Der Erste Weltkrieg veränderte das Leben der Soldaten
ebenso nachhaltig wie das der Zivilbevölkerung. Insbesondere
für Frauen steigerte sich die Doppelbelastung durch Haushalt
und Familie sowie durch ihre immer stärkere Erwerbstätigkeit.
Der tägliche Überlebenskampf gegen die miserable Lebensmittelversorgung
hinterließ in der Bevölkerung ein ausgeprägtes
Misstrauen gegenüber allen staatlichen Instanzen, während
das millionenfache Sterben an der Front dort die Frage nach dem
Sinn des Krieges noch unausweichlicher stellte. Tod und Invalidität,
Entbehrung und Gefangenschaft prägten den Kriegsalltag an
der Front.
Der sich siegessicher gebenden staatlichen Propaganda standen
schon zu Kriegsbeginn weite Teile der industriellen Arbeiterschaft
und der ländlichen Bevölkerung weit skeptischer gegenüber
als die vor allem aus dem bürgerlichen Lager stammenden nationalen
Kreise. In großer Zahl strömten Menschen in Bittgottesdienste,
die mehr von Andächtigkeit und Hilflosigkeit zeugten als
von Siegeszuversicht oder Kriegstaumel. Eine religiös anmutende
Form nationaler Ergriffenheit der Bevölkerung war unübersehbar
und wurde als spezifisches August-Erlebnis
während des gesamten Krieges immer wieder zur Aufrechterhaltung
der nationalen Geschlossenheit in Erinnerung gerufen. Als ein Zeichen dieser Geschlossenheit galten auch die unmittelbar nach Kriegsbeginn vorgenommene Verdeutschung ausländischer Begriffe sowie ab 1915 gemeinschaftsstiftende Nagelaktionen. Die Bevölkerung in der Heimat sollte veranlasst werden, sich durch den Kauf eines Eisen- oder Messsingnagels finanziell am Krieg bzw. an der Hinterbliebenenfürsorge zu beteiligen. Die Nägel wurden in öffentlichen Feierlichkeiten in Holzfiguren wie beispielsweise einem Kreuz eingeschlagen.
Bevor die Männer als Soldaten zu ihren Einheiten eilten,
wurden angesichts der Möglichkeit eines nahen Todes zahlreiche
Ehen geschlossen. Dass in der Tat alle Hoffnungen auf einen
nur kurzen, feldzugähnlichen Krieg illusorisch waren, zeigte
sich schon nach wenigen Wochen: Im Westen war die im Schlieffen-Plan
vorgesehene Umfassung und Vernichtung des Gegners gescheitert,
und aus Ostpreußen wurde nach dem Einfall russischer Truppen von zahlreichen Greueltaten an der Zivilbevölkerung
berichtet. Vor allem bei den Menschen in frontnahen Gebieten hinterließen
die Berichte aus Ostpreußen ein Gefühl existentieller
Bedrohung. Zur permanenten Sorge um den Kriegsverlauf und
um das persönliche Wohlergehen von Angehörigen an der
Front gesellte sich Tag für Tag die Frage nach der Beschaffung
von ausreichenden Nahrungsmitteln.
Trotz der staatlichen Rationierung aller Nahrungsmittel
reichten die über Lebensmittelkarten zu beziehenden
Mengen nicht zur Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Kartoffeln
und Brot wurden immer spärlicher auf den Tischen der unteren
Einkommensschichten, und an die Stelle von Kaffee oder Tee traten
minderwertige Ersatzprodukte. Dramatisch verschärft
wurde die Ernährungskrise durch die von den Briten verhängte
Seeblockade. Einen Höhepunkt erreichte der Hunger
im Kohlrübenwinter 1916/17. An den Folgen
von Unterernährung und Hunger starben in Deutschland rund
700.000 Menschen; die Kindersterblichkeit stieg um 50 Prozent.
Ernährungsbedingte Krankheitsbilder wie Abgeschlagenheit,
Gereiztheit und Anfälligkeit für Erkältungen und
Grippe waren alltäglich.
Während vor allem in den städtischen Arbeiterhaushalten
akuter Hunger herrschte, unterliefen finanziell Bessergestellte
das staatlich kontrollierte Verteilungssystem und deckten ihren
Nahrungsmittelbedarf über den Schleichhandel, der
gegen Kriegsende fast ein Drittel des gesamten Lebens- und Genussmittelhandels
ausmachte. Von der Ernährungs- und Versorgungskrise ungleich
weniger betroffen als die Städte waren die agrarischen Regionen.
Bauern nutzten die Mangelwirtschaft, um ihre Produkte zu weit
über den nach der Höchstpreisverordnung zulässigen
Preisen zu veräußern oder sie gegen Wertgegenstände
zu tauschen. Die privilegierte Versorgung einzelner Bevölkerungsteile
nährte schnell wachsende Zweifel an der Gerechtigkeit des
staatlichen Verteilungssystems und am Sinn der unüberschaubaren
Flut von Verordnungen und Reglementierungen.
Immer öfter
kam es zu Protesten und Lebensmittelunruhen, bei denen
häufig ein antisemitischer Unterton mitschwang.
Erstaunt
wurde zur Kenntnis genommen, dass der Fremdenverkehr seit
1915 wieder zunahm, und mit Verbitterung wurde registriert, dass
zahlungskräftigen Urlaubern in den touristischen Zentren
unter Umgehung der staatlichen Verordnungen nahezu alle gewünschten
Nahrungs- und Genussmittel zur Verfügung standen, während
die nicht-privilegierten Schichten zum Sattwerden und Überleben
auf Hamsterfahrten und Kohlenklau angewiesen waren. Die Überzeugung, dass für die gesamte Bevölkerung
genügend Nahrungsmittel vorhanden wären, wenn sie nur
gerechter verteilt würden, führte zu einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust
des Staats. Das Wissen, selber alle durch den Krieg aufgebürdeten
Lasten aufopferungsvoll zu tragen und dennoch - wie etwa in Preußen
- durch das undemokratische Dreiklassenwahlrecht zu Menschen
zweiter und dritter Wahl abgestempelt zu sein, untergrub das Vertrauen
in jede Form staatlicher Autorität bis weit in die Zeit nach
Abschluss des Waffenstillstands.
Vor dem Hintergrund der akuten Lebensmittelkrise bildete sich
ein schichtenspezifisches Solidarverhalten heraus. So konnten
Frauen und Jugendliche bei ihren nach geltendem Recht illegalen
Beschaffungsfahrten aufs Land fest damit rechnen,
von Bahnangestellten gegenüber Fahndern gedeckt zu werden.
Unter den Bedingungen des Kriegs verschob sich das subjektive
Wertesystem von Recht und Gerechtigkeit: Der starke Anstieg der
Jugendkriminalität ging vor allem auf die Tatsache zurück,
dass vielen Heranwachsenden kein anderer Beitrag zum Überleben
ihrer Familien als der Diebstahl blieb. Ihre als Soldaten eingezogenen
Väter konnten sie als Ernährer nicht vollwertig ersetzen.
Das Leugnen oder Herunterspielen der von der Bevölkerung
als gravierend empfundenen Probleme
durch wenig überzeugende
Verlautbarungen der Behörden schien eigenes Handeln jenseits
des gesetzten Rechts zu legitimieren.
Mit Hohn und stummem Protest reagierte die notleidende Bevölkerung
auf absurd anmutende Ratschläge des Kriegsernährungsamts
und seiner nachgeordneten Behörden, die Hungernden sollten
durch 2.500 Kauakte für 30 Bissen in 30 Minuten selbst für
eine bessere Nahrungsverwertung sorgen. Die in Kriegskochbüchern
noch 1917 ausgesprochene Empfehlung, Zutaten wie Butter und Sardellen
zu verwenden, stand in krassem Gegensatz zu allen eigenen Erfahrungswerten
und konnte nur Kopfschütteln auslösen. Und die auch
zum Abbau der schlechten Stimmungslage auf kommunaler Ebene eingeführten
Kriegsküchen waren mehr ein Forum zum Austausch persönlicher
Erfahrungen als ein geeignetes Mittel zur Hebung der Kriegsmoral.
Der nicht zuletzt zur Mobilisierung des Durchhaltewillens gegründete
Nationale Frauendienst stieß immer wieder
auf subjektive Erfahrungswerte, die den Inhalt der amtlichen Propaganda
konterkarierten.
Entgegen dem zur Schau gestellten Optimismus der unter Pressezensur
stehenden Frontzeitungen erfuhren die Soldaten aus den Briefen
ihrer Frauen, Eltern oder Kinder von den bedrückenden Verhältnissen
in der Heimat. Während sich die Mannschaften in der Etappe
und auf den Schiffen der vor Anker liegenden Hochseeflotte
in ihren Feldpostbriefen ebenfalls über eine ungerechte
Lebensmittelverteilung und die Bevorzugung von Offizieren beklagten,
gab es an der vordersten Front weniger Anlass zu derartigen
Klagen. Hier wurde jedoch der Widerspruch zwischen der offiziellen
Kriegspropaganda und der alltäglichen Wirklichkeit
als besonders drastisch empfunden. Statt als strahlende Helden,
die ihr Vaterland ruhmvoll verteidigten, sahen sich die Soldaten
mit der brutalen Realität des Stellungskriegs konfrontiert.
Ohne Rücksicht auf die Höhe von Verlusten wurde das
Leben der Soldaten in endlosen Materialschlachten eingesetzt.
Sprachen die amtlichen Stellen vom heldenhaften Tod
auf dem Feld der Ehre, so wussten die Soldaten,
dass ihre gefallenen Kameraden zu Tausenden in Feuerpausen
eingesammelt, zum Schutz vor Seuchen schnell mit Kalk bestreut
und eiligst begraben wurden. Für die Angehörigen daheim waren Tod, Invalidität oder Vermisstenmeldungen ein schweres Leid. Viele Hinterbliebene fragten eindringlich nach dem Sinn des Verlustes, wie es der Kriegsgegner Heinrich Zille in seiner Persiflage zu den im Krieg üblichen Auszeichnungen zum Ausdruck bringen wollte: Der gefallene Vater hat zwar das "Eiserne Kreuz" erhalten, doch der fünfköpfigen Familie drohen Armut und eine ungesicherte Zukunft.
Die Frontsoldaten empfanden den Krieg als Käfig,
aus dem es kein Entkommen gab. Nicht persönlicher Mut oder
Tapferkeit entschieden über den Ausgang einer Schlacht, sondern
die Zuverlässigkeit und Präzision der eingesetzten Waffen
sowie die Menge vorhandener Munition. Die Technik dominierte den
Krieg, in dem die Menschen den Waffen untergeordnet wurden und
der deutlich machte, dass der Weg in die Moderne mit der
Gefahr der Menschheitsvernichtung einherging. Die apokalyptische
Vision von den letzten Tagen der Menschheit fand in diesem Krieg
ihre erste Entsprechung. Viele Soldaten fanden einzig im Gebet und in der Militärseelsorge letzten Halt.
Im jahrelangen Kampf um kurzfristigen Geländegewinn dem Kriegsende
keinen Schritt näher gekommen, stellte sich die unausweichliche
Frage nach dem Sinn des Krieges immer drängender. Um dem
endlos grauenvollen Töten und Getötetwerden dieses Massenkrieges
zu entkommen, schreckten Soldaten auch vor Selbstverstümmelung
nicht zurück. Viele Freiwillige, die 1914 zum Kampf für
deutsche Geisteskultur gegen die materialistische
Zivilisation des Westens zu den Fahnen geeilt waren, taten
alles, um als Bettnässer oder Hypochonder
der Front zu entkommen. Die Erfahrung einer dem gegnerischen Feuer
wie In Stahlgewittern auf Leben und Tod ausgesetzten
Gemeinschaft schuf die spezifische Wahrnehmung des Krieges durch
die an vorderster Front kämpfenden Soldaten: Ihr Fronterlebnis
von Grabenkrieg und Materialschlachten verschloss sich selbst
den Soldaten der frontnahen Etappe. Eine zum eigenen Überleben
unabdingbare Abschottung und Abstumpfung gegenüber der Allgegenwart
von Leid und Tod, aber auch Stolz auf ihre in der Gemeinschaft
vollbrachten Leistungen kennzeichneten das Wertesystem der Frontkämpfer.
Über Jahre dem zivilen Leben entfremdet und zu Kriegsmaschinen
mutiert, war es vielen von ihnen nach dem Krieg nicht möglich,
sich wieder in die Strukturen einer bürgerlichen Gesellschaft
einzugliedern. Bei Kriegsende 1918 gab es in Deutschland rund 2,7 Millionen physisch und psychisch versehrte Kriegsteilnehmer. Der schreckliche Anblick von Entstellten und Verstümmelten mit Prothesen gehörte zum Alltag der Nachkriegszeit und erinnerte die Öffentlichkeit permanent an den Krieg.
(mw/ba)