1918-33

[Buch: Klabund "Kreidekreis" (Buchdeckel), 1925]

[Buch: Klabund "Kreidekreis" (Titelblatt), 1925]











Klabund: Der Kreidekreis


Spiel in fünf Akten nach dem Chinesischen

Das Märchenspiel von Klabund hatte seine Uraufführung im Stadttheater Meißen am 1. Januar 1925.
Der Mandarin und Steuerpächter Ma hat den von einer Mißernte betroffenen Seidenraupenzüchter Tschang durch seine unerbittlichen Forderungen in den Tod getrieben. Frau Tschang sieht sich gezwungen, ihre Tochter Hai-tang an ein Freudenhaus zu verkaufen, zumal ihr Bruder Tschang-ling, ein passiver Gegner des herrschenden Systems sozialer Ausbeutung, nichts zum Unterhalt der Familie beiträgt. Hai-tang scheint das Glück in Gestalt des kaiserlichen Prinzen Pao zu winken, der eine tiefe Zuneigung zu ihr gefaßt hat, da wird sie von Ma, der Pao überbietet, als Nebenfrau gekauft. Mas erste Frau Yü-pei ist kinderlos geblieben, und als sie erfährt, daß Ma sich zugunsten Hai-tangs, die ein Kind zur Welt gebracht hat, von ihr trennen will, vergiftet sie den Mandarin mit Hilfe ihres Geliebten, des Gerichtsbeamten Tschao. Beide wissen den Mordverdacht auf Hai-tang zu lenken und durch Bestechung Zeugen zu gewinnen, die Yü-pei als wahre Mutter des Kindes ausgeben. Der korrupte Richter Tschu-tschu ist ihnen willfährig, und die wehrlose Hai-tang wird zum Tode verurteilt. Ihr Bruder Tschang-ling, der inzwischen Mitglied der "Bruderschaft vom weißen Lotos" geworden ist und das feudale System mit Gewalt stürzen will, lästert Richter und Kaiser und wird ebenfalls verurteilt. Inzwischen ist Prinz Pao zum neuen Kaiser gewählt worden. Er ist ein wahrer Freund der Armen und Entrechteten, will das Bestechungswesen unterbinden und ruft alle zum Tod Verurteilten und ihre Richter nach Peking. Um den Streit der Mütter zu schlichten, stellt er das Kind in den Kreidekreis: "Die rechte Mutter wird die Kraft besitzen, den Knaben aus dem Kreis zu sich zu ziehn." Yü-pei reißt das Kind unsanft an sich, Hai-tang läßt es los, um ihm nicht weh zu tun. Daran erkennt Pao die wahre Mutter und kann nun auch Yü-pei des Gattenmords überführen. Hai-tang soll selbst das Urteil sprechen, fordert aber jeden auf, in Freiheit sich selbst zu richten, da sie sich ihrerseits nicht für unfehlbar und schuldlos hält. Tschang-ling, dessen Gerechtigkeitssinn Pao erkannt hat, soll anstelle Tschu-tschus Richter werden. Dann aber erinnert Pao Hai-tang an ihre erste Nacht im Hause Mas, als sie auf ihren Wunsch allein schlief. Ihr Traum damals, Prinz Pao habe sie umfangen, ist Wahrheit, der Knabe in Wirklichkeit sein Sohn. Als Gemahlin des Kaisers sieht sich Hai-tang für ihre edle Haltung belohnt.

Die Vorlage des für die österreichische Schauspielerin Elisabeth Bergner (1887-1986) geschriebenen märchenhaften Stücks war ein altchinesisches Singspiel, dessen Typenfiguren Klabund zu Charakteren umformte und dessen Szenenfolge er zu einer westlichem Empfinden angemessenen Steigerung führte. So entstand ein west-östliches Gebilde ("Es sollte sein, wie wenn jemand von China träumt"), dessen wesentliche Themen und Motive in der Symbolik des Kreidekreises verdichtet sind. Der Kreidekreis versinnbildlicht gerechtes Handeln ("Gerechtigkeit, sie sei dein höchstes Ziel, / Denn also lehrt's des Kreidekreises Spiel") und ist darüber hinaus Symbol der Versöhnung von Liebe und Ehe, von Hoffnung und Leben, Schicksal und All. Die Gegensätze lösen sich in ihm östlicher Weisheit gemäß wie in der Einheit des in sich selbst kreisenden Alls. Damit wird der Kreidekreis zum Spiegel von Hai-tangs demütiger Lebensweisheit, die sich hier der antagonistischen Denkweise des Bruders, der an die Tat und den Haß glaubt, als überlegen erweist. Offenbar will Klabund in Hai-tang zugleich symbolisch eine Funktion der Poesie aufdecken: Ihre Waffe ist allein die versöhnende Rede, in der Hai-tangs etwas dunkle Natur- und Allmystik einen angemessenen musikalischen Ausdruck findet.

Wenn Klabund zur Versöhnung der politisch-gesellschaftlichen Antagonismen auf die unpolitische fernöstliche Lebensphilosophie zurückgreift, so ist damit die inhaltliche Problematik des durchsichtig gefügten, kammerspielartigen Stücks bezeichnet, das seinerzeit mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Bertolt Brecht, der für das chinesische Theater und seine Verfremdungstechnik sehr empfänglich war, fand in Klabunds Spiel die für seinen dramatischen Stil typische Vermischung epischer und lyrischer Partien vorgebildet und übernahm von ihm das Spielmoment des Kreidekreises, um es in seinem Stück "Der kaukasische Kreidekreis" (1948) zum Sinnbild sozialistischer Praxis zu erheben.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

I. WeltkriegWeimarer RepublikNS-RegimeHome