1918-33

[Buch: Ludwig Renn "Krieg" (Buchdeckel), 1929]

[Buch: Ludwig Renn "Krieg" (Titelblatt), 1929]










Ludwig Renn: Krieg


Der Roman von Ludwig Renn erschien 1928. Dieser autobiographische Roman gehört in die Reihe jener Bücher, worin, rund zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die Generation der Frontsoldaten ihr Kriegserlebnis unter verschiedenen Aspekten und mit wechselnder Intention beschrieb. Während Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" (1920) das erlebte Geschehen noch ohne Wertung durch den Autor wiedergibt, lassen Ernst Glaesers (1902-1963) "Jahrgang 1902" (1928) und Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" (1929) die Wendung gegen den Krieg schon deutlich erkennen.

Der Autor von "Krieg" versetzt sich in die anspruchslose Denkweise des Soldaten Renn zurück und verzichtet darauf, die einzelnen Geschehnisse in der Rückschau reflektierend zu durchdringen. Das verleiht seiner Berichterstattung jene Monotonie, die dem einförmigen Dasein des Frontsoldaten entspricht. Die einzige positive Erfahrung Renns im Inferno des Stellungskriegs und Gaskriegs, in der Materialschlacht an der Somme, in einem Leben, das ihm schwere Verwundungen zufügte und andererseits Auszeichnungen und Beförderungen eintrug, ist die Erfahrung tapferer Kameradschaft. Das Buch endet mit der Schilderung des militärischen Zusammenbruchs, des wachsenden Ungehorsams der Soldaten und des Rückzugs. Die zunehmenden Spannungen zwischen Mannschaft und Offizieren, die den unpolitisch denkenden Renn zunächst befremden und ratlos lassen, verhelfen ihm zuletzt zu einem noch unsicheren politischen Bewußtsein. Dieses Bewußtsein zeichnet die Fortsetzung des Romans aus, die 1930 unter dem Titel "Nachkrieg" erschien. Renn teilt hier seine Erfahrungen in den Jahren des revolutionären Umbruchs (1918 bis 1921) mit. Das macht sein Buch zu einem bemerkenswerten Dokument dieser chaotischen Zeit. Das unübersichtliche gegeneinander von Sozialdemokraten, Sozialisten und Spartakisten, von revolutionärer Arbeiterschaft und reaktionären Kräften spiegelt sich in den verschiedenen politischen Fronten des Militärs. Renn, der vorübergehend Führer einer Sicherheitskompanie ist, distanziert sich zusehends vom Offizierskorps, das seinen wachsenden politischen Einfluß dazu benutzt, die sozialrevolutionäre Bewegung zum Stilltand zu bringen. Der standhaften Weigerung Renns, während des Lüttwitz-Kapp-Putsches auf streikende Arbeiter zu schießen, folgt sein Entschluß, den Dienst zu quittieren und später, wie ein Ausblick am Ende des Romans anzeigt, zur Linken überzuschwenken: Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und in den Roten Frontkämpferbund (RFB) im Jahre 1928.

Erweist sich "Krieg" als die Bestandsaufnahme der typischen Erfahrungen einer enttäuschten Frontgeneration, so zeichnet " Nachkrieg" beispielhaft den Weg vieler desorientierter Kriegsheimkehrer in die Politik. Offenbar hat Renn auf diese historisch dokumentarische Beweiskraft seiner Werke größeren Wert gelegt als auf ihre literarische Qualität. Der Stil wirkt bisweilen ungeschliffen, unbeholfen; die Erzähltechnik beschränkt sich auf kunstlose Berichterstattung, in der die Details meist unreflektiert bleiben und atmosphärische Dichte nur selten erreicht wird. Dieser Mangel zeigt sich zumal in jenen Passagen, wo Renn typische Augenblicke im Krieg, wie Gefechtslärm oder Artilleriefeuer, in betont realistischem Sprachgestus festzuhalten sucht: "Ramm! ramm! ramm! ramm! hinter uns in den Grund. Gramm! rapp! rapp! bramms! kräck! ramm! Funkensprühen am Boden." Ihre ungewöhnlich hohen Auflagen verdanken Renns Autobiographien dem Umstand, daß ihr unpathetischer Zweifel an Krieg und reaktionäre Politik der skeptischen Neuen Sachlichkeit entsprach, die auch den Kriegsbüchern Remarques und Glaesers zu durchschlagendem Erfolg verhalf .

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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