Die Militärstrategen in allen am Krieg beteiligten Staaten
hielten bis 1914 gut ausgebildete und schnell einsetzbare Truppen
für erheblich wichtiger als eine gut organisierte Kriegswirtschaft.
Erst angesichts des riesigen Materialeinsatzes seitens der Entente-Staaten
drängte die Oberste Heeresleitung (OHL) im Sommer
1916 auf die Mobilisierung aller Ressourcen für den totalen
Kriegseinsatz. Doch der gravierende Rohstoffmangel konnte
nur zum Teil durch Ersatzstoffe ausgeglichen werden.
Der Mangel an Arbeitskräften führte zu einem deutlichen
Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen. Während
die Reallöhne für Facharbeiter erheblich stiegen, blieben
die Lohnsteigerungen für andere Arbeitnehmer unterhalb des
Preisanstiegs.
Das Deutsche Reich war auf keinen längeren Krieg vorbereitet.
Der Kriegsschatz reichte bei Kriegsbeginn lediglich zur
Finanzierung der Kriegskosten von zwei Tagen. Nach dem Vorbild
des Kriegs von 1870/71 sollten die Kosten dem Gegner beim Friedensschluss
präsentiert werden. Deshalb verzichtete die Reichsregierung
bis 1916 auf Steuererhöhungen und nahm zur Deckung der laufenden
Militärausgaben Kriegskredite auf, die als Anleihen
einen Teil des seit Kriegsbeginn vermehrten Geldumlaufs abschöpften.
Da dem erhöhten Geldumlauf eine sinkende Produktivität
der Wirtschaft gegenüberstand, begann schon 1914 eine inflationäre
Entwicklung: Bis zum Herbst 1918 verlor die Mark fast die Hälfte
ihres Werts von 1914. Als das Deutsche Reich dann nach dem militärischen
Zusammenbruch keine Reparationen erhielt, sondern selber einen
Teil der gegnerischen Kriegslasten erstatten musste, nahm
die Inflation dramatische Ausmaße an und erwies sich
als extrem schwere Belastung für die politische Neugestaltung
in der Nachkriegszeit.
Um wirtschaftlichen Handlungsfreiraum zu erhalten, setzte die
Reichsregierung unmittelbar nach Kriegsbeginn mit einem Notgesetz
die sozialpolitischen Schutzgesetze außer Kraft und hob
die Begrenzung von Überstunden und Nachtarbeit auf. Trotz
der Ausweitung des normalen Arbeitstags über zehn Stunden
hinaus kam es schon im Herbst 1914 zu ersten Engpässen bei
der Lieferung von Waffen und Munition. Die rund fünf Millionen
als Soldaten eingezogenen Männer hinterließen in den
Betrieben Lücken, die durch nachrückende Frauen und
Jugendliche nur zum Teil ausgefüllt werden konnten. Um den
besorgniserregenden Mangel an spezialisierten Fachkräften
auszugleichen, mussten zahlreiche bereits im Feld stehende
Facharbeiter als unabkömmlich vom Kriegsdienst
freigestellt werden; andere wurden als Ausbilder ungelernter Frauen
und Jugendlicher von der Front in die Heimat delegiert. Als sich
im weiteren Kriegsverlauf die Zahl der eingezogenen Männer
auf rund elf Millionen erhöhte, konnte der akute Arbeitskräftemangel
auch durch technische Innovationen, Rationalisierung der Produktionsabläufe
und durch Normierung der Produkte sowie den erhöhten Einsatz
von Frauen nicht mehr annähernd kompensiert werden.
Wegen der völlig unzureichenden Planungen für eine funktionsfähige
Kriegswirtschaft hatte der Industrielle Walther Rathenau
schon im August 1914 die Gründung einer Kriegsrohstoffabteilung
(KRA) angeregt. Die dem preußischen Kriegsministerium angegliederte
KRA kontrollierte die Vergabe aller strategisch wichtigen Rohstoffe
und entwickelte sich schnell zur zentralen Schaltstelle für
die gesamte Rüstungsindustrie, die in hohem Maß von
der britischen Seeblockade betroffen war. Nach Unterbindung
der Einfuhr von Salpeter durch die Seeblockade konnte der für
die Produktion von Munition erforderliche Bedarf an Salpeter zwar
durch die Entwicklung eines Verfahrens zur industriellen Umsetzung
der Stickstoffgewinnung aus Luft (Haber-Bosch-Verfahren) gedeckt
werden, doch für eine ausreichende Versorgung der Landwirtschaft
mit Stickstoff reichte die Produktion nicht. Neben den zu knappen
Lieferungen von Kunstdünger an die Landwirtschaft wirkte
sich die Einziehung von Bauernsöhnen und Landarbeitern äußerst
negativ auf die Lebensmittelerzeugung aus. Da zudem die von der
Armee beschlagnahmten Pferde bei der Feldbestellung fehlten, waren
die Ernteerträge selbst bei guten Witterungsverhältnissen
so gering, dass auch die systematische Rationierung von
Lebensmitteln den Bedarf der Bevölkerung an Grundnahrungsmitteln
nicht decken konnte.
Wegen der herrschenden Futtermittelknappheit
reduzierten die Bauern ihre Viehbestände erheblich; Fleisch
wurde zum Luxusartikel und erzielte im Schleichhandel
weit über der Höchstpreisverordnung liegende
Preise. Wegen der ungenügenden Versorgung mit Lebensmitteln
kam es in den Industriestädten bereits 1915 zu ersten Protesten,
ein Jahr später zu ersten Streiks. Dem völligen Zusammenbruch
der Lebensmittelversorgung im Kohlrübenwinter
1916/17 stand auch das kurz zuvor gegründete Kriegsernährungsamt
hilflos gegenüber. Die mangelhafte Ernährung kostete
in Deutschland rund 750.000 Menschen das Leben. Als Folge der
Lebensmittelkrise schlugen Krankheit und schlechte Arbeitsleistung
betriebs- wie volkswirtschaftlich extrem negativ zu Buche. Während
in der Konsumgüterindustrie kriegswichtige Rohstoffe durch
die Verwendung zahlreicher, jedoch minderwertiger Ersatzstoffe
eingespart wurden, war die Exportwirtschaft wegen mangelnder Absatzmöglichkeiten
schon zu Kriegsbeginn fast völlig zum Erliegen gekommen.
Im Sommer 1916 war unübersehbar, dass die bisherige
Umstellung der Wirtschaft auf die Erfordernisse des Krieges nicht
ausreichte. Nach der Übernahme der OHL durch Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff drängte insbesondere
Ludendorff unter dem Eindruck des massenhaften Materialeinsatzes
der Alliierten in der Schlacht an der Somme auf eine Mobilisierung
aller Ressourcen für den totalen Krieg. Der von
ihm geforderte obligatorische Arbeitsdienst sollte auch Frauen,
Kinder und Jugendliche einbeziehen und hätte die gesamte
Bevölkerung der Kontrolle der OHL unterstellt. Deshalb lehnte
die Reichsregierung Ludendorffs Forderungen als zu weitgehend
ab und verabschiedete das zum Teil unter Einfluss der Rüstungsindustrie
entstandene Hindenburg-Programm, das u.a. eine
Verdoppelung der Munitionslieferung und eine Verdreifachung der
Lieferung von Geschützen vorsah. Zugleich wurden den Rüstungsbetrieben
billige Kredite gewährt und so enorme Gewinne gesichert. Ergänzt wurde das Hindenburgprogramm im Dezember 1916 durch
das so genannte Hilfsdienstgesetz, das für alle nicht
eingezogenen Männer zwischen 17 und 60 Jahren eine Arbeitspflicht
im Rahmen des Vaterländischen Hilfsdiensts vorsah.
Für nicht-berufstätige Frauen war schon 1914 der Nationale
Frauendienst errichtet worden, der mit karitativen und
sozialen Diensten auch das Gemeinschaftsgefühl und den Durchhaltewillen
stärken sollte.
Diese als Kriegssozialismus bezeichnete
Wirtschaftsorganisation bestätigte zwar die privaten Eigentumsverhältnisse
an den Produktionsmitteln, aber sie anerkannte mit dem Hilfsdienstgesetz
auch die offizielle Rolle der Gewerkschaften als Vertreter
der Arbeitnehmer und ermöglichte so die Abschaffung des die
Gewerkschaften diskriminierenden Vereinsgesetzes.
Nach dem Mitgliederschwund durch die Einberufungen zu Kriegsbeginn
stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder seit 1917 wieder deutlich
an. Der Frauenanteil erhöhte sich während des Kriegs
von 8 auf 35 Prozent. Über die Hälfte aller berufstätigen
Frauen hatten während des Kriegs ihr erstes Arbeitsverhältnis
aufgenommen; im Krupp-Konzern betrug der Anteil von Frauen an
der Belegschaft bei Kriegsende über 37 Prozent. Nach dem
Krieg ging die Frauenarbeit im Zuge der Demobilisierung zwar zunächst
zurück, verharrte aber langfristig über ihrem Niveau
aus der Vorkriegszeit.
Führte der Arbeitskräftemangel zu insgesamt steigenden
Löhnen, so konnten vor allem die Facharbeiter in den Rüstungsbetrieben
weit überdurchschnittlich hohe Lohnzuwächse verzeichnen.
Noch deutlicher aber stiegen die Profite der Rüstungsbetriebe.
Während die großen Konzerne der Metall- und Maschinenindustrie,
der Elektroindustrie, der Chemiewirtschaft und Ölverarbeitung
expandierten und zu den eindeutigen Kriegsgewinnlern
zählten, gingen zahlreiche Handwerks- und Kleinbetriebe in
Konkurs. In der Nahrungsmittel- und Textilwirtschaft verringerte
sich die Zahl der Beschäftigten von 2,3 Millionen (1913)
auf knapp 1,4 Millionen (1918). In den Bereichen Bergbau, Baugewerbe
und Stein-, Holz-, Papier- und Lederproduktion ging die Zahl der
Beschäftigten um 21 Prozent zurück. Die unter den Bedingungen
der Kriegswirtschaft vollzogene Modernisierung der industriellen
Produktion erleichterte nach 1918 die Umstellung auf eine international
konkurrenzfähige Friedensproduktion.
(mw/ba)
Gesetz: Ermächtigung des Bundesrats zu wirtschaftlichen Maßnahmen..., 1914