Spiel in fünf Akten nach dem Chinesischen
Das Märchenspiel von Klabund hatte seine Uraufführung im Stadttheater Meißen am
1. Januar 1925.
Der Mandarin und Steuerpächter
Ma hat den von einer Mißernte betroffenen Seidenraupenzüchter
Tschang durch seine unerbittlichen Forderungen in den Tod getrieben.
Frau Tschang sieht sich gezwungen, ihre Tochter Hai-tang an ein
Freudenhaus zu verkaufen, zumal ihr Bruder Tschang-ling, ein passiver
Gegner des herrschenden Systems sozialer Ausbeutung, nichts zum
Unterhalt der Familie beiträgt. Hai-tang scheint das Glück
in Gestalt des kaiserlichen Prinzen Pao zu winken, der eine tiefe
Zuneigung zu ihr gefaßt hat, da wird sie von Ma, der Pao
überbietet, als Nebenfrau gekauft. Mas erste Frau Yü-pei
ist kinderlos geblieben, und als sie erfährt, daß Ma
sich zugunsten Hai-tangs, die ein Kind zur Welt gebracht hat,
von ihr trennen will, vergiftet sie den Mandarin mit Hilfe ihres
Geliebten, des Gerichtsbeamten Tschao. Beide wissen den Mordverdacht
auf Hai-tang zu lenken und durch Bestechung Zeugen zu gewinnen,
die Yü-pei als wahre Mutter des Kindes ausgeben. Der korrupte
Richter Tschu-tschu ist ihnen willfährig, und die wehrlose
Hai-tang wird zum Tode verurteilt. Ihr Bruder Tschang-ling, der
inzwischen Mitglied der "Bruderschaft vom weißen Lotos"
geworden ist und das feudale System mit Gewalt stürzen will,
lästert Richter und Kaiser und wird ebenfalls verurteilt.
Inzwischen ist Prinz Pao zum neuen Kaiser gewählt worden.
Er ist ein wahrer Freund der Armen und Entrechteten, will das
Bestechungswesen unterbinden und ruft alle zum Tod Verurteilten
und ihre Richter nach Peking. Um den Streit der Mütter zu
schlichten, stellt er das Kind in den Kreidekreis: "Die rechte
Mutter wird die Kraft besitzen, den Knaben aus dem Kreis zu sich
zu ziehn." Yü-pei reißt das Kind unsanft an sich,
Hai-tang läßt es los, um ihm nicht weh zu tun. Daran
erkennt Pao die wahre Mutter und kann nun auch Yü-pei des
Gattenmords überführen. Hai-tang soll selbst das Urteil
sprechen, fordert aber jeden auf, in Freiheit sich selbst zu richten,
da sie sich ihrerseits nicht für unfehlbar und schuldlos
hält. Tschang-ling, dessen Gerechtigkeitssinn Pao erkannt
hat, soll anstelle Tschu-tschus Richter werden. Dann aber erinnert
Pao Hai-tang an ihre erste Nacht im Hause Mas, als sie auf ihren
Wunsch allein schlief. Ihr Traum damals, Prinz Pao habe sie umfangen,
ist Wahrheit, der Knabe in Wirklichkeit sein Sohn. Als Gemahlin
des Kaisers sieht sich Hai-tang für ihre edle Haltung belohnt.
Die Vorlage des für die österreichische Schauspielerin
Elisabeth Bergner (1887-1986) geschriebenen märchenhaften
Stücks war ein altchinesisches Singspiel, dessen Typenfiguren
Klabund zu Charakteren umformte und dessen Szenenfolge er zu einer
westlichem Empfinden angemessenen Steigerung führte. So entstand
ein west-östliches Gebilde ("Es sollte sein, wie wenn
jemand von China träumt"), dessen wesentliche Themen
und Motive in der Symbolik des Kreidekreises verdichtet sind.
Der Kreidekreis versinnbildlicht gerechtes Handeln ("Gerechtigkeit,
sie sei dein höchstes Ziel, / Denn also lehrt's des Kreidekreises
Spiel") und ist darüber hinaus Symbol der Versöhnung
von Liebe und Ehe, von Hoffnung und Leben, Schicksal und All.
Die Gegensätze lösen sich in ihm östlicher Weisheit
gemäß wie in der Einheit des in sich selbst kreisenden
Alls. Damit wird der Kreidekreis zum Spiegel von Hai-tangs demütiger
Lebensweisheit, die sich hier der antagonistischen Denkweise des
Bruders, der an die Tat und den Haß glaubt, als überlegen
erweist. Offenbar will Klabund in Hai-tang zugleich symbolisch
eine Funktion der Poesie aufdecken: Ihre Waffe ist allein die
versöhnende Rede, in der Hai-tangs etwas dunkle Natur- und
Allmystik einen angemessenen musikalischen Ausdruck findet.
Wenn Klabund zur Versöhnung der politisch-gesellschaftlichen
Antagonismen auf die unpolitische fernöstliche Lebensphilosophie
zurückgreift, so ist damit die inhaltliche Problematik des
durchsichtig gefügten, kammerspielartigen Stücks bezeichnet,
das seinerzeit mit großem Erfolg aufgeführt wurde.
Bertolt Brecht, der für das chinesische Theater und
seine Verfremdungstechnik sehr empfänglich war, fand in Klabunds
Spiel die für seinen dramatischen Stil typische Vermischung
epischer und lyrischer Partien vorgebildet und übernahm von
ihm das Spielmoment des Kreidekreises, um es in seinem Stück
"Der kaukasische Kreidekreis" (1948) zum Sinnbild sozialistischer
Praxis zu erheben.
(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)