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Antisemitismus

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs schien sich der Ausruf von Kaiser Wilhelm II. "Ich kenne nur Deutsche!" allgemein zu bestätigen. Die weit verbreitete patriotische Begeisterung des August-Erlebnisses von 1914 riss auch die jüdische Bevölkerung mit sich. Rund 10.000 jüdische Freiwillige meldeten sich zur Verteidigung ihres Lands. Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung hegte die Hoffnung, durch Pflichterfüllung und Opferbereitschaft ihre "Vaterlandsliebe" unter Beweis stellen zu können und damit in die Einheit der deutschen Nation integriert zu werden. Tatsächlich hatte es in den ersten Kriegsmonaten den Anschein, als ob sich die Hoffnungen erfüllten und Antisemitismus weitgehend aus der deutschen Öffentlichkeit verschwinden würde. Wo sich noch vereinzelt antisemitische Stimmen zu Wort meldeten, wurden sie meist im Sinne des Burgfriedens von der Zensur unterdrückt. Die Anzeichen für eine sichtbare Verbesserung des gegenseitigen Miteinander konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass tiefgreifende antijüdische Animositäten fortdauerten.

Die in der Reichsverfassung verankerte konfessionelle Gleichberechtigung von Juden im Militär wurde im Kaiserreich nur wenig beachtet. Ab 1885 wurde - mit Ausnahme von Bayern - kein Jude ins Offizierskorps aufgenommen oder zum Reserveoffizier befördert. Dieser Zustand der Benachteiligung änderte sich mit Kriegsbeginn, bei dem der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Mitglieder aufforderte, über das Maß der Pflicht hinaus ihre Kräfte dem Vaterland zur Verfügung zu stellen und zu den Fahnen zu eilen. Aufgrund des erhöhten Personalbedarfs der Armee wurden jetzt auch Soldaten jüdischen Glaubens in die Offiziersränge befördert. Doch schon in den ersten Kriegsmonaten beobachteten Juden vor allem im Militär unverkennbare Anzeichen eines sich erneut ausbreitenden Antisemitismus. Bereits während des ersten Kriegsjahrs setzte bei der Beförderung jüdischer Unteroffiziere in Offiziersränge ein deutlicher Rückgang ein. Das traditionell aristokratische, häufig antisemitisch eingestellte Offizierskorps sah sich durch jüdische Offiziere in seiner Exklusivität bedroht. Aber nicht nur in den Offiziersstuben verbreiteten sich antisemitische Tendenzen. Während für die Mehrzahl der Soldaten die Konfession ihrer Kameraden in den Schützengräben von keinerlei Bedeutung war, brachten andere ihre Abneigung gegenüber jüdischen Mitkämpfern offen zum Ausdruck. In Tagebüchern und zahlreichen Feldpostbriefen notierten viele jüdische Kriegsteilnehmer ihre häufig schlechten Erfahrungen.

Einen Höhepunkt des sich verstärkenden Antisemitismus innerhalb des Militärs stellte die "Judenzählung" von 1916 dar. Sie sollte offiziell die Haltlosigkeit der im Deutschen Reich kursierenden Vorwürfe der "jüdischen Drückebergerei" belegen, offenbarte jedoch durch die Art der Erhebung deren antisemitische Beweggründe. Dennoch fiel die Erfassung nicht wie erwartet aus, das Ergebnis wurde nie veröffentlicht und damit das Gerücht der mangelnden jüdischen Kampfmoral und der Antisemitismus im Militär sanktioniert. Im Sommer 1918 mussten jüdische Soldaten deshalb auf Flugblättern über sich lesen: "Überall grinst ihr Gesicht, nur im Schützengraben nicht". Insgesamt haben 100.000 jüdischen Soldaten für Deutschland im Krieg gekämpft, womit sie sich prozentual wie ihre christlichen Mitbürger an den Kämpfen beteiligten.

Mit zunehmender Dauer des Kriegs, dem Ausbleiben militärischer Erfolge und dem versprochenen schnellen Sieg stiegen die Entbehrungen, Opfer und Nöte der Bevölkerung. Trotz der staatlichen Rationierung aller Nahrungsmittel reichten die über Lebensmittelkarten zu beziehenden Mengen nicht zur Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Ein Höchstmaß erreichte die Ernährungskrise im "Kohlrübenwinter" 1916/17. Aufgrund der miserablen Lebensmittelversorgung nahm die antisemitische Stimmung bei der Suche nach Schuldigen im Deutschen Reich sprunghaft zu und der Judenhass flammte in Gesellschaft und Politik wieder auf. Durch die Verschärfung sozialer Spannungen gerieten Juden deshalb auch in der Heimat schnell wieder in alte Isolation. Während insbesondere in den städtischen Arbeiterhaushalten akuter Hunger herrschte, unterliefen finanziell Bessergestellte das staatlich kontrollierte Verteilungssystem und deckten ihren Nahrungsmittelbedarf über den Schleichhandel. Als Nutznießer dieses Schleichhandels und der Kriegswirtschaft galten vor allem die Juden. Im August 1916 formulierte der spätere Reichsaußenminister Walther Rathenau ernüchternd in einem Brief: "Je mehr Juden in diesem Kriege fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben. Der Hass wird sich verdoppeln und verdreifachen".

Besonders von radikalen antisemitischen Organisationen wie dem "Alldeutschen Verband" und dem "Reichshammerbund" wurden Juden als angebliche "Kriegsgewinnler" an den Pranger gestellt und so die Stereotypisierung und Ideologisierung der antijüdischen Animositäten forciert. In der kriegsbedingten Atmosphäre allgemeiner Unzufriedenheit fanden traditionelle antisemitische Vorurteile von jüdischen Wucher, Spekulanten- und Schiebertum weit verbreitete Zustimmung. Unterstützt wurden diese Klischees durch die Positionen der jüdischen Industriellen Albert Ballin (1857-1918) als Leiter der Zentraleinkaufsgesellschaft und Walther Rathenau, der als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung bis zu seinem Rücktritt im März 1915 die deutsche Kriegswirtschaft organisierte. Alfred Roth (1879-1948), einer der radikalsten antisemitischen Agitatoren der Zeit und zugleich Bundeswart des "Reichshammerbunds", diffamierte in einer späteren Hetzschrift von 1921 das "System Ballin-Rathenau" als Ursache für die Niederlage Deutschlands und unterstützte damit die antisemitische und verschwörungstheoretische Komponente innerhalb der Dolchstoßlegende: Während der deutsche Soldat an der Front mit der Waffe in der Hand sein Vaterland verteidigte, so der Tenor der antisemitischen Propaganda, hätte sich der Jude in der Heimat skrupellos an der Not des deutschen Volks bereichert.

Die Reichsregierung versuchte bis 1917, die Degradierung von Juden zu mindern und der antisemitischen Propaganda entgegenzutreten. Mit der Amtsniederlegung Theobald von Bethmann Hollwegs und dem zunehmenden Einfluss der Obersten Heeresleitung um Generalfeldmarschall Erich Ludendorff auf den Kaiser und die Reichsregierung wechselte auch die Ausrichtung der Politik. Die politische Wende war die Einwanderungskontrolle jüdischer Immigranten aus dem Osten. Die jüdische Migration von Galizien, Polen und Rußland in den Westen war nichts Neues, sondern bedingt durch die Pogrome in Rußland und die Verarmung der galizischen Juden einerseits sowie den Anziehungskräften westeuropäischer Städte andererseits ein Gegenstand deutscher Außenpolitik seit der Reichsgründung 1871. Durch den Krieg, der das unter deutscher Kontrolle stehende Gebiet weit nach Osten erweiterte, brachen die bisher wirksamen Kontrollmechanismen zusammen. Während des Kriegs kamen insgesamt etwa 35.000 Ostjuden ins Reich. In ihrem fremdartigen Erscheinungsbild entsprachen die orthodoxen osteuropäischen Juden weitaus mehr dem traditionellen jüdischen Klischeebild als die größtenteils assimilierten deutschen Juden. Besonders antisemitische Kräfte wie der Alldeutsche Verband nutzten die Gelegenheit, das Bild der "jüdischen Überfremdung" zu propagieren. Das Ostjudenstereotyp, dessen dominierende Züge Schmutz, Krankheiten, "Schnorrertum", Unredlichkeit und "Ghettoluft" waren, verwendeten sie zur Überzeugungskraft ihrer antijüdischen Agitation und um den Handlungsdruck auf die Regierung zu verstärken. Im April 1918 verbot daher das preußische Innenministerium die Anwerbung von polnisch-jüdischen Arbeitern und verhängte eine einseitige Sperre der preußischen Ostgrenze. Der Inhalt des Erlasses wurde niemals publik gemacht und erst mit einiger Verzögerung bekannt. Die Begründung für die Grenzschließung war explizit antisemitisch: So hieß es, die ergriffenen Maßnahmen seien rein "medizinalpolizeilich", da die Ostjuden zum großen Teil verlaust und "besonders geeignete Träger von Fleckfieber und anderen ansteckenden Krankheiten" seien.

Johannes Leicht
10. Juni 2003

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