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1918-1933Die Revolution von 1918/19
Am Morgen des 9. November erreichte die revolutionäre, antimonarchische Stimmung Berlin.
Aufgerufen von Revolutionären Obleuten, zumeist dem linken
Flügel der USPD nahestehende Vertrauensleute in den Betrieben,
traten die Arbeiter in den Ausstand. Zu Hunderttausenden
formierten sie sich zu gewaltigen Demonstrationszügen durch
das Zentrum der Reichshauptstadt. Ihnen schlossen sich die Soldaten der drei Jägerbataillone
an, die zu diesem Zeitpunkt als einzige Truppen in Berlin stationiert
waren. Die Demonstranten bekundeten ihren Willen zum Frieden, zum Bruch mit dem monarchischen Obrigkeitsstaat und
zu einer umfassenden Neuordnung der politischen Verhältnisse.
Durch die Nachricht, dass auch die als besonders kaisertreu
geltenden Naumburger Jäger zu den Aufständischen übergegangen
seien, gelangte Reichskanzler Max von Baden zu der Einsicht, es
gäbe zu der Abdankung des Kaisers keine Alternative. Da der
im Großen Hauptquartier im belgischen Spa weilende Wilhelm II. trotz des Drängens des Reichskanzlers nicht bereit
war, dem Thron zu entsagen, erklärte von Baden zur Beruhigung
der revoltierenden Massen schließlich eigenmächtig
den Thronverzicht des Monarchen. Obwohl die Ernennung der Reichsregierung
allein dem Kaiser zustand, übergab von Baden in einem verfassungswidrigen
Akt dem Parteivorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert, das von diesem
geforderte Amt des Reichskanzlers.
Die doppelte Ausrufung der Republik verdeutlichte die zunehmende
Polarisierung der Revolutionsbewegung.
"Kein Bruderkampf!" Unter dieser Losung versuchte
die SPD-Führung, die Republik zu schützen und
einen Bürgerkrieg zu verhindern. In der zweiten Novemberwoche
1918 war die Ausgangslage in Deutschland von einem labilen Gleichgewicht
zwischen drei um die Macht konkurrierenden Gruppierungen gekennzeichnet.
Neben den Überresten der alten staatlichen Gewalten, Armee
und Verwaltung, standen die gemäßigten Kräfte
der aus Sozialdemokratie, Zentrum und Linksliberalen bestehenden
Reichstagsmehrheit.
Dieser Machtkampf entschied sich schon in den ersten Tagen der
Revolution zugunsten des Parlamentarismus. Am 10. November bildeten
SPD und USPD auf paritätischer Grundlage den Rat der Volksbeauftragten
unter gleichberechtigtem Vorsitz von Ebert und Hugo Haase. Er stellte die tatsächliche Staatsspitze
dar und stieß auf keinen ernsthaften Widerstand. Ebenfalls am 10. November gab General Wilhelm Groener im
Namen der OHL eine Loyalitätserklärung gegenüber
der neuen Regierung ab und sicherte ihr militärische Unterstützung
im Fall linksradikaler Angriffe zu. Im Gegenzug garantierte Ebert
die Autonomie der militärischen Führung. Mit dem Ebert-Groener-Pakt
stellte sich mit dem Militär ein entscheidender Machtfaktor
der Regierung zur Verfügung. Der Pakt ermöglichte es
der Sozialdemokratie in den folgenden Wochen, ihren Machtanspruch
auch in den bürgerkriegsähnlichen Zuständen durchzusetzen.
Der Durchsetzung der von der Sozialdemokratie angestrebten parlamentarischen
Demokratie standen damit kaum noch Hindernisse im Weg, zumal die
SPD auf dem Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte
Mitte Dezember 1918 über deutliche Mehrheitsverhältnisse
verfügte. Die Delegierten traten mit überwältigender
Mehrheit für die Wahl zur Nationalversammlung am 19.
Januar 1919 ein.
Als Reaktion auf dieses Bündnis von SPD und kaiserlicher Armee
verließen die Vertreter der USPD am 28. Dezember 1918 empört
den Rat der Volksbeauftragten. Zuvor war es allerdings mit den
SPD-Vertretern zu erheblichen Differenzen über den politischen
Kurs der Regierung gekommen, der eine gemeinsame konstruktive
Politik der beiden sozialdemokratischen Richtungen unmöglich
machte. Eine weitere unmittelbare
Folge der Weihnachtskämpfe war die Entlassung des zum linken
Flügel der USPD gehörenden Berliner Polizeipräsidenten
Emil Eichhorn (1863-1925). Mit Bewaffneten war Eichhorn der Volksmarinedivision
während der Kampfhandlungen zu Hilfe gekommen und hatte so
entscheidend zur Niederlage der Regierungstruppen beigetragen.
Provoziert durch die Absetzung Eichhorns, der letzten Machtbastion
der Linken in Berlin, riefen die Revolutionären Obleute,
die USPD und die zur Jahreswende 1918/19 gegründete Kommunistische
Partei Deutschlands (KPD) für den 5. Januar 1919 zu einer
Protestdemonstration auf. Aufgrund der großen Teilnehmerzahl
fassten radikale Kräfte der Initiatoren noch am Abend
den Beschluss, die Demonstration zu einem bewaffneten Aufstand
auszuweiten. Liebknecht und die zuvor jegliche putschistische
Aktionen ablehnende Luxemburg riefen zum gewaltsamen Sturz der
Regierung auf.
Das Scheitern des Aufstands sowie die Ermordung Luxemburgs
und Liebknechts durch Mitglieder eines Freikorps radikalisierte
einen erheblichen Teil der Arbeiter. Sie fühlten sich verraten
von der Politik der SPD, die ihre Kontakte zur Armeeführung,
den bürgerlichen Parteien und zu Wirtschaftsführern
stetig intensivierte. Die einstmals so geschlossene Front der
Arbeiterschaft war tief gespalten. Bei Landtags- und Gemeindewahlen
im Frühjahr 1919 gaben viele ehemalige SPD-Wähler ihre
Stimme den Kommunisten oder der USPD, die in zahlreichen Orten
die SPD überflügelte. Viele dieser Wähler beteiligten
sich auch an Streiks und revolutionären Unruhen, die bis zum Frühsommer 1919
weite Teile des Deutschen Reiches erfassten. Im Ruhrgebiet
und im mitteldeutschen Bergbaugebiet um Halle/Saale kam es zu
Generalstreiks und blutigen Auseinandersetzungen mit Regierungstruppen.
In Berlin versuchten Spartakisten einen Anfang März 1919
ausgerufenen Generalstreik zum Putsch gegen die Reichsregierung
voranzutreiben. Fast 1.200 Menschen verloren bei den mehrere Tage
anhaltenden Märzkämpfen ihr Leben. Wie der Aufstand
in Berlin konnte auch die von der USPD Anfang April 1919 proklamierte
Münchner Räterepublik nur mit Unterstützung
massiver und äußerst brutaler Einsätze von Freikorpsformationen
niedergeschlagen werden. Die revolutionäre Massenbewegung
verlor nach diesen Kämpfen entscheidend an Dynamik. In der
Folgezeit rüstete die radikale Linke zwar wiederholt zum
Sturz der Weimarer Republik, eine breite Anhängerschaft
wie noch im November/Dezember 1918 konnte allerdings zu keinem
Zeitpunkt mehr mobilisiert werden.
(ba/as)
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