|
|
1918-1933Wissenschaft und Forschung
Im Ersten Weltkrieg hatte sich die große Mehrheit der Wissenschaftler
und Gelehrten vorbehaltlos für die Kriegsziele des Deutschen
Reichs ausgesprochen und sich in den Dienst deutscher Großmachtbestrebungen
gestellt. In zahlreichen Aufrufen rechtfertigten sie die Verletzung
der belgischen Neutralität und bekundeten die Einheit von
Volk und Heer. Folge dieser Aufrufe war die noch im Krieg beginnende
internationale Isolierung der deutschen Wissenschaft, die mit
Abschluss des Versailler Vertrags im Sommer 1919 ihren
Höhepunkt erreichte. Alle bisherigen internationalen Konventionen
auf wissenschaftlichem Gebiet mit Deutschland galten als aufgelöst.
Deutsche Gelehrte wurden aus wissenschaftlichen Gesellschaften
ausgeschlossen und zu Kongressen nicht eingeladen. Die internationalen
Boykottmaßnahmen umfassten auch wissenschaftliche Publikationen
aus Deutschland, die keine Aufnahme in Bibliographien alliierter
Staaten fanden.
Durch die Nutzung zu Kriegszwecken war im Deutschen Reich eine
bisher nicht gekannte Zentralisierung der Forschungs- und Wissenschaftsplanung
entstanden. Der Staat trat dabei als Auftraggeber und Finanzier
auch nichtstaatlicher Institutionen auf. Mit dem Wegfall staatlicher
Forschungsfinanzierungen unmittelbar nach Kriegsende sowie durch
den weitgehenden Verlust ihrer Kapitalvermögen durch die
Inflation standen die wissenschaftlichen Institutionen
vor dem finanziellen Bankrott. Angesichts der Notlage der gesamten
Forschungs- und Lehranstalten fand die Wissenschaft in den Parlamenten
und Parteien Fürsprecher. An die Stelle privater Förderung
wie im Kaiserreich trat eine Forschungsfinanzierung durch das
Reich und die Länder, wodurch sich die Wissenschaftsbetriebe
weitgehend in staatliche Abhängigkeit begaben. Die 1911 gegründete
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute: Max-Planck-Gesellschaft),
die trotz der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. ihren
Namen in der Weimarer Republik beibehielt, wurde von einer preußischen
zu einer gesamtdeutschen Institution mit öffentlicher Finanzierung.
Auf ihre Mitinitiative hin wurde im Oktober 1920 die "Notgemeinschaft
der Deutschen Wissenschaft" (ab 1929: Deutsche Forschungsgemeinschaft)
gegründet. Dieser Zusammenschluss aller wissenschaftlichen
Forschungsstätten Deutschlands wurde ebenfalls vor allem
aus Mitteln des Reichs finanziert.
Das Verhältnis der Forschungsstätten zum Weimarer Staat
war ambivalent. Die Dominanz konservativer und weit rechts stehender
Kräfte innerhalb der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihre
Vergabe staatlicher Mittel an republikfeindliche Wissenschaftler
führte zu scharfen Angriffen von Politikern der Deutschen
Demokratischen Partei (DDP) und der Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands (SPD). Mit Erfolg setzten sie bis Ende
der Zwanziger einen größeren Einfluss und eine
stärkere Kontrolle der Ausgaben seitens des Staats durch.
Mit erstaunlicher Einmütigkeit teilten die politischen und
wissenschaftlichen Eliten im Reich die Auffassung, die Wissenschaft
könne Ausgangspunkt für die Wiedergewinnung internationalen
Ansehens sein und als Ersatz für verlorene politische Macht
dienen. Durch staatliche Fördermittel gelang eine schnelle
Überwindung der Nachkriegskrise. Albert Einstein,
Nobelpreisträger von 1921 für seine Forschungen auf
dem Gebiet der theoretischen Physik, lag als Pazifist nationales
Prestigedenken fern. Von zahlreichen Kollegen wie Max von Laue,
Max Planck und Werner Heisenberg für seine
Relativitätstheorie als "Jahrhundertgenie" gefeiert,
sah sich Einstein zusammen mit anderen namhaften Wissenschaftlern
wie Max Born oder Fritz Haber aufgrund ihrer jüdischen
Abstammung vehementen Anfeindungen ausgesetzt. Die Physik-Nobelpreisträger
Philipp Lenard und Johannes Stark (1874-1957) wandten sich
gegen Einsteins "verfälschte jüdische Theorie"
und plädierten für eine der arischen Rasse eigene, experimentelle
"Deutsche Physik".
Die Ausweitung staatlicher und privater Forschungsinitiativen
in den zwanziger Jahren erstreckte sich auf nahezu sämtliche
wissenschaftlichen Teilgebiete. Bahnbrechende Erkenntnisse in
der Seuchenbekämpfung und der Virusforschung lieferte das
Reichsgesundheitsamt ebenso wie die Biologische Reichsanstalt
für Land- und Forstwirtschaft in den Bereichen des Pflanzenschutzes
und der Schädlingsbekämpfung. Neue Perspektiven in der
medizinischen Behandlung eröffnete 1918 die Therapie mit
Höhensonnen und UV-Strahlen zur Prophylaxe und Kurierung
der "Armutskrankheit" Rachitis. Ebenfalls eine Pionierleistung
in der Medizin war 1924 die Aufzeichnung von Hirnströmen
durch den Jenaer Psychiater Hans Berger (1873-1941), die eine
Diagnose krankhafter Gehirnveränderungen ermöglichte.
Die Entschlüsselung der Stoffwechsel in Tumoren durch den
späteren Medizin-Nobelpreisträger Otto Heinrich Warburg
(1883-1970) in der Abteilung für Zellforschung der Berliner
Charité bedeutete 1926 einen Meilenstein in der Krebstherapie.
Fünf Jahre später gelangen dem Physiker Ernst Ruska
(1906-1988), Nobelpreisträger von 1986, erfolgreiche Tests
mit einem Elektronenmikroskop, das durch zwölftausendfache
Vergrößerung von Organismen Medizinern neue Forschungserkenntnisse
erlaubte. Ein wesentliches Element als Produktionsfaktor im ökonomischen
Wettbewerb war die chemische Wissenschaft. Grundlage für
den wirtschaftlichen Erfolg des 1925 gegründeten weltgrößten
Chemiekonzerns IG-Farben, einer Firmenfusion von Bayer, BASF und
Hoechst und anderen mit insgesamt rund 40.000 Patenten, waren
die Forschungsarbeiten der Nobelpreisträger Carl Bosch
und Gerhard Domagk (1895-1964).
Die Weimarer Republik verzeichnete vor allem ein rasantes Anwachsen
anwendungsorientierter Grundlagenforschungen in der Technik. In
jahrelanger Forschungsarbeit entwickelten deutsche Ingenieure
die notwendigen Geräte für die Präsentation des
ersten Tonfilms 1922. Ein Jahr später schlug mit der Ausstrahlung
einer Unterhaltungssendung die Geburtsstunde des öffentlichen
Rundfunks im Deutschen Reich. Die Kommunikationstechnik erlaubte
1926 erstmals den Einsatz von Selbstwähltelefonen ohne zwischengeschaltete
Vermittlung durch das Amt.
Am Stand der Firma Telefunken konnten
Besucher der Deutschen Funkausstellung in Berlin 1928 als Hauptattraktion
die erste öffentliche Vorführung von Fernsehbildern
verfolgen.
Eine unaufhaltsame Motorisierung in den zwanziger Jahren
förderte die Entwicklung immer leistungsstärkerer Automobile
und Rennwagen nach areodynamischen Gesichtspunkten. Mit ihren
Technik- und Sicherheitsmaßstäben genossen deutsche
Autos weltweit einen hervorragenden Ruf. Auf der Rennstrecke der
Opel-Werke in Rüsselsheim wurde im April 1928 das erste von
Pulverraketen angetriebene Fahrzeug getestet. Der Raketenwagen
beschleunigte von 0 auf 100 Stundenkilometer in bis dahin unvorstellbaren
acht Sekunden. Vorbild für die spätere Entwicklung von
Trägerraketen war bereits 1925 die erste automatische Flüssigkeitsrakete,
deren Fortentwicklung Anfang der dreißiger Jahre vor allem
Wernher Freiherr von Braun betrieb. Als Verkehrsmittel
der Zukunft galten Flugzeuge und Flugschiffe. Hugo Eckeners
erfolgreiche Weltfahrt mit dem Luftschiff "Graf Zeppelin"
1929 wurde in Deutschland als Beweis technischer Leistungsfähigkeit
gefeiert. Im selben Jahr startete mit dem vom deutschen Flugzeugkonstrukteur
Claude Dornier (1884-1969) gebauten zwölf-motorigen Flugboot
Dornier DO-X das größte Flugzeug der Welt zu seinem
Jungfernflug.
Während sich die deutschen Naturwissenschaften und die Technik
dem weltweiten Wachstum mit einer immer höheren Zahl an Entdeckungen
und Erfindungen anschlossen, sahen die Geisteswissenschaften ihre
Geltung in der Weimarer Republik erschüttert. Im Ersten Weltkrieg
um die Durchsetzung nationaler Ideale bemüht, blieben nach
der Niederlage Zweifel an der vorgegebenen deutschen Kulturüberlegenheit
zurück. Zu einer festen geistigen Größe wurde
daher nach Kriegsende die Soziologie, die vor 1914 kaum als eigene
Wissenschaft betrachtet wurde, obwohl ihre Grundlagen bereits
im Kaiserreich von Max Weber und Georg Simmel gelegt
wurden. Von der Sozialforschung erwartete die durch Kriegserlebnisse,
Alltagsprobleme sowie durch politische und kulturelle Veränderungen
geprägte Gesellschaft eine Orientierung. Politisch aufgewertet
und nicht mehr in die traditionellen Geisteswissenschaften wie
die Philosophie eingebettet, erhielt die Soziologie eigene
Lehrstühle an den Universitäten. Aufgrund der Radikalisierung
der Gesellschaft wurde dem Fach ausdrücklich die pädagogische
Aufgabe übertragen, in dem neuen Staat für eine demokratische
Kultur zu sorgen.
Dies war ein kaum zu realisierendes Unterfangen angesichts der
mehrheitlichen Ablehnung der Studenten und Professoren gegenüber
der Republik und ihrer demokratischen Ordnung. Nur etwa jeder
zehnte Hochschullehrer rechnete sich ideologisch dem "Weimarer
Kreis" zu, einer offenen Gruppe republiktreuer Professoren,
die in dem Historiker Friedrich Meinecke (1862-1954) ihren Wortführer
hatte. Als Hauptträger der politischen und geistigen Tradition
war das Bildungsbürgertum im Deutschen Reich besonders nachhaltig
von der Kriegsniederlage und der moralischen Anklage deutscher
Kriegsschuld verletzt worden. In ihrer antirepublikanischen
Hetze nutzten die Hochschullehrer die liberalen Grundrechte von
Artikel 142 der Weimarer Verfassung, der die Freiheit von
Wissenschaft und Lehre garantierte. Den angehenden Akademikern
wurde von ihnen nicht nur eine wissenschaftliche Fachausbildung,
sondern auch eine geistig-kulturelle, zumeist nationalistisch,
antiliberal geprägte Weltanschauung vermittelt.
(as)
|
|