Der Erste Weltkrieg fiel in eine Phase außergewöhnlicher
Vitalität in der Kunst und beeinflußte mehr als jeder
andere internationale Konflikt das Werk der Künstler, die
ihn erlebten. Avantgarde-Bewegungen wie Impressionismus,
Expressionismus
und Kubismus waren entstanden, Künstlervereinigungen
wie "Die Brücke"
oder "Der Blaue Reiter" gegründet,
und Wassily Kandinsky hatte seine ersten abstrakten Bilder
gemalt. Schon vor Beginn des Kriegs hatten viele europäische
Künstler eine Ahnung der bevorstehenden Auseinandersetzung.
So veranschaulicht beispielsweise Ludwig Meidners Gemälde
"Apokalyptische Landschaft" von 1912/13 mit der Darstellung
von Zerstörung und Verwüstung eindringlich das Entsetzen
über einen möglichen Weltuntergang.
Aber nicht nur das erwartete Grauen wurde beschrieben; viele Künstler
und Intellektuelle begrüßten den Kriegsbeginn in patriotischen
Worten und Bildern. Der italienische Futurist Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944)
zeigte sich begeistert von der Idee der reinigenden Kraft des
Kriegs. Schon in seinem 1909 erschienenen "Ersten Manifest
des Futurismus" glorifizierte er ihn als "einzige Hygiene
der Welt", für die man mit Begeisterung sterben müsse.
Auch im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn war die Begeisterung nicht nur unter Künstlern
zunächst groß:
Max Ernst,
Richard Dehmel,
Otto Dix,
Alfred Döblin,
Ernst Ludwig Kirchner,
Oskar Kokoschka,
Wilhelm Lehmbruck,
Ernst Toller und
Georg Trakl und andere meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst. Andere, wie
Gottfried Benn,
Hugo von Hofmannsthal,
Paul Klee,
Otto Mueller,
Max Pechstein,
Karl Schmidt-Rottluff,
Egon Schiele,
Max Slevogt, wurden eingezogen;
August Macke und
Franz Marc fielen 1914 bzw. 1916 an der Westfront.
Doch die grausame Wirklichkeit des Kriegs ernüchterte schnell.
Max Beckmann beispielsweise, der sich freiwillig zum Sanitätsdienst
gemeldet hatte, begann wie fast alle Künstler, seinen Kontakt
mit den Opfern des Kriegs künstlerisch zu verarbeiten. Im
Sommer 1915 erlitt er aufgrund seiner Erlebnisse einen Nervenzusammenbruch.
George Grosz, dessen ohnehin düstere Weltsicht
noch düsterer wurde, zeichnete von Leichen übersäte
Schlachtfelder. Wegen einer Krankheit wurde er 1915 dienstuntauglich
aus der Armee entlassen. Auch Kirchner wurde im Oktober 1915 wegen
einer Lungeninfektion und allgemeiner Schwäche krankgeschrieben.
Er erholte sich nie von seinen Kriegserlebnissen. Der Bildhauer
Lehmbruck, der sich ebenfalls freiwillig für
den Dienst als Sanitätsgehilfe in einem Militärhospital
gemeldet hatte, floh in die Schweiz. Den Krieg überlebt zu
haben, brachte ihm jedoch keine Entlastung. 1919 beging er in
seinem Berliner Atelier Selbstmord.
(lw)