1914-1918

Kriegspropaganda




Der Erste Weltkrieg war eine Materialschlacht - auch in der Propaganda. Auf Plakaten, Geschirr oder Alltagsgegenständen spielte sie bei der Mobilisierung der Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Kriegsanleihen mussten gezeichnet, Freiwillige geworben und Feindbilder gefestigt werden - all dies konnte eine wirksame Bildpropaganda unterstützen. Von allen beteiligten Nationen wurden erstmals moderne Medien wie Film und Fotografie gezielt eingesetzt, um Menschen - Freund und Feind gleichermaßen - zu beeinflussen.

[Vase mit dem Eisernen Kreuz, 1914] Zu Beginn des Kriegs jedoch war sich keine der beteiligten Nationen darüber im klaren, wie lange dieser Krieg dauern würde und welche Rolle die Propaganda zunehmend spielen sollte. Während in Großbritannien bereits im August 1914 das "War Propaganda Bureau" gegründet wurde, richtete die französische Regierung das "Maison de la Presse" erst im Februar 1916 ein. In ihm wurden alle amtlichen Presse- und Propagandazweige zusammengeführt. In den USA nahm bereits wenige Tage nach dem Kriegseintritt 1917 das neue "Committee on Public Information" (CPI) seine Arbeit als zentrale Propagandastelle auf.

Daneben gab es aber weiterhin zahlreiche halbamtliche und private Organisationen, die ebenfalls Propaganda betrieben; keine Regierung schuf zu Kriegsbeginn eine Zentralstelle, die alle Bereiche der Propaganda überwachte und koordinierte. Konflikte zwischen politischen und militärischen Stellen und rigide Zensurbestimmungen erschwerten zudem einheitliche Richtlinien für die Propagandaarbeit. Auch die deutsche Propaganda "litt" unter der Zersplitterung, weil Kriegs- und Innenministerium, der Generalstab, das Auswärtige Amt und andere Stellen eigene Propagandaabteilungen unterhielten.

Grundsätzlich war in allen kriegsteilnehmenden Ländern der Beginn der Propagandaarbeit meist unkoordiniert und improvisiert. Zu unterscheiden war zwischen Propaganda für das eigene Land (z.B. Werbung für Kriegsanleihen oder Rekrutierungsaufrufe), Propaganda für das neutrale Ausland oder die Propaganda in den feindlichen Ländern sowie zwischen Regierungspropaganda und "privater" Postkartenpropaganda. Je länger der Krieg dauerte, die Flut der Propaganda anschwoll und Militärs und Politiker ihre Wichtigkeit erkannten, entschlossen sich einige Regierungen, ihre medialen Bemühungen zu bündeln: In Großbritannien wurden im Februar 1918 das Informationsministerium unter Lord Beaverbrook (1879-1964) und das "Department of Propaganda in Enemy Countries" unter Lord Northcliffe (1865-1922) geschaffen. Gleichzeitig war in der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) ein ähnlicher Plan zur Schaffung eines Propagandaministeriums entwickelt worden. [Plakat: Kriegsanleihen (Großbritannien), 1914-1918] Der steigenden Bedeutung des Films als eines der eindrücklichsten propagandistischen Medien trug das im Januar 1917 auf Initiative der OHL gegründete Bild- und Filmamt Rechnung.

Zugleich war die Instrumentalisierung von Schriftstellern und Gelehrten, die Broschüren und Artikel verfaßten, eine weit verbreitete Methode der Propaganda. Die Leser konnten nicht ahnen, daß diese Texte im Auftrag der Regierung bzw. ihrer Propagandastellen entstanden waren.

Bei den Entente-Mächten dominierten die Deutschen als Feindbild, es wurde bei allen Spielarten der Propaganda in Wort und Bild eingesetzt. Der Einmarsch der deutschen Armee in Belgien lieferte ihnen und besonders den Franzosen genügend Anlass, gegen das widerrechtliche, das Völkerrecht verletzende Vorgehen Deutschlands zu polemisieren. [Plakat: Rekrutierung (USA), 1917/18] Der "hässliche Deutsche", der "Hunne" sowie die "Vergewaltigung der Nachbarstaaten" tauchten als Plakatmotiv im Verlauf des Kriegs immer wieder auf. Preußischer Militarismus und kaiserlicher Großmachtswahn hießen die Übel, von denen die Welt befreit werden musste. Die Deutschen, das waren vor allem die "Barbaren". Geschichten deutscher Greueltaten an der Zivilbevölkerung wurden von den Propagandisten ausführlich beschrieben und verbreitet. Furchteinflößende Visionen von einer deutschen Herrschaft in Europa sollten den Kriegswillen gegen Deutschland stärken. Dafür fanden die Künstler drastische Bilder: Deutsche Soldaten hinterließen in Frankreich und Belgien als "Mordbrenner" zerstörte Kirchen, stießen den Gekreuzigten in den Schmutz und zogen plündernd und frauenschändend durch die Lande. Auf Plakaten trieben deutsche "Herrenmenschen" in einer Fabrik die Arbeiter wie Sklaven mit Peitschen an.

Bildsprache und Methoden britischer und französischer Propaganda ähnelten sich, und auch in der amerikanischen Propaganda tauchten ab 1917 abschreckende Bilder von mordenden deutschen Monstern auf. Die Propagandaplakate sollten vor allem der eigenen Bevölkerung vermitteln, dass man auf der richtigen Seite stehe. Nationale Symbole fanden sich auf nahezu allen Plakaten: So warben die USA mit der Freiheitsstatue um Kriegsanleihen, während in Frankreich die "Marianne" voller Pathos die entschlossen marschierenden Soldaten in die "gerechte" Schlacht schickte.

[Deutsche Propagandapostkarte, 1914] Im Gegensatz zu dem unverhohlen brutalen, zuweilen sogar abstoßenden antideutschen Feindbild, das die Alliierten verbreiteten, erschien die Bildsprache deutscher Propaganda fast harmlos. Zur Abwehr des "Barbaren"-Vorwurfs des feindlichen Auslands publizierte die deutsche Propaganda Plakate, die eine kultivierte, friedliebende und harmlose Nation darstellten. Lediglich deutsche Postkarten, Bilderbögen und Karikaturen, die nicht von offiziellen Propagandastellen, sondern von privaten Verlegern produziert wurden, versuchten den Feind lächerlich zu machen und zu verunglimpfen.

Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der alliierten und der deutschen Propaganda schien zu sein, dass die Entente-Staaten in ihren Veröffentlichungen ihren Kriegseinsatz mit dem Verhalten des brutalen Feinds Deutschland begründeten - je grausamer die deutschen Taten, desto besser konnte der Bevölkerung die Notwendigkeit des Kriegs vermittelt werden. In Deutschland dienten die propagandistischen Bilder - auch für das feindliche Ausland bestimmten - fast ausschließlich der Bestätigung des deutschen Selbstbilds als überlegenes Kulturvolk, das sogar noch im Krieg seinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren ließ; ein unschuldiges Opfer, das gerade aufgrund seiner Überlegenheit angegriffen wurde.

(cj)














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