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1918-1933Kunst und Kultur
Politik und
Kultur waren aufs engste verwoben, und oft stellte sich der künstlerische
Innovationsgeist in den Dienst einer politischen Partei. Viele
Künstler und Intellektuelle wie John Heartfield und Otto Griebel begeisterten sich für die
Ideale der Revolution von 1918/19 und für kommunistische Ideen. Sie stellten ihr Schaffen ebenso in den Dienst einer revolutionär-proletarischen Kunst wie es Käthe Kollwitz mit ihren Bildern für den Pazifismus tat.
Auch die relativ stabile mittlere Phase der Republik schlug sich
fruchtbar in der Kunst nieder. Die Maler der Neuen Sachlichkeit versuchten ein scharfes Bild der Wirklichkeit zu skizzieren und lösten damit das Pathos der früheren Weimarer Jahre ab. In der Architektur und im Design trat eine kühle Nüchternheit in den Vordergrund. Zum Symbol der ästhetischen Moderne wurde das in Weimar gegründete Bauhaus mit seinem betont nüchternen Programm.
Die Literatur erlebte ab der Mitte der 20er Jahre eine Blütezeit. Zu einem vielgelesenen Klassiker avancierte der 1924 erschienene Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann. 1929 erhielt Mann den Literaturnobelpreis, allerdings vornehmlich für sein Prosawerk "Die Buddenbrooks" von 1901. Weltruf erlangte 1927 auch Hermann Hesse mit "Der Steppenwolf". Gesellschaftskritische Unterhaltung boten die anspruchsvollen Sozialreportagen von Egon Erwin Kischs "Rasendem Reporter" (1925) und Arnold Zweigs Roman "Streit um den Sergeanten Grischa" (1927). Aus der Generation der Frontsoldaten beschrieben Ludwig Renn in "Krieg" (1928) und Erich Maria Remarque in "Im Westen nichts Neues" (1929) die Schrecken des Ersten Weltkrieges. Das vielfältige kulturelle und literarische Leben in der Weimarer Republik erlaubte es auch schreibenden Frauen, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Vor allem Berlin als Stadt mit den meisten Verlagen, Zeitschriften, Theatern und Cafes übte eine große Anziehungskraft aus. Zentraler Treffpunkt für Künstler war das Romanische Cafe gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (heute: Europa-Center). Hier wurden neue Texte verfasst, vorgetragen und diskutiert. Regisseure, Literaten, Schauspieler, Kunsthändler und Maler machten die kulturelle Szene unüberschaubar.
Auch der Sport zog in der Weimarer Republik ein Massenpublikum an. Zum Fußball, im Kaiserreich noch als "undeutsche Fußlümmelei" verspottet, strömten wöchentlich Hunderttausende in die Stadien.
Die Radioprogramme folgten einem Massengeschmack und förderten die Verbreitung schnell abwechselnder Unterhaltungsschlager und Gesellschaftstänze. Zum Lebensstil der Zwanziger gehörten vor allem die Tanzvergnügen. Der Charleston wurde zum beliebtesten amerikanischen Modetanz in Deutschland. Für seine Verbreitung sorgten nicht zuletzt die "Chocolate Kiddies" mit Musik von Duke Ellington (1899-1974), die ab Mai 1925 als eines der ersten amerikanischen Jazzorchester in Berlin auftraten. Der Revuestar Josephine Baker gastierte 1927 mit ihrer "Charleston Jazzband" in Berlin und sorgte durch ihren "wilden" Tanzstil sowie ihre leichte Bekleidung mit Bananenröckchen für Aufregung. Die Prüderie des wilhelminischen Deutschlands machte - zumindest in den Großstädten - einer nie gekannten, hemmungslosen Vergnügungssucht mit sexueller Freizügigkeit Platz, die in Schlagertexten, großen Nacktrevuen und Darbietungen in kleinen Kabaretts ihren Ausdruck fand. Vor allem der Jazz infizierte die Vergnügungshungrigen. Revuen und Tanzlokale schossen in den Großstädten wie Pilze aus dem Boden. Die für die Tänze notwendige Bewegungsfreiheit hatte die "Neue Frau" in knielangen Hemdkleidern. Das Leben pulsierte, es pulsierte in den Großstädten und vor allem in Berlin, dem kulturellem Zentrum Deutschlands und neben Paris und London die europäische Kulturmetropole schlechthin.
Die mit 4,3 Millionen Einwohner drittgrößte Stadt der Welt zog Talente und "Glücksritter" aus ganz Europa geradezu magisch an. "Jeder einmal in Berlin!" lautete der 1928 entstandene weltweit erste Werbeslogan für Stadttourismus.
Die proletarische Kultur mit ihren speziellen Arbeiterliedern war noch in großen Teilen "links", aber
die Anhängerschaft der rechten Heilsverkünder wuchs
stetig. Der politische Kampf zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten
wurde auch zum Kulturkampf, die Weltanschauungen konkurrierten
auf Bühnen und in Zeitschriften miteinander. Theaterkollektive warben mit revolutionären Werken ebenso für den Kommunismus wie die "Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands" (ASSO). Kurt Tucholsky wandte sich 1929 mit einem für den rechten politischen Gegner zynischen "Deutschland, Deutschland über alles" gegen Nationalismus und Militarismus. In diesen letzten
Jahren der Republik entstanden, sozusagen beflügelt durch
die Konfrontation mit den Nationalsozialisten, einige ihrer interessantesten
Werke. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete 1933 die kulturelle Vielfalt in Deutschland schlagartig.
(cj/as)
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