1939-45



[Buch: Gerhart Hauptmann "Iphigenie in Delphi" (Buchdeckel), 1944]

[Buch: Gerhart Hauptmann "Iphigenie in Delphi" (Titelblatt), 1944]







Gerhart Hauptmann:
Atriden-Tetralogie


Dramenzyklus von Gerhart Hauptmann, bestehend aus den Einzelwerken "Iphigenie in Aulis" (1944; Uraufführung: Wien, 15. November 1943, Burgtheater), "Agamemnons Tod" (1948), "Elektra" (1948) und "Iphigenie in Delphi" (1941; Uraufführung: Berlin, 15. November 1941, Schauspielhaus); "Agamemnons Tod" und "Elektra" wurden erst nach dem Tod Hauptmanns uraufgeführt (am 10. September 1947 in Berlin, Kammerspiele des Deutschen Theaters) und 1948 gedruckt. Das Geschehen der Tetralogie knüpft an den Handlungskanon der antiken Tragödie des Euripides ("Iphigenie in Aulis"), Aischylos ("Orestie") und Sophokles ("Elektra") und an Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) "Iphigenie auf Tauris" an. Hinsichtlich der Motivierung einzelner Handlungsdetails und der Personencharakteristik ergeben sich jedoch erhebliche Unterschiede. Die Entwürfe der Atriden-Tetralogie bilden innerhalb des handschriftlichen Nachlasses den größten Einzelkomplex.

Bei der fünfaktigen "Iphigenie in Aulis", um deren endgültige Form Hauptmann lange gerungen hat, es existieren nicht weniger als neun Fassungen des Stücks, sind die Abweichungen von Euripides besonders bemerkenswert. In der antiken Tragödie verhindert Artemis, daß Agamemnon seine Tochter lphigenie für einen günstigen Beginn des Krieges gegen Troja opfert; in Hauptmanns Stück entführen zwei Priesterinnen als Repräsentantinnen der chthonischen Mächte der Unterwelt die Tochter Agamemnons auf dem geheimnisvollen "Totenschiff" der Hekate nach Tauris. Hauptmann läßt "nicht die Götter, sondern des Ares Wutgeschrei" regieren, und das zum Warten gezwungene griechische Heer schleudert seinen Fluch gegen die "Himmelshündin Artemis", die "dort oben lauert und unersättlich ist". Das klassischhumanistische Bild Griechenlands, wie es Goethes "Iphigenie auf Tauris" vermittelt, weicht der Darstellung einer chaotischen, grausamen und haßerfüllten Welt.

Die Handlung der beiden einaktigen Tragödien "Agamemnons Tod" und "Elektra", die ein Zeitraum von wenigstens zehn Jahren die Dauer des trojanischen Krieges von der "Iphigenie in Aulis" trennt, entspricht in ihrem Ablauf den antiken Vorlagen des Aischylos, seinem "Agamemnon" und den "Choephoren"; sie schildert die Rückkehr des Agamemnon nach Argos, seine Ermordung durch Agisth und Klytämnestra und den Muttermord des Orest, den Elektra ins Werk setzen hilft. Die Motivierung ist indessen dadurch verschoben, daß Klytämnestra selbst ihren Sohn, der um Mutterliebe fleht, zurückstößt, ihn sogar "anfällt" und zur Notwehr zwingt.

Das in der Handlungsabfolge letzte Stück der "AtridenTetralogie", die dreiaktige Tragödie "Iphigenie in Delphi", wurde von Hauptmann als erstes geschrieben. Der Autor las im Jahr 1940 einen Auszug aus Goethes "Italienischer Reise" und stieß darin auf dessen Plan, als Ergänzung zu seiner "Iphigenie auf Tauris" eine "Iphigenie in Delphi" zu schreiben. (Wesentliche Anregungen empfing Hauptmann außerdem durch Johann Jakob Bachofens (1815-1887) Deutung der griechischen Mythologie.) Hauptmanns Dichtung zeigt zwar die Anlehnung an das ältere Vorbild, doch findet man hier nichts von der "reinen Menschlichkeit", die Goethes Iphigenie zu verkörpern hat. Anders als dort ist die Situation des Menschen hier dadurch gekennzeichnet, daß es ihm unmöglich ist, sich selbst, sein Verhältnis zu den Göttern und der Welt zu durchschauen oder gar zu beeinflussen. Die ethischen Grundwerte des deutschen Idealismus und der klassischen Dramatik sind hier aufgehoben, da sie sich als nicht mehr tragfähig erwiesen haben. Statt dessen wird das menschliche Schicksal ins Mythische zurückgenommen: die Götter sind es, die das Schicksal lenken, ihrer Macht ist der Mensch preisgegeben, und Iphigenie bringt sich schließlich selbst als Sühnopfer dar. "Doch wer zum Opfer einmal ausersehen / von einer Gottheit ob es auch so scheint, / er habe ihrem Spruche sich entwunden : / die Moiren halten immer ihn im Blick / und bringen, wo er dann auch sich versteckt, / an den gemiednen Altar ihn zurück."

In der "AtridenTetralogie", dem bedeutendsten, allerdings auf der Bühne wenig erfolgreichen Alterswerk des Dichters, dokumentieren sich Hauptmanns Anschauungen über das Wesen der Tragödie, wie er sie bereits 1907, während seiner Griechenlandreise, entwickelt hatte: "Tragödie heißt: Feindschaft, Verfolgung, Haß und Liebe als Lebenswut! Tragödie heißt: Angst, Not; Gefahr, Pein, Qual, Marter, heißt Tücke, Verbrechen, Niedertracht, heißt Mord, Blutgier, Blutschande." Zahlreiche Formulierungen, etwa wenn der Autor vom "Weltbrand" spricht, der "uns überflutet", scheinen sich als Kommentierungen zur Entstehungszeit der Tetralogie, zum Zweiten Weltkrieg, lesen zu lassen: "Der Wahnsinn herrscht. Ganz Hellas ist sein fürchterlicher Herd ... einst war ein Reich, man hieß es Griechenland! Es ist nicht mehr!" Hauptmann selbst allerdings hat sich nie zu einer in diesem Maße zeitkritischen Deutung des Textes bekannt.

Die "AtridenTetralogie" ist bezeichnend für den Hang des alternden Dichters, von antiker und klassischer Dichtung vorgeformte Stoffe neu zu gestalten, eine Neigung, die allerdings auch schon der fast dreißig Jahre zuvor entstandene "Bogen des Odysseus" bezeugt. Die Form bleibt im Rahmen des klassischen Schemas; es herrscht hochgradige Stilisierung, absolute Einheit des Raumes und der Zeit. Die "Iphigenie in Delphi" trägt weitgehend lyrischen Charakter, und der Rhythmus der Sprache hat einen pathetischen Unterton. Das Metrum der fünffüßige Jambus spielt eine nur untergeordnete Rolle.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München)


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