1918-33

[Buch: Arnold Zweig "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (Buchdeckel), 1928]

[Buch: Arnold Zweig "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (Titelblatt), 1928]












Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa


Arnold Zweigs berühmter, 1927 erschienener Roman wurde 1917 konzipiert und 1921 zunächst als Drama niedergeschrieben ("Das Spiel um den Sergeanten Grischa"; Uraufführung war am 31. März 1930 im Berliner Theater am Nollendorfplatz). Ursprünglich war der Roman als Mittelstück einer vom Autor selbst so bezeichneten "Trilogie des Übergangs" vorgesehen und wurde später mit anderen, zeitlich und in ihrem Handlungsgefüge während des Ersten Weltkriegs spielenden Romanen des Autors ("Junge Frau von 1914", 1931; "Erziehung vor Verdun", 1935; "Einsetzung eines Königs", 1937; "Die Feuerpause", 1954; "Die Zeit ist reif", 1958) dem unvollendeten Romanzyklus "Der große Krieg der weißen Männer" zugeordnet.

Die Handlung des Romans entwickelt sich aus einem novellistischen Kern, einer extremen Konfliktsituation zwischen Individuum und Staat. Unstillbares Heimweh treibt den Sergeanten Grigorij Iljitsch Paprotkin, genannt Grischa, zur Flucht aus einem deutschen Gefangenenlager, die jedoch mißlingt. Der Rat seiner Geliebten, der Partisanenführerin Babka, er solle sich als Überläufer Bjuschew ausgeben, erweist sich bei der erneuten Gefangennahme Grischas als verhängnisvoll: Nun verdächtigen ihn die deutschen Militärbehörden als russischen Spion und verurteilen Paprotkin alias Bjuschew zum Tode. Es hilft ihm nichts mehr, daß er seine wahre Identität überzeugend beweisen kann und daß das zuständige Kriegsgericht das Todesurteil revidiert. Der vorgesetzte Generalquartiermeister ignoriert die juristische Zuständigkeit des Divisionskommandanten und läßt das Urteil vollstrecken.

Aber nicht primär um die Person Grischas geht es in diesem Roman, sondern um die politische Moral, an der dieser exemplarische Konflikt sich entzündet. »Um Deutschland geht es uns...; daß in dem Land, dessen Rock wir tragen, und für dessen Sache wir in Dreck und Elend zu verrecken bereit sind, Recht richtig und Gerechtigkeit der Ordnung nach gewogen werde. Daß dies geliebte Land nicht verkomme, während es zu steigen glaubt. Daß unsere Mutter Deutschland nicht auf die falsche Seite der Welt gerate. Denn wer das Recht verläßt, der ist erledigt.« Trauer und Resignation sprechen aus diesem Bekenntnis einer Romanfigur, das zugleich ein Credo des Schriftstellers Zweig sein könnte. Nicht um Kompetenzfragen allein entbrennt der Streit, sondern um der »moralischen Existenz« des preußischen Staates willen, die der General von Lychow und die Männer seiner Division gegen den unrechtmäßigen Übergriff des Generalmajors Schieffenzahn zu verteidigen suchen. Die Frage, wieviel das Ethos eines Staates noch gilt, eines Staates, der Unrecht duldet und im Namen der Justiz sogar Unrecht verübt, bewegt in diesem Roman den General von Lychow und seinen Neffen und Adjutanten, Oberleutnant Winfried, mit gleicher Vehemenz wie den jüdischen Kriegsgerichtsrat Posniaski und den jüdischen Literaten Bertin. Denn der autoritäre Pragmatiker Schieffenzahn, das kaum verhüllte Konterfei Erich Ludendorffs, fordert Grischas Kopf: Der Staat schafft das Recht, der einzelne ist eine Laus. - In einer »Revolution von oben« bekämpft Lychow, der altpreußisch fühlende Nachkomme des Prinzen von Homburg, diesen inhumanen Standpunkt: »Entweder bestand Deutschland auf Rechttun nach der Einsicht seiner Träger, und lediglich das Gewissen des Verantwortlichen, das Rechtsgefühl in der Brust eines sachlichen Menschen verbürgte unumschränkt entscheidend die Richtigkeit seines Rechts - oder Dreinreden jeder Art war möglich...« Doch des Generals »politische Theologie» geht im seelenlosen Getriebe der modernen Kriegsmaschinerie ebenso zugrunde wie der unschuldige Russe; der ethische Verfall des altpreußischen Staatsgedanken läßt sich nicht mehr aufhalten: »Deutschland als Macht geht auf wie ein Napfkuchen, Deutschland als Sittlichkeit schrumpft ein zur Fadendünne.«

Die Strategen des imperialistischen Machtwahns behalten die Oberhand und nehmen auf die Kategorien von Moral und Recht genausowenig Rücksicht wie auf ein Menschenleben. Der vergebliche Kampf der - damals immerhin noch real möglichen - Allianz preußischer Militärs und jüdischer Intellektueller läßt die kommende Katastrophe schon vorausahnen.

Unbewußt und ohne es zu wollen setzt Grischa mit seinem privaten Präzedenzfall einen Prozeß in Gang, den der Erzähler mit souveränem Einblick in dialektische Strukturen analysiert, um hinter dem erzählten Geschehen die soziopolitischen Voraussetzungen einer pathologischen Erschütterung des gesellschaftlichen Bewußtseins zu diagnostizieren. Er ordnet Ereignisse und Vorgänge, Ursachen und Wirkungen, Handelnde und Betroffene zueinander und gegeneinander in dem Bewußtsein, »daß jedes Geschehen auf anderes Geschehen Einfluß nahmen konnte.«

Wie seine Vorbilder, allen voran Theodor Fontane (1819-1898) und die russischen Realisten des 19. Jahrhunderts, hegt Zweig keinerlei Zweifel an der Erzählbarkeit dieser Welt und entwirft mit virtuosem Kunstverstand auf dem Grundriß einer streng geführten Fabel sein episches Gesellschaftsbild, in dem trotz kritischer Ansätze und vereinzelter Hinweise jenes sozialistische Bewußtsein gerade nicht dominiert, das die sozialistische Literarurkritik für Zweigs Gesamtwerk beansprucht hat.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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