Die erste Tafel: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen

 

Die Bilderfolge setzt mit der biographischen Schilderung nicht bei der Geburt und Kindheit Johann Friedrichs ein, sondern mit seiner religiös geprägten Jugend. Im linken Teil auf der ersten Tafel, der den Innenraum einer Kirche zeigt, sehen wir ihn als Teilnehmer eines Gottesdienstes. Im Zentrum dieser Szene steht die Kanzel, von der ein Prediger, vermutlich Martin Luther, zur kursächsischen Familie und zum Hofstaat spricht. Auf der erhöhten Fürstenempore links haben Johann Friedrichs Vater Kurfürst Johann der Beständige (1468-1532) und dessen zweite Frau Margarethe von Anhalt (1494-1521) mit ihrem Sohn Herzog Johann Ernst (1521-1563), dem jüngeren Halbbruder Johann Friedrichs, Platz genommen. Neben der fürstlichen Familie befinden sich noch drei würdig gekleidete Herren mit goldenen Amtsketten auf der Empore, vermutlich Beamte des kursächsischen Hofes. Unterhalb der Empore sowie im hinteren, zum Chor führenden Teil der Kirche stehen und sitzen, streng nach Geschlechtern getrennt, weitere Mitglieder des Hofes. Dieser Teil der Szene entspricht der Darstellung auf dem Holzschnitt des Meisters HM (Feld 3), wenn auch die Komposition verändert und der architektonische Rahmen wesentlich aufwendiger gestaltet ist.

 

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pfeilo.gif (890 Byte) Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554, Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 3)

Unbekannter Künstler: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 259,5 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/14) (Detail) pfeilr.gif (894 Byte)

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Der tief in den Hintergrund fluchtende Kirchenraum darf wohl als idealtypische Darstellung einer protestantischen Kirche mit Abendmahlsaltar, Taufbecken und Kanzel verstanden werden. Während Johann Friedrich auf dem Holzschnitt unmittelbar vor der Kanzel stehend die Worte des Predigers vernimmt, finden wir ihn auf dem Gemälde im Vordergrund beim Sammeln der Kollekte. Diese für einen jungen Kurprinzen ungewöhnliche Tätigkeit, für die er sich statt auf die Empore unter die übrigen Gläubigen begeben hat, bringt als bewußte Selbsterniedrigung seine Demut (humilitas) zum Ausdruck, eine Tugend, die eine wichtige Rolle in der protestantischen Ethik spielt. In diesem Teil der ersten Tafel, der links oben auch das Wappen Johann Friedrichs trägt, wird mit dem Hinweis auf die tiefe Religiosität des jungen Kurprinzen ein Leitmotiv vorgegeben, das für seinen weiteren Lebensweg bestimmend sein wird.

 

Etwas in den Hintergrund gerückt, ist im rechten Teil der Tafel die Hochzeit Johann Friedrichs mit der Prinzessin Sibylle von Cleve (1512-1554) dargestellt, die 1527 stattfand. Georg Mentz weist in seiner Biographie Johann Friedrichs auf die Bedeutung dieser Hochzeit hin. Um die Unterstützung Kursachsens für die Königswahl 1519 zu gewinnen, hatte Karl V. Johann Friedrich die Hand seiner Schwester Margarethe versprochen, löste die Verlobung nach der erfolgreichen Wahl jedoch wieder auf. Nun besann man sich in Sachsen auf ältere Überlegungen, durch eine Verbindung zwischen dem Kurfürstentum Sachsen und dem Herzogtum Jülich-Cleve-Berg alte Lehensstreitigkeiten zu beseitigen, und wählte Sibylle von Cleve als Braut.Das Gemälde zeigt Johann Friedrich und Sibylle von Cleve vor einem Geistlichen, der ihnen im Beisein von Trauzeugen den Segen erteilt. Auch auf dem Holzschnitt folgt nach der Gottesdienst-Szene als viertes Bild die Hochzeit.

 

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pfeilo.gif (890 Byte) Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554, Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 4)

Unbekannter Künstler: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 259,5 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/14) (Detail) pfeilr.gif (894 Byte)

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Wird dort das Paar vor einem Altar mit Kreuzigungsretabel getraut, ist das Ereignis im Gemälde in einen palastartigen Saal verlegt, der kostbar mit monumentalen rotbraunen Säulen und vergoldeten Kapitellen ausgestattet ist.

 

Rechts neben der Hochzeitsszene blickt man in eine Landschaft mit phantasievollen Felsformationen. Im Vordergrund wird ein von Fanfarenbläsern und einem Trommler angeführter Reiterzug gezeigt. Die Deutung dieses Geschehens kann sich auf den Holzschnitt stützen. Dort ist im fünften Bildfeld ebenfalls ein Reiterzug dargestellt, der von einem Trompeter angeführt wird. Derselbe Zug ist im Hintergrund noch einmal vor den Toren einer Stadt zu erkennen, wo er von zwei Personen, einer knienden und einer stehenden, begrüßt wird. Die Unterschrift zu dieser Szene lautet: »Nam ein nach seines Vattern todt / Landt und Leute ohn alle noth. / Den sie betten zu einem Herrn / Nach Gott willig von hertzen gern.«

 

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pfeilo.gif (890 Byte) Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554, Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 5)

Unbekannter Künstler: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 259,5 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/14) (Detail) pfeilr.gif (894 Byte)

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Gemeint sind die Visitationen, mit denen Johann Friedrich in seinen Ländern den protestantischen Glauben einführte. Staatliche Kommissionen aus Beamten und Theologen reisten von Ort zu Ort und inspizierten die Gemeinden. Klöster wurden geschlossen, Kleriker, die nicht bereit waren, zum neuen Glauben zu wechseln, aus ihren Ämtern entfernt. Bereits als Kurprinz hatte Johann Friedrich Visitationen angeregt und geleitet, seit der Übernahme der Regierungsgeschäfte im Jahr 1532 dehnte er sie auf die angrenzenden Gebiete von Schwarzburg und Reußen aus. Diese Vorgehensweise zur Errichtung einer reformierten Landeskirche wurde für andere Fürstentümer zum Vorbild.

 

Im Vordergrund der Hochzeits- und Visitationsszene stehen hinter zwei steinernen Brüstungen vornehm gekleidete Herren, die gruppenweise lebhafte Gespräche führen. Im 19. Jahrhundert interpretierte man sie als Hochzeitsgäste, was aufgrund mangelnder Porträtähnlichkeit nicht zu belegen ist. Aber auch der Vergleich mit dem Holzschnitt ist nur indirekt aufschlußreich. Hier folgen in Feld 6 Johann Friedrich, der Untertanen empfängt, und in Feld 7 protestantische Flüchtlinge, die beim Kurfürsten um Asyl nachsuchen.

 

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pfeill.gif (881 Byte) Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554, Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 6)

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pfeilo.gif (890 Byte) Unbekannter Künstler: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 259,5 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/14) (Detail)

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pfeill.gif (881 Byte) Meister HM: Szenen aus dem Leben Johann Friedrichs des Großmütigen, nach 1554, Holzschnitt, gedruckt von 8 Stöcken, 39 x 224 cm (Feld 7)
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pfeilo.gif (890 Byte) Unbekannter Künstler: Jugend, Heirat und Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen, 1. Drittel 17. Jh., Öl/Holz, 146 x 259,5 cm (Berlin, Deutsches Historisches Museum, Inv.-Nr. Kg 58/14) (Detail)

 

Somit zeigen beide Szenen Johann Friedrich in seiner Eigenschaft als protestantischer Landesvater und stellen seine Sanftmut und Großmut und damit klassische Tugenden des idealen Herrschers heraus. Man kann nun vermuten, daß im Gemälde mit den beiden Figurengruppen an der Brüstung im Grunde derselbe Bildgehalt zum Ausdruck gebracht werden soll. Dann wäre die Figur mit dem gelben Umhang, die beiden Gruppen angehört, als Johann Friedrich zu identifizieren, der seiner Gefolgschaft Rat und protestantischen Exulanten Hilfe gewährt.

 

Die Szenen der ersten Tafel beschränken sich also auf die Jugend und eine erste Phase seiner Regierungszeit. Neben historisch Bedeutsamem sind auch Begebenheiten dargestellt, die vor allem ein positives Bild seiner Persönlichkeit vermitteln. Johann Friedrich ist durch die herrscherlichen Tugenden Sanftmut, Gerechtigkeit und Großmut ausgezeichnet, besonders aber durch seine ausgeprägte Religiosität. Es sind dies notwendige und vorbildliche Eigenschaften eines Landesherrn, der in der sich konstituierenden evangelischen Kirche gleichzeitig die Position des obersten Bischofs innehatte.

 


 

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