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Landwirtschaft

Trotz der rasanten industriellen Entwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts blieben zunächst alle deutschen Staaten agrarisch geprägt. Mitte der 1860er Jahre fanden über die Hälfte der Beschäftigten im Gebiet des Deutschen Bundes ihr Auskommen in der Land- und Forstwirtschaft. Auch der Agrarsektor verzeichnete wie andere Bereiche der deutschen Wirtschaft ab 1850 einen gewaltigen Fortschritt bezüglich Produktionstechnik und Arbeitsproduktivität. Das im März 1850 verabschiedete preußische Gesetz "betreffend die Ablösung der Reallasten und die Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse" führte zur Aufhebung bäuerlicher Abhängigkeit.

Ein entscheidender Durchbruch in der Versorgung mit Lebensmitteln gelang durch die Gewinnung mineralischer Düngemittel. Justus Liebig legte 1840 mit seinem Werk "Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie" die theoretischen Grundlagen und war 1855 im niedersächsischen Lehrte und 1857 im bayerischen Heufeld Mitbegründer der ersten Mineraldüngerfabriken in Deutschland. Zu einem der führenden Unternehmen in der Düngemittelherstellung entwickelte sich "Vorster & Grünberg" in Staßfurt bei Magdeburg. Durch Nutzung von Düngemittel, Ausweitung der Nutz- und Ackerflächen sowie Entwicklung neuer Anbaumethoden wie der Fruchtwechselwirtschaft erfolgte zwischen 1800 und 1870 eine Verdreifachung der landwirtschaftlichen Produktion. Insbesondere nach 1850 konnten die Ernteerträge erheblich gesteigert werden. Die Landwirtschaft konnte nun mit dem stetig wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln in den Städten Schritt halten.

Dampfmaschinen erleichterten und beschleunigten die harte Feldarbeit erheblich, auch wenn sie aufgrund der Kosten nur vereinzelt zum Einsatz kamen. Diese beweglichen "Locomobile" waren in England schon seit 1840 in Gebrauch und fanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch auf dem Kontinent Verbreitung. Zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Anbau und die Verarbeitung von Rüben. Der aus ihnen gewonnene Zucker ersetzte allmählich den "Kolonialzucker" aus Zuckerrohr. Während 1840 im Gebiet des späteren Kaiserreichs 12.100 Tonnen Rübenzucker hergestellt worden waren, belief sich die Produktion 1870 bereits auf 244.100 Tonnen. Zucker wurde preiswerter und verlor dadurch seinen Luxuscharakter. Zugleich sanken durch den Eisenbahnbau die Transportkosten, so dass auch andere landwirtschaftliche Produkte günstiger angeboten werden konnten. Zum ersten Mal war in Mitteleuropa eine kontinuierliche Versorgung der größeren Städte mit Nahrungsmitteln aus dem Umland sowie aus der Ferne möglich. Wiederkehrende Missernten verschlechterten trotzdem die Lebensmittelversorgung und verteuerten die Agrarprodukte.

Johannes Leicht

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