen die Dialoge aus. Das Buch fand ein weites Echo und erlebte bis heute viele Übersetzungen und Neuauflagen.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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