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Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. BarbaraDie Erzählung von Anna Seghers erschien 1928. Auf knapp neunzig Seiten fügt dieses Erstlingswerk, das der Autorin 1929 den Kleistpreis eintrug, eine Fülle von wie unverbunden nebeneinandergesetzer Episoden im zeitlichen Verlauf eines Dreivierteljahres zur Anatomie eines vergeblichen Aufstandes von Fischern gegen ihre Ausbeutung durch die Reeder zusammen. Spunghaft gegliederte epische Kurzszenen, Schilderungen und Einblendungen lassen die Physiognomie eines dörflichen Kollektivs entstehen und verzeichnen dessen Reaktionen und blutiges Aufbegehren, das im Oktober eines ungenannten Jahres anhebt und im folgenden Frühsommer niedergeschlagen wird. Der Verzicht der Autorin auf eindeutige Datierung und örtliche Fixierung entspricht der Darstellungsabsicht, die nicht einen historischen Einzelfall, sondern in ihrem generell zu verstehenden Bericht das Exemplare der Unterdrückung Besitzloser durch die Besitzenden gestalten will. Die Heillosigkeit der entsprechenden Gesellschaftsordnung enthüllt sich am Schicksal dreier sozialer Außenseiter, des Meuterers Hull, des verwaisten jungen Andreas Bruyn und der Prostituierten Marie. Zu ihnen gehört auch der Fischer Kedennek, dem seine Existenz als Familienvater unsinnig erscheint und dessen von ihm selbst provoziertes Ende als Flucht vor dem häuslichen Vegetieren empfunden wird. Ihr Verhalten und ihr Tod repräsentierten, von der Gemeinschaft getragen, stellvertretend das Geschick des Aufbegehrens. Hull, ein weitgereister Seefahrer, der sich nach der Teilnahme an einem Aufstand der Exekution entziehen konnte, wird bei seiner Ankunft bald zum Zentrum des Aufbegehrens an der Küste um St. Barbara. Die Armut zweier schlechter Jahre, in denen die Fanganteile und die Preise heruntergingen, lastet auf dem Ort. Hulls Erscheinen gibt den Ausschlag, bisher nur beredete Pläne, die Verhältnisse zu ändern, in die Tat umzusetzen. Er organisiert eine Zusammenkunft aller Fischer aus den benachbarten Küstenorten; man beschließt, daß kein Boot im Frühjahr ausfahren soll, wenn nicht die Reeder neue Tarife einräumen. Der letzte Abschnitt der Erzählung setzt mit dem der Ausfahrt unmittelbar vorausgehenden Pfingstmarkt ein. Marie verweigert sich einem der jungen Reedereibesitzer, der daraufhin von den empörten Fischern niedergeschlagen wird. Die anscheinende Demonstration vor den Büros der Reedereigesellschaft hat nur zur Folge, daß ein Regiment Soldaten in die Stadt verlegt wird, denen als erster der Fischer Kedennek zum Opfer fällt, als er sich bei der Blockade des Seglers »Marie Farère« exportiert. Andreas Bruyn, der den zweiten Versuch, die Ausfahrt zu erzwingen, vereitelt, verbirgt sich in den Klippen, wird aber bei seiner Rückkehr ins Dorf festgenommen und erschossen. Ein ähnlich zwanghaftes Verhängnis treibt den schon entkommenen Hull nach St. Barbara zurück, in die Verhaftung und in den sicheren Tod. Das Ende ihrer Helferin Marie bleibt ungewiß. Die Fischer fahren verspätet aus, zu den Bedingungen der Vorjahre, von den Ereignissen allerdings für die Zukunft verändert. »Aber längst, nachdem die Soldaten zurückgezogen, die Fischer auf der See waren, saß der Aufstand noch auf dem leeren, weißen, sommerlich kahlen Marktplatz und dachte ruhig an die Seinigen ...« Die Erzählung, dem Stil der Novellen Kleist verpflichtet, ist ein bedeutendes Dokument der Neuen Sachlichkeit. Eine herbe, betont ungefällige Sprache, der lapidare, asyndetische, auf streng objektive Wiedergabe der naturhaften Dinglichkeit gerichtete Stil und die episodisch-lockere Kompositionsweise kennzeichnen den Ausdruckscharakter der Erzählung, die bei einem scheinbar ganz kunstlosen Duktus eine eigenartige karge Schönheit gewinnt. Die Erzählerin tritt hinter dem Geschehen allenfalls mit einem allgemeinen, sentenzartigen Kommentar hervor und erzählt einheitlich aus der Persepektive der Fischer, aussparend, beiläufig, sich jeden dramatische Effekt versagend, Seelischer Motivationen, wie das ihre Protagonisten bewegenden Solidaritätserlebnis, werden nur angedeutete. Die unsentimentale Art des Erzählens, die das Geschehen sich in einer Atmosphäre balladesken Verhängnisses vollziehen läßt, drängt nirgends doktrinäre Anklage auf, sondern überantwortete die Frage nach der Schuld dem in Distanz gehaltenen Leser. Die Erzählung der 1929 in die KP eingetretenen Autorin wurde 1934 von Erwin Piscator in der Sowjetunion verfilmt. (Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)
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