Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs durften Sinti und Roma
auf Anordnung von Heinrich Himmler ab Mitte Oktober 1939
ihre Wohnsitze nicht mehr verlassen. Die große Mehrheit
der deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurde in
Lagern interniert, um sie später zu deportieren. Eines der
größten Lager mit bis zu 2.300 Insassen war Lackenbach
im Burgenland nahe der Grenze zu Ungarn. Die dort internierten
Menschen aus der "Ostmark" und aus Württemberg
durften - wie in den meisten anderen Lagern auch - lediglich zur
Zwangsarbeit das umzäunte und von der Schutzstaffel
(SS) bewachte Lager verlassen. Ihre Unterbringung war beengt und
notdürftig, die Verpflegung unzureichend.
Im Frühjahr 1940 begann die systematische Deportation von
Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich in das besetzte polnische
Generalgouvernement. Federführend war das Reichssicherheitshauptamt
(RSHA) unter Beteiligung der örtlichen Kriminalpolizei. Am
27. April 1940 ordnete Himmler den ersten Transport von "2.500
Personen - in geschlossenen Sippen" an. Aus Sammellagern
im Hamburger Hafen, in den Kölner Messehallen und im Zuchthaus
Hohenasperg bei Stuttgart fuhren während dieser sogenannten
Mai-Deportationen Sonderzüge in das Generalgouvernement,
wo die Verschleppten in Lager, Ghettos oder in Dörfer
gebracht und zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Jeder Fluchtversuch
oder die Rückkehr ins Reichsgebiet wurden hart bestraft.
Die Deportation der vom RSHA erfassten Sinti und Roma in das Generalgouvernement
stieß bei anderen NS-Stellen nicht nur auf Zustimmung. Manche,
wie der Reichsärzteführer Leonardo Conti (1900-1945),
befürworteten stattdessen ihre - seit Mitte der dreißiger
Jahre angedachte und zum Teil auch durchgeführte - Zwangssterilisation,
um die als rassisch minderwertig eingestufte Bevölkerungsgruppe
auf diese Weise aussterben zu lassen.
Im Herbst 1941 wurden auf Befehl Himmlers über 5.000 Sinti
und Roma aus der Steiermark und dem Burgenland in das Ghetto
Lodz deportiert und in einem abgeriegelten Teil untergebracht.
Nach Ausbruch einer Typhus-Epidemie wurde das "Zigeunerlager"
unter strenge Quarantäne gestellt. Die Beerdigung der zahlreichen
Toten erfolgte auf dem jüdischen Ghettofriedhof. Im Januar
1942 wurden die letzten Überlebenden in das Vernichtungslager
Chelmno gebracht und dort vergast. Zu diesem Zeitpunkt
hatten Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten in Polen,
der Sowjetunion und in Südosteuropa bereits Zehntausende
Roma systematisch ermordet. Der deutsche Verbündete Rumänien
begann Ende 1941 mit der Ermordung von Roma, bis September 1942
starben dort rund 25.000 Menschen. Unmittelbar nach dem Balkanfeldzug
im April 1941 hatten sich die Roma in Serbien registrieren lassen
und gelbe Armbinden mit der Aufschrift "Zigeuner" tragen
müssen. Viele von ihnen wurden Opfer von als Vergeltungsmaßnahmen
für Partisanenangriffe deklarierten Exekutionen. Im 1941
die Unabhängigkeit erlangten Kroatien erging im Mai 1942
die Anordnung, sämtliche "Zigeuner" festzunehmen.
Allein in der Krajina wurden über 5.000 Roma gefangen genommen
und in das Lager Jasenovac verschleppt, wo bis Kriegsende geschätzte
10.000 bis 40.000 Roma umgebracht wurden.
Am 16. Dezember 1942 ordnete Himmler an, alle noch im Reichsgebiet
und in den besetzten Gebieten lebenden Sinti und Roma in ein Konzentrationslager
einzuweisen. Aufgrund dieses Erlasses wurden im März 1943
über 20.000 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau
deportiert. Die meisten der insgesamt 23.000 Insassen im Lagerabschnitt
B II e, darunter über 10.700 aus dem Altreich und 2.300 aus
Österreich, starben an Hunger, Krankheiten, Misshandlungen
und medizinischen Experimenten. Am 16. Mai 1944 konnten die im
"Zigeunerlager" lebenden Menschen in einer einmaligen
Widerstandsaktion ihre Ermordung zunächst abwenden, nachdem
sie sich mit Steinen und Werkzeugen bewaffnet in den Baracken
verbarrikadiert hatten. In der Nacht vom 2. auf den 3. August
1944 wurden die letzten fast 3.000 Männer, Frauen und Kinder
in den Gaskammern ermordet und das "Zigeunerlager" in
Auschwitz-Birkenau aufgelöst.
Von den erfassten rund 40.000 deutschen und österreichischen
Sinti und Roma wurden über 25.000 ermordet. Insgesamt fielen
geschätzte 220.000 bis 500.000 Sinti und Roma dem Rassenwahn der
Nationalsozialisten und dem an ihnen systematisch geplanten Völkermord
zum Opfer.
(as)