Obwohl Ungarn im Zweiten Weltkrieg mit dem Deutschen
Reich verbündet war, blieben die rund 800.000 im Land lebenden
Juden bis 1944 vom NS-Völkermord verschont. Erst als
Ungarn Mitte März 1944 von deutschen Truppen besetzt und
eine Kollaborationsregierung unter Döme Sztójai (1883-1946)
eingesetzt worden war, kam es zu der von den Deutschen seit langem
geforderten, schnellen Durchführung der "Endlösung".
Koordiniert wurde sie von einem Sondereinsatzkommando unter der
Leitung von Adolf Eichmann.
Ab dem 5. April 1944 hatten alle Juden in Ungarn den gelben
Stern zu tragen. Mitte des Monats begann in den ländlichen
Gebieten ihre Ghettoisierung, zuerst in Kassa, wo rund 15.000
Menschen auf dem Gelände zweier Ziegelfabriken zusammenpfercht
wurden und von wo aus Mitte Mai erste Züge Richtung Auschwitz
rollten. Auch in Munkács wurden in zwei Ghettos in ehemaligen
Ziegeleien rund 26.000 Juden auf engstem Raum konzentriert: In
einem internierten die Deutschen und ihre ungarischen Helfer die
jüdische Bevölkerung der Stadt, in das andere deportierten
sie die Juden aus der ländlichen Umgebung. Wegen der Enge,
der schlechten Versorgung und Ernährung breiteten sich bereits
kurz nach ihrer Einrichtung Flecktyphus und andere Krankheiten
aus, denen viele Menschen zum Opfer fielen. Rund 440.000 Juden
vorwiegend aus den ländlichen Provinzen wurde bis Ende Juni
1944 ghettoisiert und anschließend nach Auschwitz deportiert.
Anfang Juli 1944 untersagte die angesichts der für Deutschland
schlechten Kriegslage auf Ausgleich mit den Alliierten bedachte
ungarische Regierung auf internationalen Druck weitere Deportationen.
Über 200.000 ungarische Juden verblieben zunächst in
Budapest. Dort wurden sie ab Juni 1944 in speziell gekennzeichneten
"Judenhäusern", ab November auch in Ghettos interniert.
Noch vor der vollständigen Einschließung der Hauptstadt
durch die vorrückende Rote Armee Weihnachten 1944 wurden
Zehntausende Budapester Juden in Konzentrationslager nach Deutschland
deportiert, um dort in der Rüstungsindustrie Zwangsarbeit
zu verrichten. Vor ihrer unmittelbaren Ermordung wurde zunächst
abgesehen. Bereits auf den Fußmärschen zur Grenze zum
Deutschen Reich kamen jedoch Tausende um. Hunderte anderer Juden
in Budapest konnten zunächst mit Hilfe von sogenannten Schutzpässen
gerettet werden, welche die Inhaber unter den Schutz der schwedischen
Gesandtschaft in Ungarn stellten. Entworfen hatte sie der vom
schwedischen Außenministerium nach Budapest entsandte Botschaftssekretär
Raoul Wallenberg (geb. 1912). Beauftragt und finanziell ausgestattet
wurde er vom im Frühjahr 1944 gegründeten Flüchtlingskomitee "War
Refugee Board". Mit Unterstützung anderer diplomatischer
Vertretungen gelang es Wallenberg sowie dem Schweizer Botschaftsangehörigen
Carl Lutz (1895-1975) auch nach der Machtübernahme der faschistischen
Pfeilkreuzerbewegung und der Wiederaufnahme der Deportationen
im Oktober 1944, durch Ausgabe der auch von den deutschen Besatzern
anerkannten Schutzpässe und durch Einrichtung von "Schutzhäusern",
Tausenden ungarischer Juden das Leben zu retten.
Die Befreiung der Juden aus den Ghettos von Budapest erfolgte
durch die Rote Armee Mitte Januar 1945. Unter deutscher Besatzung
wurden ab März 1944 rund 200.000 ungarische Juden, die in Ungarn in den Grenzen von 1937 lebten, um ihr
Leben gebracht. Hinzu kamen zwischen 200.000 und 300.000 Juden, die in Territorien lebten, die Ungarn nach den Wiener Schiedssprüchen zugesprochen bekommen hatte.
(kp)