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Die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911

Am 6. Mai 1911 eröffnete in Dresden die erste Internationale Hygiene-Ausstellung. Mit 325.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche übertraf sie die Weltausstellung in Brüssel vom Vorjahr. Die stattliche Besucherzahl von fünfeinhalb Millionen zeigt, dass die Ausstellung den Nerv der Zeit traf und es ihr gelang, gesundheitliche Aufklärung publikumswirksam zu vermitteln.

"Die Hygiene ist die Lehre von der Erhaltung und Pflege der menschlichen Gesundheit, die Lehre von der Erhaltung des menschlichen Wohlbefindens. Es ist leider notwendig, diese selbstverständlich erscheinende Erklärung an die Spitze unserer Ausführungen zu setzen. Dem Hygieniker vom Fach wird es kaum glaubhaft erscheinen, welche Unklarheit in hygienischen Dingen in den weitesten Kreisen der Bevölkerung herrscht." Mit diesen Worten wurde der Besucher im Vorwort des Katalogs zur Ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden auf Sinn und Zweck der Ausstellung hingewiesen: die gesundheitliche und hygienische Aufklärung.

Die Initiative zur ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung ging zurück auf den Dresdner Industriellen Karl August Lingner (1861-1916). Der Hersteller und Vermarkter des bekannten Mundwassers "Odol" förderte seit den 1890er Jahren die medizinische und soziale Aufklärung und nutzte dabei die pädagogischen Möglichkeiten des Museums- und Ausstellungswesens. Von 1903 bis 1906 lief bereits eine kleinere Hygiene-Ausstellung in vier Städten. Der konkurrenzlose "Siegeszug" seines Mundwassers gab ihm die finanziellen Mittel zur Umsetzung seines Engagements an die Hand.

Den Anspruch, den Lingner an ein solches Ausstellungsvorhaben stellte, verdeutlichte er im Vorwort zum Katalog der Ausstellung: "Mit dem Begriff einer Ausstellung [...] verbindet jeder die Vorstellung einer Veranstaltung, bei der man etwas lernen, etwas Neues und Allerneuestes sehen kann, bei der aber auch dem Unterhaltungsbedürfnis ausreichend entsprochen wird, deren Besuch sich daher unter allen Umständen lohnt."

Der Aufwand, der zu diesem Zweck betrieben wurde, war immens: Das alte Dresdner Ausstellungsgelände im Großen Garten, das bereits sehr erfolgreich für verschiedene Gartenbauausstellungen genutzt worden war, wurde architektonisch komplett umgeplant, erweitert und neu bebaut. 99 Pavillons standen insgesamt zur Verfügung. Davon widmeten sich rund ein Drittel den breit gefächerten Ausstellungsthemen von der "Deutschen Arbeiterversicherung" über "Chemie, wissenschaftliche Instrumente, Kosmetik" bis zu "Armee-, Marine- und Kolonialhygiene" sowie "Rassenhygiene". Im Mittelpunkt stand die zukunftsweisende, als "Populäre Abteilung" gekennzeichnete Ausstellung "Der Mensch". Hinzu kam die "Internationale Abteilung" in der sich Brasilien, China, England, Frankreich, Japan, Italien, Österreich, Russland, die Schweiz, Spanien und Ungarn aber auch die Stadt Amsterdam in eigenen Pavillons präsentierten. Ein weiteres Drittel der Pavillons befriedigte das Unterhaltungsbedürfnis der Besucher mit Restaurants und Cafés, Musikpavillons, nachgebautem abessinischem Dorf, Kegelhalle, Rodelbahn, Wellenbad, Sonnenbad sowie einem integrierten Jahrmarkt mit Aeroplan-Karussell, der Vorform des heutigen Kettenkarussells. Neben führenden Wissenschaftlern konnten in den jeweiligen Themenfeldern aktive Industrieunternehmen für die Mitarbeit gewonnen werden, wobei ein strenges Regelwerk darüber wachte, dass die Exponate dem wissenschaftlichen Anspruch und der Aufklärung dienten und nicht als reine Werbemittel präsentiert wurden. Das Verzeichnis der industriellen Aussteller führt rund 1.000 beteiligte Firmen auf.

Die Ausstellung lief von Mai bis Oktober und war mit fünfeinhalb Millionen Besuchern ein immenser Erfolg. Die Idee, der Hygiene-Ausstellung einen festen Standort zu geben, lag auf der Hand, und der beträchtliche Reingewinn ermöglichte die Realisierung. Zudem konnten eigens für die Ausstellung eingerichtete Werkstätten für anatomische Modelle und anderes Lehrmaterial übernommen werden. So wurde 1930 mit der II. Internationalen Hygiene-Ausstellung das noch heute bestehende Deutsche Hygiene-Museum in Dresden eröffnet.

Dorlis Blume
Mai 2017
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