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Hannes Bienert: Als Luftwaffenhelfer in Ostpreußen 1943/44

Dieser Beitrag stammt von: Hannes Bienert (*1928) aus Bochum, Juli 2013

Geboren und aufgewachsen bin ich in Beuthen, Oberschlesien. Mein Vater wurde 1938 nach Königsberg versetzt. Dort kam ich dann in die Oberschule. Ich muss dazu sagen, wenn ich mal über meine eigene Leistung spreche, vielleicht sind da Ähnlichkeiten bei vielen anderen. Mathe war für mich ein wahnsinniges Problem. Da bekam ich überhaupt keinen Durchblick, auch bis heute noch. Sprachen ja, Vokabeln gelesen abends, im Bett unter das Kopfkissen gelegt, reichte. Da lief nur diesen Horror bei Mathe. Nach 6 Jahren konntest du die Mittlere Reife machen, aber die ganze Klasse wurde schon damals im totalen Krieg eingezogen an die Flak. Ende 1943 wurde ich eingezogen. Ich war also noch keine 16 Jahre alt. Wir waren damals ja noch begeistert. Wir wollten ja in den Krieg. Wir wollten ja das Vaterland verteidigen. Wir waren ja von den Nazis so erzogen. Wir kannten ja nichts anderes. Man hat auch politisch argumentiert: "Wenn Deutschland siegt, dann bezahlt Adolf Hitler euch allen das Studium. Es geht weiter, ihr habt die besten Voraussetzungen." In dieser Generation wurdest du gar nicht für voll genommen, du warst irgendwie ein Außenseiter, wenn du nicht voller Begeisterung dabei warst. Du machtest dich verdächtig. Schließlich kannten wir ja auch keine andere Erziehung. Wenn der Lehrer morgens in die Klasse kam, ging es ja schon mit "Heil Hitler" los. Du musstest aufstehen, stramm stehen, "Heil Hitler" sagen.Mit der ganzen Klasse einschließlich Lehrer wurden wir dann einberufen zur Flak nach Heide-Maulen. In der Nähe war eine große Werft, die nannte sich Schichau-Werft. Dort wurden Kriegsschiffe hergestellt. Das war unser erstes Schutzobjekt. Wir hatten dann später auch für die minderwertigen Arbeiten, wie Munitionsschleppen und Schutzwälle machen, russische Kriegsgefangene, die integriert waren in unser Leben um die Flak herum. Da hatte ich ein trauriges Erlebnis. Ich war immer schon ein Außenseiter. Es war streng verboten, Kontakt mit den Russen aufzunehmen. Nachts ging ich trotzdem in die russischen Baracken und versuchte mit denen in Kontakt zu kommen, weil die nichts zu essen hatten. Wir hatten immer Brotkanten übrig, die hatte ich dann gesammelt und da rein geschleppt. Die schnitzten so wunderbare Holzsachen, Tauben mit Flügeln, so kleine Streifen, das waren dann die Flügel. Dann tauschte ich mit denen heimlich für meine Geschwister und die anderen.

Wenn wir dann morgens um sechs oder sieben Uhr Antreten hatten, kam ich 5 Minuten später. Das waren schon die ersten Ansätze, dass ich anfing politisch nachzudenken. Da ich keine großen Möglichkeiten hatte, Protest zu machen, wenn mich so richtig die Wut gepackt hatte, war Unpünktlichkeit meine Methode. Dann standen erst die Deutschen, die Erwachsenen, dann standen wir Schüler, die Luftwaffenhelfer, und dann am Ende die Russen, die Gruppe, die eingeteilt wurde in die Arbeit. Dann musste ich immer 10 oder 5 Runden laufen zur Strafe. Immer wenn ich an den Russen vorbei kam, gaben die mir Beifall. Da war irgendwie ein gegenseitiges Anerkennen oder so etwas. Die waren Gefangene – ich war nicht zufrieden. Jedenfalls klappte das so. Und dann lieferte ich denen so viel Brot und hatte mal ein Wochenende Ausgang. Ich kam am Montag früh wieder. Die Russen hatten sich von dem Brot Schnaps gebraut, das geht. Dann hatte sie der Unteroffizier an den Strand geführt, das waren ca. 200 Meter – Freizeit. Sie hatten sich da hingesetzt und heimlich ihren Schnaps gesoffen. Nach einer Stunde sollten sie wieder zurück. Aber sie fingen an zu rebellieren, weil sie betrunken waren, und wollten nicht ins Lager. Sie wollten da am Strand liegen bleiben. Ich war ja nicht dabei, wir kamen erst Montag wieder. Als ich in den Speiseraum hinein kam, waren da 7 oder 8 Russen, die hatten sie erschossen. Die lagen da auf dem Boden, weil sie rebelliert hatten. Sie wurden im Speisesaal auf die Erde gelegt zur Abschreckung.

Der Wachtmeister Grömke, das war dieser Staffelwachtmeister, der hatte nebenan seine Bude. In unseren Baracken war die Deckenverkleidung nur aus Holzfaserplatten. Die konnte man hoch heben. Darüber waren so 50 cm frei und man konnte auf den Boden klettern. Ich war ja immer so - mir war alles manchmal einfach scheiß egal – machte manchmal so unbedachte Dinge, die eigentlich verboten waren. Wenn ich die Decken hoch nahm, kam ich von oben rein in seine Bude. Er durfte wegen der Angriffe und der Meldungen Radio hören. So langsam fingen wir Jugendlichen dann an, uns für englische Jazzmusik zu begeistern. Das war ja bei den Nazis verboten, denn Jazzmusik war Negermusik, Kulturschändung und weiß der Teufel was. Immer, wenn Grömke Wochenendurlaub hatte, kletterten wir da in seine Bude. Später wurde das ein bisschen leichter für mich. Da nahm er mich zum Budenjungen, Schuhe putzen und so was. Also ich durfte dann offiziell rein und brauchte keine Angst mehr zu haben, in sein Zimmer heimlich einzudringen. Ich konnte seitdem mit seinem Radio die verbotene englische Jazz-Musik hören.

Damals, als wir in der Nähe von Königsberg die erste Flakstellung hatten, ungefähr 20-30 km entfernt, hatte ich eine Freundin, die war 3 oder 4 Jahre älter und kam aus unserer Siedlung. Gisela war ein hübsches Mädchen und meine erste heimliche große Liebe. Am Wochenende bekam ich Urlaub und mein Vorgesetzter Grömke nicht. Da sagte er zu mir: "Weißt du was, ich hab eine Verabredung am Nordbahnhof in Königsberg und ich kann heute nicht hin. Kannst du ihr den Brief mitnehmen? Das Mädchen wartet da auf mich." Ich kam da hin und wer stand da? Meine Gisela! Da hatten wir beide sozusagen die gleiche Freundin – ich heimlich, ich war ja schüchtern und hatte mich nicht getraut – und er offiziell.

Das war so die Erinnerung, die ich da in Ostpreußen hatte mit der Schichau-Werft als Schutzobjekt. Als die Front dann immer näher rückte, wurden wir aus Ostpreußen heraus gezogen. Königsberg, wo wir gewohnt hatten, war dann später Festungsstadt, von der Roten Armee eingekreist. Und die Rote Armee zog weiter Richtung Berlin. Ich jedoch kam erst einmal als Flakhelfer in die Niederlausitz.

lo