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Hannes Bienert: Fahnenflucht in Berlin 1945

Dieser Beitrag stammt von: Hannes Bienert (*1928) aus Bochum, Juli 2013

Mit meiner gesamten Klasse aus Königsberg war ich als Luftwaffenhelfer in Ostpreußen und in der Niederlausitz eingesetzt. Mit zwei Freunden war ich damals 17-Jähriger immer zusammen, eine richtige Clique waren wir, Helmut Kühn und Wolfgang Lomoth. Das war der Sohn des Direktors unserer Schule in Königsberg. Wir blieben immer zusammen. Nach dem Einsatz in Klettwitz in der Niederlausitz wurden wir mit unserer Flak-Batterie in die Tschechoslowakei verlegt und dort offiziell als Luftwaffenhelfer entlassen. Wir bekamen unsere Papiere und den Marschbefehl nach Berlin in die Hermann-Göring-Kaserne, wo wir an der Panzerfaust ausgebildet wurden. Das war so ein Ding wie ein Rohr. Vorne war ein komisches Geschoss dran, das war was mit Magnesium. Wenn man dann auf eine Panzerplatte aus Eisen geschossen hatte, hat sich das durchgebrannt. Man trug das Ding, damit konnte man nur einmal schießen, auf der Schulter und hinten kam dann, wie bei einer kleinen Kanone, der Feuerstoß raus. Darin kriegten wir eine Ausbildung, in 2-3 Tagen, ganz schnell. Dann sollten wir mit einem Unteroffizier mit der S-Bahn nach Berlin-Gesundbrunnen, so hieß der Stadtteil, zur Ausgabestelle für Fahrräder. Dort sollten wir dann Fahrräder in Empfang nehmen und mit der Panzerfaust und mit den Fahrrädern als letzte Reserve den Russen entgegen fahren, an die Front nach Küstrin. Natürlich bekloppt.

Natürlich stiegen wir auch in die S-Bahn. Wir waren mehrere, aber wir drei blieben immer zusammen. Einsteigen, Zurücktreten, Türen schließen, ruck- zuck ging das dann. Wir drei standen da an der Tür und wie wir: "Zurück bleiben, Türen schließen!" hörten, ließen wir unsere Panzerfaust stehen und sprangen raus aus der S-Bahn. Das war unsere erste Fahnenflucht mit 17 Jahren in der letzten Phase des Krieges. Ich hatte in Berlin auch Verwandte. In Berlin Niederschönhausen versteckte uns Tante Mimi für eine Nacht. Wir mussten dann erst einmal überlegen, wohin wir gehen sollten, damit sie uns nicht schnappten. Der Krieg ging zu Ende – bei Fahnenflucht lautete zuletzt der Befehl: Sofortige Bestrafung zur Abschreckung durch Erschießen oder Erhängen! Fahnenflüchtige wurden an den Baum gehängt, das sah man überall. Wenn die Streifen einen erwischten, kontrollierten sie die Papiere, so wie die Polizei heute im Verkehr. Ohne Papiere und ohne Einheit warst du schon fahnenflüchtig, die beste Gelegenheit am nächsten Baum aufgehängt oder erschossen zu werden. Dazu hatten die Streifen eine Vollmacht. Sie waren gekennzeichnet mit einer Kette um den Hals, das ein Schild trug; darauf stand Militärpolizei. Wegen der Ketten nannten wir sie "Kettenhunde".

Erwischt zu werden, stand uns also immer im Nacken. Von Berlin sind wir dann abgehauen nach Schipkau in der Niederlausitz zu unseren Mädchen, als wir dort Flakhelfer waren. Jeder hatte da ja eine Freundin. Die Eltern der Freundin von Helmut Kühn hatten dort ein Eigentumshäuschen. Jetzt kamen wir dahin, und der Mann dieser Frau, die uns so bemuttert hat, sagte: "Passt mal auf Jungs, wenn die euch erwischen, die knallen euch ab. Ihr geht also jetzt zur Gemeinde und sagt, ihr seid von der Tschechoslowakei, seid aber nicht weitergekommen, weil keine Züge fuhren. Es wurde bombardiert und ihr habt eure Papiere verloren, deshalb meldet ihr euch. Ihr werdet untersucht werden und richtige Papiere kriegen. Damit habt ihr Zeit gewonnen und werdet einer Einheit zugewiesen. Aber ihr habt dann ein Stück Papier in der Hand, dass ihr offiziell registriert seid. Damit kriegt ihr dann Lebensmittelkarten, diese Bezugsscheine, und Raucherkarten für Zigaretten."

Das machten wir dann auch und wurden somit nachträglich legalisiert. Später stellte ich fest, nachdem der Krieg zu Ende war, dass er Karl Jotte hieß. Er war ein alter Kommunist und wurde der erste Bürgermeister in dem Dorf nach dem Krieg. Er hatte Sympathie für uns, weil das ja alles in seinem Sinne war: Militär in den Hintern treten, weg, Fahnenflucht usw. In dem Dorf lebte aber auch ein fanatischer Nazi, der war Bürgermeister und wollte bis zuletzt kämpfen. Als die ersten russischen Panzer ankamen, nahm der dann seine Panzerfaust, drückte ab und schoss. Leider stand er in seiner Wohnung. Hinten brannte die Küche durch den Feuerstrahl, als die Granate ging. Das ganze Dorf lachte darüber. Damals war das noch eine echte Anekdote.

Von Schipkau aus wollte Helmut noch vor Kriegsende unbedingt nach Hamburg. Wir entschieden uns dann, nicht zusammen zu bleiben, wir drei. War auch viel zu gefährlich. Helmut hatte in Hamburg Verwandte, so dass er da Fuß fassen konnte. Ich wollte in Richtung Österreich nach Steyr an der Enns, wohin meine Familie von Königsberg evakuiert worden war. Der Lumpi, der Wolfgang Lomoth, der Sohn unseres Schuldirektors der Oberschule, wollte heim nach Königsberg. Doch die Stadt war eingeschlossen von den Russen, wie eine Festung, und sein Vater war Offizier in der Festungskommandantur. Ohne Kontakte im Westen wollte er dort sterben wo seine Eltern auch sterben. "Ich mach mich auf den Weg, egal ob ich durch die Front durch komme, oder nicht, in Richtung Königsberg." Es war unmöglich durch die Front zu kommen, durch zwei Fronten, deutsche Front und russische Front. Und dann keine Verkehrsmittel – nichts! Von Lumpi hörten wir nie wieder etwas.

Der Helmut brach dann nach Hamburg auf. Ich wollte nach Österreich kommen. Aber in den Ersatzpapieren des Gemeindeamts Schipkau stand ja drin, dass unser Ziel immer noch nach wie vor Berlin war. Wir wussten ja nicht, in wie weit wir gemeldet waren. Wir waren ja von Berlin abgehauen. Jetzt musste aber in den neuen Papieren stehen, dass wir nicht auf der Flucht seien, wir wollten nicht stiften, wir waren nur unterwegs nach Berlin. Aber tatsächlich musste ich in die entgegengesetzte Richtung zu meiner Mutter und meinen Geschwistern nach Österreich. Ich muss ehrlich sagen, ich habe in meinem Leben immer so gehandelt: "Alles oder Nichts!" Meistens hatte ich Glück in meiner Sturheit oder Frechheit, ganz egal wie man das nennt, eben typisch Hannes. Viele, die mich kennen, sagen das auch heute noch.

Trotz falscher Papiere stellte ich mich dann per Anhalter an die Straße. Da hielt ein Militär Jeep in dem ein Offizier saß und der fragte: "Wo willst du hin, Junge?" "Nach Österreich!" antwortete ich. "Ja, steig ein!" Wir unterhielten uns, und er war wohl sehr klug, der hörte heraus, was mit mir los war und hatte Sympathie für mich. Er war vielleicht der gleichen Gesinnung wie ich. Wenn wir an einer Streife waren oder anhalten mussten, sagte er: "Du bleibst hier sitzen!" So konnten wir bis Steyr durchfahren, denn er musste in die gleiche Stadt. Ich hatte ihm von der Flucht meiner Mutter erzählt, die ich bald in Steyr fand. In Steyr waren Motorenwerke, die Steyerwerke, in so einem vornehmen Viertel, wo die Ingenieure wohnten. Diese waren aber alle hohe Nazis und längst stiften gegangen. Meine Mutter wurde dann in eine dieser leeren Wohnungen eingewiesen und wir wohnten dort mit Tante Grete, deren Familie und Tante Trude und der Oma bis Kriegsende. Durch Steyr fließt die Enns, der Fluss teilt die Stadt. Zuerst waren die Amerikaner in ganz Steyr, dann wurde die Stadt entlang des Flusses neu geteilt. Die Hälfte bekamen die Amerikaner und die andere Hälfte, in der wir wohnten, bekamen die Russen.

lo