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    Grenzen in ihrer geographischen und politischen Bedeutung

Der Geopolitiker Friedrich Ratzel (1844-1904) verbreitete in seinen wissenschaftlichen Werken "Politische Geographie" (1897) und "Der Lebensraum" (1901) erstmals den Begriff "Lebensraum". Wenngleich er Geschichte als "permanenten Kampf um Lebensraum" auffasste, so war seine Lebensraum-Theorie zunächst ohne direkten politischen Gehalt. Der Terminus "Lebensraum" wurde in der Publizistik des Alldeutschen Verbands häufig im Zusammenhang mit der Forderung nach ausgreifender deutscher Weltpolitik benutzt. Die geographische Schule von Karl Haushofer führte die expansionistische Linie der Alldeutschen mit wissenschaftlichem Anspruch teilweise unscharf und phrasenhaft, aber mit weitreichender Wirkung in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg fort.

In seiner Schrift "Mein Kampf" (1924, Erster Band) knüpfte Adolf Hitler an die Thesen Haushofers und anderer Geopolitiker an, unterschlug dabei allerdings die bei Haushofer vorhandene "friedliche" Komponente einer gewaltlosen und maßvollen Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Osteuropa und Übersee. An ihre Stelle trat ein rassistisch begründetes Feindbild, das die Überlegenheit der "germanischen" bzw. der "arischen Rasse" und die bedingungslose Unterwerfung der slawischen Völker postulierte. 1926 erschien der Roman "Volk ohne Raum" von Hans Grimm, in dem der Autor für eine klassische Kolonialpolitik eintrat. Die Nationalsozialisten nutzten den Titel schon bald als propagandistisches Schlagwort für den "gerechten" Kampf des deutschen Volkes um Raum und Boden.

Die rassenbiologisch begründete Vorstellung vom "Lebensraum im Osten" wurde zum Zentralbegriff der nationalsozialistischen Expansionsideologie. In einem siegreichen Krieg gegen die "bolschewistische Sowjetunion" sah Hitler seine wahre "Mission". Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sprach Hitler in seiner neuen Funktion als Reichskanzler am 3. Februar 1933 vor Offizieren der Reichswehr erstmals über die Gewinnung von "Lebensraum im Osten" und dessen Germanisierung. In der NS-Außenpolitik nahm das Lebensraum-Konzept eine zentrale ideologische Stellung ein. Gestützt auf die völkisch-sozialdarwinistische Überzeugung von der Überlegenheit des deutschen "Herrenvolkes" sollte die Ausdehnung deutscher Siedlungsgebiete und der Aufbau einer autarken Wirtschaft einhergehen mit der rücksichtslosen Ausbeutung und Dezimierung der als "Untermenschen" diffamierten slawischen Bevölkerung.

Im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion fand die Lebensraum-Ideologie ab 1941 ihre grausame Verwirklichung. Entsprechend dem Kriegsziel, Osteuropa bis zum Ural als deutsches Siedlungsgebiet in Besitz zu nehmen, sah der von Heinrich Himmler in seiner Funktion als Leiter des "Reichskommissariats für die Festigung des deutschen Volkstums" in Auftrag gegebene und am 15. Juli 1941 in der ersten Fassung vorgelegte Generalplan Ost nach der Vertreibung von über 30 Millionen Einheimischen die Besiedelung mit Deutschen vor. Entsprechende Planungen wurden auch dann noch vorangetrieben, als sich der Kriegsverlauf bereits eindeutig zuungunsten Deutschlands verschoben hatte. Hitler hielt in seinem Wahn bis zuletzt an seiner Ideologie vom "Lebensraum im Osten" fest. Während bereits die Schlacht um Berlin heftig tobte, versuchte Hitler am 29. April 1945 der Wehrmacht in seiner letzten Botschaft aus dem so genannten Führerbunker noch einmal deutlich zu machen, dass es noch immer die Aufgabe der Armee sei, "für das deutsche Volk Raum im Osten zu gewinnen".

Daniel Wosnitzka/Arnulf Scriba
11. Mai 2015

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