Nach der Kriegserklärung von Frankreich und Großbritannien an Deutschland am 3. September 1939 herrschte an der deutsch-französischen Grenze eine nur von gelegentlichen Scharmützeln unterbrochene Waffenruhe, die von Propagandaschlachten beider Seiten begleitet war. Diesen monatelangen "Sitzkrieg" beendete das Deutsche Reich am 10. Mai
1940 mit einer für Frankreich überraschenden Offensive.
Die Angriffsstrategie war seit Herbst
1939 von Generalleutnant Erich von Manstein ausgearbeitet
worden:
Um die stark befestigte französische Maginot-Linie
im Norden zu umgehen, sah sein Operationsplan "Sichelschnitt"
den Angriff der Heeresgruppe B auf die neutralen Niederlande und Belgien
vor. Nach dem zu erwartenden Vorrücken französischer
und britischer Truppen nach Belgien sollte die Heeresgruppe A durch die dicht bewaldeten
Ardennen bis zur französischen Kanalküste vorstoßen. Die Heeresgruppe C sollte sich vorerst mit kleineren Scheinangriffen entlang der Maginot-Linie begnügen.
Adolf Hitler hielt an dem riskanten Plan "Sichelschnitt"
fest, obwohl die traditionell denkenden Generale des Oberkommandos des Heeres (OKH) starke Zweifel an einem erfolgreichen Vorstoß durch die Ardennen mit Panzern äußerten. Trotz eines wochenlangen Aufmarsches an der westlichen Reichsgrenze
kam der Zeitpunkt der Offensive für die Alliierten
unerwartet. Durch das Überraschungsmoment begünstigt,
gelang es 141 deutschen Divisionen einen an militärischer
Stärke gleichwertigen Gegner in wenigen Wochen zu besiegen. Die Niederlande kapitulierten am 15. Mai 1940, Belgien kapitulierte am 28. Mai. Zu diesem Zeitpunkt waren die in Flandern gebundenen alliierten Einheiten von Süden
her eingeschlossen worden. Zu spät hatten die Alliierten erkannt, dass der Schwerpunkt
des deutschen Angriffs durch Luxemburg und die Ardennen durchgeführt wurde.
Am 13. Mai standen Truppen der deutschen 4. Armee und der 12. Armee auf dem westlichen Maas-Ufer zwischen
Dinant und Sedan. Nachdem der Durchbruch durch den schwierigsten
Teil
der alliierten Front gelungen war, stand ihnen das französische
Hinterland bis zum Unterlauf der Somme offen. Am 19. Mai erreichten
Panzerverbände Abbéville an der Flussmündung.
Einen Tag später drangen sie bis zur französischen Kanalküste
vor.
Den durch die "Sichelschnittbewegung"
von ihren rückwärtigen Verbindungen abgeschnittenen
alliierten Truppen nördlich der Somme blieb als einziger
Ausweg die Evakuierung bei Dünkirchen über den
Seeweg nach Großbritannien.
Mit dem Vormarsch deutscher Truppen auf die französische
Verteidigungslinie entlang von Somme und Aisne begann am 5. Juni
die zweite Phase der Westoffensive: die Schlacht um Frankreich.
Der deutsche Operationsplan sah nach einem schnellen Durchbruch
durch die Verteidigungslinien in Nordfrankreich das Einschwenken
nach Südosten vor. Die Masse der französischen Truppen
wurde dadurch in Ostfrankreich eingekesselt und die Maginot-Linie aus rückwärtigem Raum genommen. Am 17. Juni unterbreitete der französische Ministerpräsident Henri Philippe Pétain angesichts der aussichtslosen militärischen Lage Deutschland ein Waffenstillstandsangebot. Zuvor hatte die französische Führung vergeblich versucht, die
USA zu einem Kriegseintritt an der Seite der Alliierten
zu bewegen.
Der Waffenstillstand wurde am 22. Juni von den Generalen
Wilhelm Keitel und Charles Huntziger (1880-1941) im Wald
von Compiègne unterzeichnet. Die Deutschen nahmen die Unterzeichnung
an jenem Ort, wo 1918 die Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelt und die "Schmach von Versailles" eingeleitet worden war, mit tiefer Genugtuung auf. Einen Tag nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes besuchte Hitler Paris. Er kam als Tourist und Eroberer zugleich. Was die kaiserliche deutsche Armee in verlustreichen Schlachten vergeblich versucht hatte, gelang Hitler in sechs Wochen. Die Bilder von ihm vor dem Pariser Eiffelturm gingen um die Welt. Adolf Hitler stand nach dem von vielen Zweiflern für kaum möglich
gehaltenen "Blitzsieg" gegen Frankreich auf dem Höhepunkt
seines innenpolitischen Ansehens. Während sein Ruhm als "Größter
Feldherr aller Zeiten" in Deutschland unaufhörlich zu steigen schien, rief General Charles de Gaulle in seinem Londoner Exil zum entschlossenen Widerstand gegen das deutsche
Besatzungsregime in Frankreich auf.
Während der Westoffensive starben rund 27.000 deutsche Soldaten, 18.400 galten als vermisst,
etwa 111.000 Mann wurden verwundet. Frankreich hatte rund 92.000 Tote und 200.000 Verwundete zu beklagen. 1,9 Millionen alliierte
Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft.
(as)