Georg Blumenthal

Erster und langjähriger Mitarbeiter von Silvio Gesell. Blumenthal wuchs in Ostpreussen und Berlin auf und war als Tischler bei der Deutschen Reichspost tätig. Über die Arbeiterbildungsschule fand er zu Ideen des freiheitlichen Sozialismus und den Bodenreformern. 1906 wurde er mit Hilfe Gesells selbständiger Kaufmann, Herausgeber sowie Vertreiber von dessen Buch "Verwirklichung des Rechts auf vollen Arbeitsertrag".
1907 versuchte er vergeblich, 10 000 Exemplare von Gesells "Kannte Moses das Pulver?" in Deutschland abzusetzen. Bis 1908 stand er in Briefkontakt mit Gesell während dessen Argentiniengeschäfte.
1909/10 baute er den physiokratischen Verlag auf, um Gesells Hauptwerke "Aktive Währungspolitik" (1908 mit Ernst Frankfurter), "Neue Lehre von Zins und Geld" (1911), "Die natürliche Wirtschaftsordnung" (NWO 1916) wieder mit nur wenig Resonanz herauszubringen. 1909 gründete er den Verein für physiokratische Politik mit Sitz in Berlin Lichterfelde und Hamburg und 200 RM Starthilfe von Gesell, der sich aus christlichen Gewerkschaftlern, Bodenreformern, Individualanarchisten und Syndikalisten zusammensetzte. In seinen Vorträgen verband er die gesellsche Bodenrechts- und Geldreform mit Ideen der natürlichen Ordnung der Physiokraten-Schule von Quesnay, Proudhon und Henry George.
1913 erfolgte die Erweiterung in die Physiokratische Vereinigung, die moderne Physiokratieideen verbreitete, um proletarische Zielgruppen durch die Garantie des vollen Arbeitsertrags für die anvisierte Geld- und Bodenreform zu gewinnen. Er schuf mit seiner "Flussschrift" eine freie Organisationsform autonomer Gruppen ohne Vorstand, die das "Flussbett" der Physiokraten frei gestalten konnten. Ab 1911 hatte er eine feste Arbeitsgemeinschaft mit Gesell, der nun in Eden bei Berlin wohnte. Seit Mai 1912 gab er die kleine Zeitschrift "Der Physiokrat" heraus, in der ersten Ausgabe mit einem eigenem Gedicht über Mammons Sturz.
1912 propagierte er in einem Artikel erstmals die Idee des Geldstreiks, als Ausgangspunkt für spätere physiokratische Reformgeld-Experimente. Er verfasste die "Prinzipienerklärung der Physiokratie" den Übergang zur natürlichen Wirtschaftsordnung mittels Reformgeld und Reformboden versus kapitalistischen Markt und marxistischer Staatswirtschaft, einen "Dritten Weg" zwischen sozialer Marktwirtschaft und liberalen Sozialismus. Seine programmatische Zielrichtung des "Physiokrat" ist im Aufsatz "Unsere Daseinsberechtigung" in Band 7 von Gesells Werken aufgenommen. Auf Flugblättern wurde damals für die " Prinzipienerklärung" und mit Mustern eines "Grundbesitz-Ablösescheins" sowie eines "Physiokratischen Geldes" geworben, um sozialdemokratische Anhänger für die Anliegen und Ziele der physiokratischen Geld- und Bodenreform zu gewinnen.
1913 unterstützte Gesell den "Physiokrat" mit 2000 Reichsmark aus Argentinien und schrieb neben Blumenthal zahlreiche Artikel.
1914 musste der "Physiokrat" sein Erscheinen unterbrechen, es folgten Kriegsflugblätter mit 5 physiokratischen Friedensdiktaten. 1915 erschienen sporadisch drei Ausgaben der Zeitschrift mit Artikeln über die Deutsche Reichsbank im Krieg. 1916 erschien der letzte "Physiokrat" mit einem Nachkriegsordnungsaufsatz über die Schaffung eines mitteleuropäischen Bundes, analog dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen. 1916 fiel der "Physiokrat" der Kriegszensur zum Opfer und Blumenthal musste zum Kriegsdienst.
Allmählich wurde die Physiokratie durch den Ausdruck Freiwirtschaft ersetzt - aus Reformgeld wurde Freigeld - der Term Freiland wurde von Bodenreformern übernommen - mit dem Ziel Freiwirtschaft statt physiokratischer Ordnung.
1916 erschien die "Natürliche Wirtschaftsordnung mit Freiland und Freigeld" von Gesell in 4 Teilen in seinem Physiokratischen Verlag als Neuauflage aus "Recht auf vollem Arbeitsertrag" von 1906 und "Neue Lehre von Zins und Geld" von 1911.
Mit seinem eigenem Buch "Die Befreiung von der Geld- und Zinswirtschaft" 1917 sollten sich Arbeiter aus ihrer proletarischen Tretmühle befreien und sich nicht für ein Linsengericht an Gewerkschaft und Staat verkaufen, statt in den Arbeits-, sollten sie in Geldstreik treten und den Kapitalismus in Arbeit und Kapital ersäufen.
1918 in der Novemberrevolution fanden seine physiokratische Ideen erstmals größere Resonanz. Während Gesell in Haft saß, bereitete er 1919 das Wiedererscheinen des "Physiokraten" vor - nun als "sozialökonomisches Kampfblatt für das arbeitende Volk" gegen marxistische Ideen, Staatskapitalismus und Militärdiktatur. Er setzte sich für die Fortsetzung Physiokratischer Ideen ein, warnte vor Abstrichen an physiokratischen Geld- und Bodenreformen und Kompromissen gegenüber anderen Gruppen. Er selbst machte mit der Aufnahme seines allgemeinen Aufteilungsplans des Produktionsvermögens beim Übergang zur physiokratischen Ordnung in das Programm der Physiokraten Zugeständnisse, was zu Spannungen in der Vereinigung und Problemen für die Zeitschrift führte. Im Zuge proletarischer Einheitsbestrebungen auf Basis der Boden- und Geldreform bildete sein Berliner Verein Ableger in Hamburg und im Ruhrgebiet. Er übernahm die Redaktion der Zeitung "Der Befreier" um eine linke NWO-Einheitsfront vorzubereiten, die nach 7 Ausgaben wegen Defizits eingestellt wurde. Blumenthal verfasste für den Fisiokratischen Kampfbund noch die Prinzipienerklärung. Freiwirtschaft war für ihn aber nur ein Mittel der Physiokratie. 1925 kam seine letzte Schrift "Individuum und Allgemeinheit" heraus.
1924 zerfiel die Physiokratische Vereinigung und es erfolgte sein Rückzug aus der NWO-Bewegung und seine Hinwendung zur Esoterik.
Am 27. 6. 1929 ist der herzkranke Blumenthal gestorben. Gesell hielt seine Grabrede.

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